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Briefe

Zweifelhaftes Vergnügen
aus DER SPIEGEL 22/1976

Zweifelhaftes Vergnügen

(Nr. 20/21,1976: Druckerstreik)

Wenn eine Organisation unbequem wird, so baut man einen Popanz auf. In diesem Falle habe ich das zweifelhafte Vergnügen, in die Rolle des Scharfmachers gedrängt zu werden. Dem aufs Anekdotische eingestimmten SPIEGEL-Leser mag dies entgegenkommen. Nur -- mit der Gewerkschaftsarbeit hat das nichts zu tun. Gewerkschaftsfunktionäre, Mitglieder der Tarifkommission und die Mitglieder selbst lassen sich nicht durch einen Redakteur Hensche herumkommandieren -- wie Dr. Lieschen Müller sich dies vielleicht vorstellt. Die »harte Gangart« wurde von der Zentralen Tarifkommission. vom erweiterten Vorstand und von den Mitgliedern (in der Urabstimmung) vorgegeben und nicht von einem einzelnen Funktionär, erst recht nicht, wenn dieser Funktionär weder für Tarifpolitik zuständig noch in ihr bewandert ist. Daß es zum Streik gekommen ist, war keineswegs der »Freude am Muskelspiel« zu verdanken (die auch ich nicht verspüre), sondern der Tatsache, daß weder unsere Verhandlungs- noch unsere Tarifkommission mit einem Schiedsspruch nach Hause kommen konnte, der mit nackten 5,4 Prozent unter den Abschlüssen anderer Gewerkschaften lag. Das »Gespenst« der 5,4 Prozent spukte zwar seit den Metallabschlüssen durch die Verhandlungen, obwohl die IG Metall in Wirklichkeit Lohnerhöhungen von bis zu 5,9 Prozent durchgesetzt hat. Auch der ÖTV-Abschluß mit dem Mindestbetrag von 85 DM lag über unserem Schiedsspruch. Und dies, obwohl unser Tarifvertrag erst später ausläuft: nämlich Ende März 1977, und obwohl sich in den letzten Wochen die Meldungen über Konjunktur-, Gewinn- und Preisaufschwung überstürzen. Zur Hofberichterstattung über den angeblich von mir eingeengten Handlungsspielraum und den Autoritätsschwund Leonhard Mahleins im Zusammenhang mit meiner Wahl vor einem Jahr fällt mir nur die Weisheit ein, die ein CDU-Sprecher im Winter 1969 von sich gab: »Kaum ist die sozial-liberale Koalition einige Wochen im Amt -- und schon ist Weihnachten.«

Stuttgart DETLEF HENSCHE Hauptvorstand der IG Druck und Papier

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