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LÖCHER Zwei Zoll

In Kassel soll ein tiefes Loch gebohrt werden. Unfug oder Kunst?
aus DER SPIEGEL 19/1977

Das geologische Büro eines Dr. Pikkel lieferte, »zur Niederbringung einer Tiefbohrung«, den Betriebsplan, das Bergamt zu Kassel forderte »Nachweis über das Nichtvorhandensein von nicht detonierten Sprengkörpern aus dem Zweiten Weltkrieg (Blindgänger) im Bereich des Bohrplatzes«.

Für die unumgängliche, wenn auch nicht gewollte »Benutzung des Grundwassers« ist zudem eine »wasserrechtliche Erlaubnis« beizubringen, und mit seiner Zustimmung zu dem Projekt verband der Kasseler Magistrat den Hinweis auf »Schwierigkeiten, die Lärmemissionswerte technisch einzuhalten eine Schall-Mauer, fünf Meter hoch und 55 Meter lang, soll den Krach nun dämpfen.

Denn die Bohrung soll, tausend Meter tief, mitten in Kassel auf dem Friedrichsplatz niedergebracht werden, wo Landgraf Friedrich II., steinern und schmerbäuchig, über den leeren Anger blickt, das Staatstheater, das Museum Fridericianum, Kaufhäuser und einen »First Class Erotic Shop« hinter sich.

Doch nicht Öl wird unter der City vermutet, kein Salzstock soll vermessen, sondern Kunst gefördert werden: Zur »Documenta 6«, laut Prospekt »die meistdiskutierte ... Kunstausstellung der Welt«, benötigt der Amerikaner Walter de Maria, 42, »zum vertikalen Einbringen eines Zwei-Zoll-Messingstabs von 1000 Meter Länge«, so der Betriebsplan, ein entsprechend tiefes Loch. »The Vertical Earth Kilometer« soll, wie Documenta-Leiter Manfred Schneckenburger erläutert, als »Herausforderung an die Vorstellungskraft« und »Gegenpol zu einer von optischen Signalen überfluteten Welt« verstanden werden.

Nachdem, 1968 auf der vierten Documenta, der Verpackungskünstler Christo Javacheff die Kasselaner schon mit seinem »5450-Kubikmeter-Paket« entgeistert hatte, das gasgefüllt und einem Phallus gleich aus der Karlsaue hervorstach, sollen sie sich nun mit Marias Loch und der Perforation ihres Friedrichsplatzes abermals »von einem Künstler veralbern lassen«, wie die »Junge Union« vor Ort befand.

Doch hegt »an der ernst gemeinten Absicht« de Marias selbst die »Frankfurter Allgemeine« keinen Zweifel: »Keine Clownerie, sondern ein ökologisches Andachtsobjekt«, urteilte die Zeitung. Und vom Künstler selber ist das Zitat überliefert: »Dreck oder Erde ist nicht nur da, um gesehen zu werden, sondern auch, damit man darüber nachdenkt« -- Grundidee einer »Land Art« genannten Kunstrichtung.

So hatte Maria etwa eine Münchner Galerie sechzig Zentimeter hoch mit Gartenerde gefüllt, durch die kalifornische Mojave-Wüste zwei meilenlange Linien gezogen, und in München wollte er bereits 1972 einen 120 Meter tiefen Schacht als »Erdskulptur« in den olympischen Boden treiben -- ein in der Stadt aufkommendes »Gully-Gefühl« führte zur Ablehnung.

Erst recht in Kassel wird das Loch als lachhaft betrachtet. Obschon der Tatort Friedrichsplatz noch unberührt ist und Bewohner wie Touristen durch ein Graphoskop am Rasenrand für 20 Pfennig ungetrübten Blick auf das Waldgebiet der Söhre haben, sind schon lange vor dem für kommenden Sonnabend geplanten Bohrbeginn die Emotionen derart angefacht worden, als sei beabsichtigt, Atommüll unter der Stadt einzulagern: Eine Lokalzeitung hatte lediglich einen Bohrturm in ein Friedrichsplatzbild retuschiert.

»Ich äußere die Bitte, diesen groben Unfug zu verhindern«, schrieb daraufhin der Präsident der Industrie- und Handelskammer einen Brief ins Rathaus. Sogar ein Verein der Kunstfreunde am Ort, zu dessen Schätzen etwa das Tapeten-Museum gehört, ordnete das Kunst-Stück unter »merkwürdige Einfälle einzelner Wirrköpfe« ein, ein ehemaliger Stadtbaurat sprach von einem »Dokument ... für das pervertierte Kunstverständnis«.

Zumal das einfache Volk verdammte das Projekt in Grund und Boden, wo es ja auch hin soll. Die einen waren ernsthaft überzeugt, daß in Kassel nunmehr »Spaßmacher, Narren, Psychopathen oder gewissenlose Zyniker das Sagen haben«, andere forderten, »daß sich engagierte Jugend findet, welche die Baustelle besetzt«, manche nahmen es heiterer, schlugen vor, vor der Stadt auf der Wilhelmshöhe zu bohren, »wo man schon jahrelang nach einer Thermalheilquelle sucht«, oder ersannen: »Das Loch im Stadtsäckel soll künstlerische Gestalt gewinnen.«

Das finanzielle Argument zieht freilich nicht: Die gute halbe Million Mark, die das Loch verschlingt, wird von Maria-Mäzenen aufgebracht. So bleibt als Hindernis nur noch der Lärm, den die Bohrung einige Wochen lang in zwei Zwölfstundenschichten« also Tag wie Nacht, erzeugen muß -- und vierzig Anlieger, die beim Magistrat vorsprachen, beteuerten, sie würden stets schon wach, »wenn in Kaufungen Feuerwerk ist«, und das ist ein Stück weg.

Nachdem das Bergamt, so der Bescheid, »die Tiefenbohrung ... zur Durchführung zugelassen« und Documenta-Leiter Schneckenburger das Kommando »wir fangen an« gegeben hat, steht im Raum nur noch der Vorschlag des Leserbriefschreibers Friedrich Hartmann aus dem Unteren Käseweg, »daß die Documenta-Besucher gegen Entgelt ihre Notdurft in das ... Rohr verrichten«.

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