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INDUSTRIE Zweikampf um Glas

aus DER SPIEGEL 5/1969

Antoine Riboud, 50, Generaldirektor des französischen Glaskonzerns Boussois Souchon Neuvesel (BSN), war gerade eingeschlummert, als die Wohnungstür aus den Angeln flog. Direkt vor seinem Heim am Pariser Boulevard Saint-Germain hatten Unbekannte eine Plastikbombe gezündet. Ribouds Domizil wurde verwüstet, er selbst und die übrigen Hausbewohner entkamen dem Anschlag unverletzt.

Die Bombe, die am vorletzten Freitagmorgen zusammen mit einem weiteren Sprengsatz vor der BSN-Verwatung hochging, gab einem Kampf, der bis dahin nur in den Börsensälen tobte, militärische Dimension. Der Adressat des Sprengkörpers, Antoine Riboud, hatte zuvor den größten Wirtschaftskampf der französischen Industriegeschichte entfesselt: Die von ihm geführte BSN will den Konkurrenten Compagnie de Saint-Gobain schlucken.

»Zum erstenmal«, kommentierte der Pariser »Express«, »wurde in Frankreich eine Finanz-Affäre, die noch nicht einmal ein Skandal ist, zum nationalen Ereignis.«

In vertraulichen Gesprächen hatte BSN-Generaldirektor Riboud bereits im vergangenen Jahr versucht, die Direktoren von Saint-Gohain zu einer Verschmelzung der beiden Firmen zu bewegen. Dabei machte Riboud kein Hehl daraus, wer nach seinen Plänen Herr im neuen Glashaus sein müsse: BSN-Chef Antoine Riboud.

Damit hatte der Sohn eines Provinz-Bankiers nach gläsernen Sternen gegriffen: Die angesehene Pariser Compagnie de Saint-Gobain ist nicht nur eine der ältesten Glasfirmen Frankreichs (1665 gegründet>, sondern auch das grüßte Unternehmen der Branche auf der ganzen Welt.

Mit einem Umsatz von 4,2 Milliarden Mark jährlich übertrifft die Gruppe Saint-Gobain sogar Amerikas Glasriesen Owens-Illinois Glass Company (3,8 Milliarden Mark). Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die 100 000 Beschäftigten der 143 Saint-Gobain-Fabriken in zwölf Ländern 105,3 Millionen Mark Gewinn nach Steuern, In Deutschland kontrolliert die Firma die Glas- und Spiegelmanufaktur N. Kinon GmbH, Aachen, die Glasfabrik Eckamp-Altwasser AG, Ratingen, die Rheinische Ziehglas AG, Porz, und die Vereinigte Vopelius'sche und Wentzel'sche Glashütten GmbH, St. Ingbert.

Ribouds BSN nimmt sich demgegenüber aus wie ein industrieller Zwerg. 1968 erzielte die Gesellschaft knapp ein Viertel des Gewinns (25 Millionen Mark) und ein Fünftel des Umsatzes (900 Millionen Mark) von Saint-Gobain.

Hochmütig ließ daher Saint-Gobains mächtiger Generaldirektor, Graf Arnaud de Vogüé, 64, seinen Konkurrenten Riboud abblitzen: Saint-Gobain denke nicht an eine Verschmelzung mit der Minifirma. »Ich bin«, so Riboud nach seiner Unterredung mit de Vogüé, »zwar nicht auf eine Mauer, wohl aber auf eine Daunendecke gestoßen.«

Doch der Glas-Graf hatte seinen Konkurrenten unterschätzt. Kaum waren die Fusionsgespräche gescheitert, hatte Riboud auch schon begonnen, an der Pariser Börse insgeheim Saint-Gohain-Aktien aufzukaufen, Binnen weniger Wochen stieg daraufhin der Kurs des Saint-Gobain-Papiers von 122 auf über 180 Franc.

Bereits Mitte Dezember hatte Riboud auf diese Weise über eine Million der rund 11,5 Millionen Saint-Gobain-Aktien an sich gebracht und war damit zum größten Aktionär des Glasriesen aufgestiegen. Für einen nennenswerten Einfluß auf Saint-Gobain fehlten ihm freilich noch rund 2,3 Millionen Anteilscheine.

In großflächigen Anzeigen franzosischer Tageszeitungen appellierte der BSN-Chef erstmals am 8. Januar an die rund 200 000 freien Aktionäre von Saint-Gobain, ihm die noch fehlenden Anteilscheine zu verkaufen. Da Riboud die erforderliche Kaufsumme in Höhe von 630 Millionen Mark in bar nicht aufbringen konnte, bot er Bezahlung in sogenannten Wandelschuldverschreibungen an.

Für jede Saint-Gobain-Aktie (Nennwert 75 Franc) werde er einen BSN-Schuldschein (Nennwert 230 Franc) ausgeben. Da Saint-Gobain-Papiere zu Jahresbeginn an der Börse mit rund 210 Franc je Stück notiert wurden, winkte den kleinen Glas-Aktionären mithin ein Extra-Gewinn von 20 Franc (16 Mark) je Anteilschein. Überdies versprach Riboud verkaufswilligen Saint-Gobain-Aktionären, ihre BSN-Schuldverschreibungen von 1972 an in Anteilscheine des Mammut-Unternehmens BSN Saint-Gobain umzutauschen.

Ein solches Umtauschangebot hatte es in Frankreich bis dahin nicht gegeben. »Wie kann es sich eine so kleine Firma überhaupt leisten«, hieß es in einer Public-Relations-Anzeige von Saint-Gobain, »ein Unternehmen wie Saint-Gobain zu übernehmen?« Antwort: »BSN kann es sich überhaupt nicht leisten. BSN kauft auf Kredit.«

Mit weiteren Inseraten in allen Tageszeitungen Frankreichs sowie englisch- und deutschsprachigen Gazetten ("Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr") rief Saint-Gobains Graf de Vogüé die Aktionäre auf: »Sagt nein!« Überdies lud er die Anteilseigner ein, sämtliche Saint-Gobain-Fabriken und -Niederlassungen des Landes zu besichtigen und »Fragen zu stellen«.

Um Saint-Gobains Klein-Aktionäre von einem Verkauf an BSN abzuhalten, lockte der Magnat zunächst mit Gratis-Aktien und drohte anschließend mit den Antimonopol-Bestimmungen des EWG-Vertrags sowie mit dem Berliner Kartellamt: Zumindest nach deutschem Recht wäre ein Zusammenschluß »illegal«. Denn außer Saint-Gobain habe auch BSN Beteiligungen in Deutschland; der Zusammenschluß der Mutterfirmen würde den deutschen Töchtern ein »Quasi-Monopol« verschaffen. In der Tat kontrolliert BSN zwei der größten deutschen Glasfabriken, die Deutsche Tafelglas AG sowie die Deutsche Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung AG.

Freilich war der Einwand Arnaud de Vogüés nur ein Scheinargument. Denn schon seit langem verfügen Samt-Gobain und BSN in der Bundesrepublik über ein gemeinsames Verkaufskontor -ohne daß die Berliner Kartellwächter die Liaison verboten hätten. Was daher auch immer die Saint-Gobain-Aktionäre, die sich bis zum Montag dieser Woche für oder gegen die BSN-Offerte entscheiden müssen, beschließen: Westdeutschlands Markt für Fensterscheiben bleibt fest in französischer Hand.

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