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ZWEI PANZER AUF DEM UNTERSTAND

Im eingeschlossenen Khe Sanh interviewte ein Reporter des Nachrichtenmagazins »Newsweek« Überlebende des US-Vorpostens Lang Vei, der am 7. Februar von Kommunisten überrannt worden war. Aus den Augenzeugenberichten rekonstruierte er die Eroberung des Vorpastens, bei der die Kommunisten erstmals Panzer einsetzten:
aus DER SPIEGEL 8/1968

Der Fall von Lang Vei war eine brutale Überraschung. Das kleine Lager der Special Forces, sechs Kilometer südwestlich des Stützpunktes Khe Sanh, war Ende des vergangenen Monats in tödliche Gefahr geraten, als ungefähr 40 000 Nordvietnamesen rings um Khe Sanh aufmarschierten. Zwar verfügte die Besatzung von Lang Vei -- 22 Green Berets* und etwa 400 südvietnamesische Freiwillige -- über Schutzbunker gegen Vietcong-Überfälle. Aber zur Verteidigung gegen massierte Angriffe war das winzige Lager nicht gerüstet.

Denn Lang Vei diente in erster Linie als Ausgangspunkt für Spähtrupps nach Laos und zum Ho-Tschiminh-Pfad sowie für heimliche Guerilla-Überfälle auf Nordvietnam.

Vor den anrückenden Nordvietnamesen waren Tausende Zivilisten nach Lang Vei geflohen. Lang Vei mußte verteidigt werden, und obwohl zahlenmäßig unterlegen, glaubten die Amerikaner, das Lager halten zu können. Sie setzten ihre Hoffnungen »auf die Bomber von Da Nang und die schweren Geschütze der Mannes von Khe Sanh.

Doch die Nordvietnamesen kamen nicht mit dem erwarteten Grollaufgebot von Infanterie, sie kamen mit Panzern -- einer Waffe, die sie noch nie zuvor in Südvietnam eingesetzt hatten.

Als die Verteidiger von Lang Vei nach Mitternacht. das dumpfe. Brummen hörten, glaubten einige zunächst, ein defekter Generator mache den Lärm. Dann erkannten sie die wahre Ursache: Zehn Panzer, mit Zweigen und Bambus getarnt, rollten auf die Stacheldrahtverhaue des Lagers zu.

Daß nordvietnamesische Tanks den Ho-Tschi-minh-Pfad herunterkämen, war schon seit geraumer Zeit berichtet worden. Jetzt aber tauchten sie so plötzlich vor dem belagerten Stützpunkt auf, daß »wir unseren Augen nicht trauen mochten« -- so Feldwebel Nick Fragos, einer der Überlebenden von Lang Vei.

Es waren moderne sowjetische Panzer vom Typ PT-76, leichte Amphibienfahrzeuge mit einem 76-Millimeter-Geschütz. Die Panzerung der Fahrzeuge war nur dünn, und einem Unteroffizier der Special Forces gelang es, zwei Tanks mit einem 106-

* »Green Berets": die nach ihren grünen Baskenmützen benannten Soldaten der für den Guerilla-Kampf ausgebildeten US-Special Forces.

Millimeter -- Panzerabwehrgeschütz außer Gefecht zu setzen. (Mindestens fünf weitere Panzerfahrzeuge wurden später durch US-Artillerie und die Luftwaffe zerstört.)

Aber die anderen durchstießen den Stacheldraht; Scheinwerfer auf den Panzertürmen suchten Ziele. Da die Verteidiger dem Feind an Feuerkraft unterlegen waren, konnten sie den Angriff nicht stoppen.

Einige Lang-Vei-Verteidiger sprangen auf die Panzer, um sie mit Handgranaten zu vernichten. Aber die grünen Stahlungeheuer bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg nach vorn. Fin Amerikaner funkte nach Khe Sanh: »Auf meinem Bunker stehen zwei Panzer.« Dann trat Funkstille ein.

Während der folgenden langen Stunden kämpften die Green Bereis und ihre asiatischen Alliierten unter der Erde verzweifelt um ihr Leben. Die Feldwebel Nich Fragos und Emmanuel Phillips sowie sechs weitere Amerikaner zogen sich mit einigen Südvietnamesen in den Kommandobunker zurück. Ein feindlicher Panzer rollte auf das Dach des Bunkers, doch die zwei Meter dicke Decke aus Erde, Stahl und Beton hielt stand.

Feindliche Infanteristen -- einige von ihnen waren mit Schützenpanzerwagen ins Lager eingedrungen -- warfen Handgranaten, Sprengkörper und Tränengas In die Luftschächte des Bunkers. Diese Taktik schlug ebenfalls fehl.

Schließlich, nach ungefähr zwei Stunden, gaben die Südvietnamesen im Bunker auf. Sie stürmten hinaus und wurden mit Maschinengewehrfeuer empfangen. Dann rief einer der gegnerischen Soldaten auf englisch in den Bunker: »Seid ihr dort?« -- »Ja, ich bin hier«, erwiderte Fragos. -- »Hast du eine Waffe?« --

-»Hast du Munition?« -- »Genug für dich.«

Feldwebel Phillips erinnerte sich später, die Nordvietnamesen hätten als Antwort darauf ihre beiden größten Sprengladungen in den Luftschacht geworfen: »Sie sprengten ihn fast in die Luft.« Sechs Amerikaner wurden verwundet, sie stellten sich tot. Inzwischen jagten US-Düsenjäger über das Lager. Sie zerstörten einige Panzer und zwangen den Feind mit Tiefflügen, Deckung zu suchen. Die Amerikaner nutzten diese Gelegenheit zur Flucht.

Sie raUten sich auf, schwankten die Treppe hinauf und schleppten sich zu einer nahe gelegenen Lichtung im Dschungel. Einer der acht erreichte die Lichtung nicht. Aber die anderen wurden bald von Hubschraubern nach Khe Sanh geflogen.

Insgesamt erreichten nach amerikanischen Angaben 170 Verteidiger von Lang Vei, einschließlich 14 Amerikanern, den Stützpunkt Khe Sanh. Ihnen folgte eine bunt zusammengewürfelte Schar von nahezu 6000 Flüchtlingen aus dem Gebiet von Lang Vei: laotische Soldaten, Angehörige von Bergstämmen, südvietnamesische Freiwillige und Zivilisten.

Als diese Schreckensgestalten auf Khe Sanh zuwankten, weigerte sich der Stützpunkt-Kommandant Oberst David Lownds zunächst, die Flüchtlinge einzulassen. Statt dessen ließ er ihnen die Waffen abnehmen und wies ihnen ein unbewachtes Gebiet außerhalb des Stacheldrahtes zu. Das erschien hartherzig, halte aber gute Gründe: Unter die Flüchtlinge konnten sich Agenten des Feindes gemischt haben. Schließlich überprüften die Green Berets die Flüchtlinge. Vertrauenswürdige Vietnamesen wurden in Sicherheit geflogen.

Lang Vei war nicht wichtig für die Verteidigung von Khe Sanh, obwohl es ein wertvoller Wachtposten in der Nähe der kommunistischen Infiltrationswege war. Der Einsatz von Panzern aber wirkte wie ein böses Omen -- obwohl die US-Offiziere glauben, daß Tanks im zerklüfteten Terrain von Khe Sanh nur schwer manövrieren können.

Am beunruhigendsten war jedoch die Tatsache, daß man das kleine, mit Flüchtlingen überfltutete Lager nicht rechtzeitig aufgegeben oder verstärkt hatte. »Wir glaubten, wir könnten es halten«, erklärte lakonisch ein amerikanischer Offizier. Ob zu Recht oder Unrecht: Die Tatsache, daß die amerikanischen Truppen Lang Vei aufgeben mußten, weckte Zweifel an der Fähigkeit der Amerikaner, Khe Sanh selbst zu halten.

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