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Zwei Tote und eine Seekarte

Wie Columbus auf die Idee kam, den Fernen Osten im Westen zu suchen
aus DER SPIEGEL 25/2004

Ein böses Gerücht kursierte 1535 in Spanien, und ausgerechnet Gonzalo Fernández de Oviedo verbreitete es. Der Adlige war Chronist der Neuen Welt, sein Wort galt viel. Und nun schrieb er über das Gerücht, nach dem in Wahrheit nicht Christoph Columbus Amerika entdeckt habe: Der sei, so die Geschichte, vor seiner ersten Fahrt mit einem todkranken Lotsen zusammengetroffen. Dieser soll einst, von einem Sturm abgetrieben, Inseln auf der anderen Seite des Ozeans erreicht haben:

Des Weiteren wird gesagt, dieser Seemann sei ein enger Freund gewesen von Columbus und dass er sich auf die Breitengrade verstand und angeben konnte, wo das Land lag. Im Geheimen teilte er dieses Wissen mit Columbus. Es wird gesagt, dass der Mann dann gestorben sei.

Hat also Columbus seinen großen Plan, im Westen den Weg in den Fernen Osten zu suchen, nur abgekupfert? Inzwischen können Historiker ungefähr rekonstruieren, wie der Entdecker auf seine Idee kam - und woher er eine Seekarte hatte.

1476 strandete Columbus, wohl nach einem dramatischen Seegefecht mit Piraten, in Portugal. Er schlug sich zunächst als Kartenzeichner in Lissabon durch, dabei dürfte er Seekarten der bekannten Welt kopiert haben.

Entscheidender aber waren Reisen entlang der Westküste von Europa und Afrika. Columbus heuerte in Lissabon auf Handelsschiffen an und segelte nach Irland und Island. In Irland kursierte die Legende vom Heiligen Brendan, der auf einer abenteuerlichen Fahrt ein großes Land im Westen erreicht habe. Auf Island könnte Colum-

bus von Wikingern gehört haben, die laut alten Sagas Amerika erreicht hatten; Archäologen fanden ihre Siedlung im kanadischen L''Anse aux Meadows.

Da Columbus zudem noch in den Süden segelte, nach Madeira und wohl gar bis Guinea, lernte er vor allem das System von Winden und Strömungen des Atlantiks kennen, ein gigantisches Karussell globaler Kräfte. Der Trick dabei: Wer nach Westen segeln will, muss erst nach Süden halten - und wer zurück will nach Europa, muss erst nach Norden.

Dass fern im Westen Land liegt, schloss Columbus etwa aus Berichten über seltsames Strandgut, von dem er seinem Sohn Fernando später erzählte. Bambusrohre waren das und mehr. Fernando: »Auf der Insel Flores, einer der Azoren, warf die See einmal zwei Tote an den Strand, mit breiten Gesichtern und überhaupt von ganz anderem Aussehen als Christenmenschen.« Indianer, beim Fischen abgetrieben?

Bestätigt sah sich Columbus auch durch eine Geheiminformation: Der Florentiner Gelehrte Paolo dal Pozzo Toscanelli hatte in einem Brief und einer Seekarte für Portugals König neues Wissen von Reisenden und Geografen zusammengetragen. Auf verschlungenen Wegen verschaffte sich Columbus die Papiere. Toscanelli hatte über seine Karte geschrieben:

Auf dieser ist das ganze Gebiet von Irland aus nach Süden eingezeichnet. Gegenüber im Westen ist der Anfang der beiden Indien eingezeichnet, mit jenen Inseln, zu denen Ihr gelangen könnt. Wer nach Westen segelt, wird diese Länder im Westen finden. Wer Richtung Osten geht, wird dieselben Länder im Osten finden.

Columbus hatte zwar Instrumente, um den Weg zu finden - es gab den Quadranten, den Jakobsstab, beides Winkelmessgeräte, mit denen man anhand der Sterne navigieren konnte. Aber er war ein lausiger Astro-Navigator, vertat sich mit den Apparaten um Hunderte Seemeilen. Deshalb hat er vor allem »gekoppelt": Alle halbe Stunde drehte ein Schiffsjunge die »Ampoletta«, die Sanduhr, um. Dann schätzte Columbus die Geschwindigkeit, schaute auf den Kompass, kalkulierte Kurs und Standort. Alles hing davon ab, dass er richtig schätzte, und das war eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Aber Columbus war ein Meister dieser Kunst.

Von den Karten der Neuen Welt, die er zeichnete, ist nur eine Skizze Hispaniolas erhalten. Die war verblüffend genau. Nur kleckste Columbus'' Zeichenfeder.

* Nördliche Küste von Hispaniola (heutiges Haiti).

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