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BREMER PLAN Zwei Zeilen Religion

aus DER SPIEGEL 42/1960

Seine Exzellenz der katholische Bischof von Aachen, Dr. Johannes Pohlschneider, warnte unlängst die katholischen Erzieher der Bundesrepublik vor einer »revolutionären Konspiration gegen die christliche Erziehung unserer Jugend": Der sogenannte Bremer Plan zur Neugestaltung des deutschen Schulwesens, so, polemisierte der Aachener Oberhirte im »Rheinischen Merkur«, sei in Wirklichkeit nichts anderes als ein »Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung der Diktatur«, denn er leite die »konsequente Entchristlichung der (deutschen) Schulen« ein.

Die »Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände« (AGDL)* hatte im Juni in Bremen einen »Kongreß der Lehrer und Erzieher« veranstaltet, dessen Teilnehmer einen Plan - nach dem Tagungsort »Bremer Plan« genannt - als Diskussionsgrundlage für die deutsche Schulreform guthießen. Durch den »Bremer Plan« wird die Vielzahl der Reform-Pläne, die bereits seit Jahren in den Schubfächern deutscher Kulturverwaltungen schlummern, noch um einige Varianten bereichert.

Die in der »Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände« vereinigten Gewerkschafts-Lehrer fordern in ihrem »Bremer Plan« die Errichtung einer »Deutschen, Schule« nach drei Grundprinzipien:

- Vereinheitlichung des Schulwesens;

Einführung der zehnjährigen Volksschulpflicht in allen Bundesländern; gemeinsame Unterrichtung aller Kinder in einer Einheitsschule; Verlängerung der Grundschule um eine zweijährige Förderstufe auf sechs Jahre.

- Staatliche Schulaufsicht über alle

Lehrerbildungsanstalten, Schulen und Kindergärten.

- Ideologische Freiheit der »Deutschen

Schule«, das heißt Ablehnung der durch die Bekenntnisschulen geförderten »Verweltanschaulichung«, da der Staat als Schulträger weltanschaulich neutral sei.

Diese Grundsätze sollten sich gegen die Polemik derjenigen christlichen Kulturwahrer als besonders anfällig erweisen, die auf den Primat weltanschaulicher Unterweisung pochen. Im Bremer Plan wurde nämlich die Frage der religiösen Erziehung in ganzen zwei Zeilen abgehandelt.

Zu mehr als dem lapidaren Zugeständnis, dem Religions-Unterricht solle »ausreichender Raum gegeben« werden und er müsse »mit der Achtung Andersdenkender einhergehen«, konnten sich die gewerkschaftlichen Erzieher nicht verstehen.

Ganz ähnliche Vorschläge hatte der im April vorigen Jahres veröffentlichte Rahmenplan des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen enthalten. Schon damals sahen sich die föderalistischen Befürworter einer Bekenntnisschule, insbesondere die katholische Kirche, durch die Rahmenplaner schnöde behandelt. Ihre Kritik machte jedoch' halt an den Grenzen des Respektes, den sich die im Deutschen Ausschuß sitzende Pädagogen-Prominenz erworben hatte.

Als nun der dem Rahmenplan in großen Teilen nachempfundene »Bremer Plan« vorgelegt wurde, konnten die katholischen Reformgegner ihren lange aufgestauten Groll gegen die Lehrergewerkschaft entladen.

Polemisierte Exzellenz Pohlschneider, Schulreferent der Fuldaer Katholischen Bischofskonferenz, in seinem Hirten-Artikel: »Wir wehren uns dagegen, daß die Gewerkschaft der christlich denkenden Elternschaft mit Gewalt ihr Erziehungsideal aufdrängt, indem sie die Erziehung der Jugend ganz in die Hand des Staates legen und die christlichen Kinder in ein nach Gewerkschaftsideen, geformtes Schulsystem zwingen will.«

In der Tat hatte der Freiburger Professor Dr. Eugen Fink, der als Chef-Ideologe der AGDL gilt, auf dem Schulmeister-Kongreß theoretisch verbrämt zum Ausdruck gebracht, daß in die neue Schule allein

die »menschliche Wahrheit«, nicht aber »Botschaften, die aus dem Ewigen herniedertönen«, Eingang finden sollten.

Bischof Pohlschneider parierte, indem er den katholischen Erziehern nahelegte, sich aus der »Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft« zurückzuziehen: Sie sollten »vor Gott erwägen, was es bedeutet, wenn sie die GEW in irgendeiner Weise unterstützen«. Wieder einmal zeige sich hier, mit welch »wuchtigen Hammerschlägen ... der Bolschewismus an die Tore unseres Vaterlandes klopft«.

Sodann gab der Oberhirte aus Aachen dem christlichen Wahlvolk von 1961 noch einen versteckten Hinweis: Die »revolutionäre Konspiration«, so vermutete er, könne wohl nur von den Sozialdemokraten kommen; der »Bremer Plan« sei »von Beobachtern des Kongresses« als eine Art Durchführungsverordnung zu der im Godesberger SPDProgramm konzipierten Schulpolitik angesehen worden.

Das Bischofswort gegen die vermeintlichen Antichristen in der Gewerkschaft fand großen Widerhall: Alsbald erregten sich alle katholischen Blätter und feuerten polemische Breitseiten-»Trierischer Volksfreund": »Sozialistischer Einheitsbrei!« - gegen den »Bremer Plan« der AGDL-Schulmeister ab.

Als die katholischen Attacken eingestellt worden waren, setzten sich die Lehrer Anfang September offiziell zur Wehr: Wenn Pohlschneider, so argumentierte der Mitverfasser des »Bremer Plans«, Dr. Karl Bungardt, schon als hoher katholischer Kirchenfürst in die Niederungen der Tagespolemik herabsteige, so dürfe er seinen »hintergründigen Groll« doch keinesfalls für »schlechthin christlich« ausgeben. Die AGDL halte es mit dem evangelischen Theologen Ellwein, der sich dagegen wehre, daß die »durch ihre günstige Konjunktur« in der CDU -Republik geblendete Kirche »den Glauben zum absoluten Gesetz pädagogischen Handelns verfälscht«.

Freilich zeigten sich die Reform-Pädagogen über den bischöflichen Hader keineswegs verärgert. Freute sich Bungardt: »Unser Plan verdankt seine Popularität nicht dem Beifall (seiner) Gesinnungsgenossen, sondern dem Wirbel, den seine Gegner um ihn gemacht haben.«

* Die »Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände« ist die größte deutsche Lehrervereinigung. Von den 280 000 bundesrepublikanischen Lehrern und Studienräten gehören 124 000 der AGDL an. Die AGDL setzt sich zusammen aus der »Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft« (GEW) und dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverein e.V. Die GEW ist eine Gliederung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Schulhirte Pohlschneider: Der Bolschewismus klopft

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