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Briefe

Zwei Paar Stiefel
aus DER SPIEGEL 43/2001

Zwei Paar Stiefel

Nr. 41/2001, Titel: Der religiöse Wahn - Die Rückkehr des Mittelalters

So widersprüchlich wie dargestellt, offenbart sich der alttestamentarische Gott mit seiner Aussage »Auge um Auge, Zahn um Zahn« denn doch nicht, wenn man weiß, dass es sich hier um eine sinnverzerrende Übersetzung handelt. Korrekt wäre: »Der Schädiger muss dem Geschädigten etwas geben, das an die Stelle des Gliedes oder Organs tritt, das nicht mehr seine volle Funktion erfüllen kann.« Hier ist von einem Richter festzusetzende Entschädigung, nicht aber Rache gemeint. (Quelle: »Ist die Bibel richtig übersetzt?« von Pinchas Lapide, 1994)

TITISEE-NEUSTADT (BAD.-WÜRTT.) DR. ANDREAS RICHSTEIN

Das Christentum hat sich im Mittelalter ebenfalls nicht gerade geistreich aufgeführt - nur hatte man damals noch keine Flugzeuge und Raketen zur Verfügung. Der Islam, nach eigener Zeitrechnung nun im 15. Jahrhundert angekommen, hat zum Ausleben der Aggressionen allerdings ganz andere technische Möglichkeiten. Wegen des immer wieder durchbrechenden Hangs zum Fanatismus in allen Religionen sollte man sich aus taktischen Erwägungen derzeit nicht in allzu viele Höflichkeiten gegenüber den Repräsentanten der Konfessionen verlieren.

HATTINGEN (NRDRH.-WESTF.) DIETMAR FRITZE

Der entlarvenden Analyse der Autoren verdanken wir nun die Einsicht, dass Verfolgungen, Kriege, Völkerhass und Folter letztlich auf das menschenverachtende Potenzial der Religion zurückzuführen ist. Im Umkehrschluss müsste man annehmen dürfen, dass sich die menschliche Koexistenz bei der Abwesenheit von Religion humaner gestaltet. Was beobachten wir in solchen nicht-religiösen Gesellschaften? Verfolgungen, Kriege, Völkerhass und Folter. Es ist nicht die Religion, die den Menschen entarten lässt, sondern etwas, das theistische wie atheistische Gesellschaften gleichermaßen zu domestizieren suchen.

RALINGEN-KERSCH (RHLD.-PF.) PETER LIMBURG

Dem religiösen Wahn und seinen schrecklichen Auswüchsen könnte der Boden entzogen werden, wenn man endlich aufhören würde, anderen Menschen mit oder ohne Gewalt beizubringen, was Gott sagt, was er von uns will, was er mit uns vorhat, was uns im Jenseits erwartet, das heißt, unentwegt über etwas zu reden und in den unterschiedlichsten Variationen als Wahrheit zu verkünden, worüber wir nichts, aber auch gar nichts wissen.

WIESBADEN DR. TRAUGOTT FLAMM

Es ist nicht der Kampf zwischen Islam und

Christentum. Es geht schlicht und einfach um persönliche und politische Interessen.

Die gegenwärtigen Terrororganisationen haben ihre Wurzeln im »Kalten Krieg«. Der Westen war an der Sicherung seiner Ölversorgung interessiert, die Sowjetunion an der Destabilisierung. Der Feind des Feindes war der natürliche Freund, egal aus welcher politischen Ecke er kam. Leider hat der Westen nach dem »Kalten Krieg« Arabien sich allein überlassen, so dass die Terrororganisationen jetzt gerade in einer jungen gebildeten Schicht Widerhall finden. Nachdem sozialistische Ideen sich als Irrweg erwiesen haben, demokratische Ideale von den Regierungen bislang verhindert wurden, bleibt nur der Islam als Ersatzideologie. Nun muss der Westen helfen, den islamischen Boden zu demokratisieren. Denn nur Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte werden auf Dauer den Zulauf für die Terroristen austrocknen und ihre Basis zerstören. Der Islam wird im selben Ausmaß an Bedeutung verlieren, wie eine freiheitliche Ordnung zunehmen wird, wie dies immer bei Religionen und Ideologien der Fall war.

SIMBACH (BAYERN) RICHARD M. KOTLARSKI

Ihre Titel-Story schildert auf eindrucksvolle Weise, welche historische und religiöse Basis dem islamischen Fundamentalismus zu Grunde liegt. Sie sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich mit den Ursachen und den Folgen des Terrorismus auseinander setzen wollen, auch und gerade für den US-Präsidenten. Es wird auch deutlich, welchen Nährboden religiöser Fanatismus hat: die Armut vor allem vieler junger Menschen.

DRESDEN ANDREAS MEIßNER

Der Satz »Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen« aus dem Alten Testament wird vom Autor benutzt, um die Brutalität des jüdischen Volkes zu dokumentieren. Wer den Satz richtig versteht, kennt natürlich seine Bedeutung, die nichts anderes ist als: Töte keinen Menschen. Wenn er schon mit dem Alten Testament argumentiert, kann er an den Zehn Geboten nicht vorbeigehen. Diese Zehn Gebote bilden zweifelsfrei eine Grundlage der jüdischen Moral, aber auch der christlichen.

BERLIN PETER SCHREIER

Können Menschen, die ihr von »Gott gesegnetes Land« mit dem Todesrisiko verteidigen (Soldaten), auch als Selbstmordattentäter bezeichnet werden?

HANNOVER MATTHIAS CHRISTMANN

Ich kann nicht verstehen, warum die Welt über das Christentum, den Islam und das Judentum diskutiert. Das Problem sind nicht die Religionen. Das Problem ist die Politik der USA gegenüber Afghanistan. Wenn es ein Glaubenskrieg wäre, warum wurden dann andere christliche Länder nicht attackiert?

BUDENHEIM (RHLD.-PF.) GÖKHAN SARIKAYA

Eigentlich könnte man darüber lachen, wenn die Sache nicht so tragisch und - vor allem - so weltbedrohend wäre: Mr. Bush & Co. zappeln wie Marionetten an den Fäden ihres Lieblingsfeindes, der jeden ihrer Schritte genau vorausgeplant hat und ihnen immer einen solchen voraus ist.

FREIBURG MARGOT DEGAND

»Religiöser Wahn« ist eine tautologische Phrase. Denn alle Religiosität basiert auf der wahnhaften Überzeugung von der Existenz eines Gottes.

NÜRNBERG OLIVER SEIDL

Ernst gemeinter Glaube und gewaltbereiter Extremismus sind zwei Paar Stiefel. Letzterer hängt sich nur gerne ein religiöses Mäntelchen um und benutzt die Religion skrupellos für seine perversen Zwecke.

SIEGELSBACH (BAD.-WÜRTT.) DANIEL FRITSCH PFARRER

In dem Artikel von Peter Wensierski werden »unabhängige Freikirchen« in die Nähe von gewaltbereiten Fundamentalisten gerückt, und angesichts des Vokabulars wird der Eindruck erweckt, alle »fundamentalistisch« denkenden Christen seien gewaltbereite religiöse Extremisten. Dass beispielsweise die »Waffe« solcher Christen das Gebet für Regierung, Gesellschaft und auch Gegner ist, bleibt unerwähnt. Für mich entsteht der Eindruck, dass hier mit allen Mitteln Parallelen zu islamistischen Terrorgruppen gezogen werden sollen. Dass Sie damit den gleichen Fehler begehen, den die Regierungen aller westlichen Länder zurzeit fieberhaft zu vermeiden versuchen, macht mich immerhin nachdenklich: nämlich dass einzelne Gewalttäter zum Anlass genommen werden, eine ganze - friedliche - Gruppe zu diffamieren und zu stigmatisieren.

WUPPERTAL JUDITH STÖRTE

Ich habe evangelische Theologie studiert, mehrere Jahre in der evangelischen Landeskirche gearbeitet und bin nun Pastor einer charismatischen Gemeinde. Als »Insider« ärgert mich diese undifferenzierte Aneinanderreihung von Schreckensmeldungen sehr. In den Medien wurden große Anstrengungen unternommen, um den Islam nicht zusammen mit extremen Fundamentalisten in einen Topf zu werfen. Wieso geschieht dies hier im Bereich der freien charismatischen Gemeinden?

GAU-ALGESHEIM (RHLD.-PF.) JAN VON WILLE

Viele der von Ihnen genannten circa 800 Gruppen und Gemeinschaften sind Mitglieder der Evangelischen Allianz Deutschland - der man nun bestimmt nicht »Sektierertum« und »Fundamentalismus« nachsagen kann. Dass sich die »Sektenbeauftragten« der großen Landeskirchen über angebliche Sekten aufregen und ärgern, ist klar. Wird doch in den christlichen Gemeinschaften und Gemeinden das Wort der Kanzel lebendig gepredigt - etwas, das die großen Kirchen schon lange nicht mehr schaffen. Ihre Aufregung ist jedoch noch viel besser zu verstehen, wenn man bedenkt, dass den Großkirchen damit potenzielle Kirchensteuerzahler verloren gegangen sind. Und zwar zu Tausenden. Die »Partei Bibeltreuer Christen« als den politischen Arm dieser Gruppen zu benennen geht nun wirklich weit an der Realität vorbei. Vielmehr enthalten sich (leider) viele Christen einer politischen Meinung. Die von Ihnen zitierten Aussagen sollen nicht zu einem weltlichen Kampf aufrufen! Sie sind eher ein Bewusstmachen des geistlichen Kampfes, den jeder Christ tagtäglich führt, und sollen ermutigen, die Kraft in Gebeten zum Herrn zu finden. Wer die Bibel genauer liest, wird diese Zusammenhänge auch deutlich erkennen. Bibelleser wissen mehr.

LUDWIGSHAFEN HARTMUT-KLAUS HENKE

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