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CHINA Zweimal pro Woche

In einer Schule für Neuvermählte werden junge Ehepaare über Verhütung und Liebe aufgeklärt. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Wang Dong Dong, 28, und Shi Renyou, 22, sitzen eng aneinandergekuschelt auf den roten Klappsitzen im Kulturzentrum des Kantoner Bezirks Dongschan. Seit drei Tagen sind sie verheiratet. Jetzt haben sie sich zusammen mit fast 50 anderen, jungen Paaren, zum Unterricht einfinden müssen. Worum es geht, verkündet das rote Banner an der Stirnseite des Saales: »Schule für Neuvermählte«.

Natürlich fängt der Unterricht, organisiert vom Frauenverband und den örtlichen Straßenkomitees, mit politischer Schulung an. Die jungen Paare halten derweil Händchen, einige stricken, andere knabbern Melonenkerne. Dann tritt Doktor Zhu Shouming ans Pult. Mit Zeigestock und bunter Kreide beginnt er an Schaubildern und Wandtafel seine Nachhilfe in Sexualkunde. Nun steigt die Aufmerksamkeit merklich.

Für die meisten Jung-Ehepaare, die an diesem Morgen den detaillierten Erklärungen zu Pessar, Präservativen und Pille lauschen, sind Informationen in solch unumwundener Deutlichkeit neu.

Der zweitägige Schnellkurs über Sexualität und Eheprobleme, dazu Tips zur Verschönerung von Heim und Wohnung, bricht ein lange gültiges Tabu: Bislang wurde in der Volksrepublik über Sexualität nicht diskutiert. Systematische Aufklärung gab es nicht. Veröffentlichungen ("Die Hygiene der Frau") beschränkten sich auf die Erläuterung medizinischer Grundbegriffe.

Seit Gründung der Volksrepublik hat sich die Kommunistische Partei, die sich sonst aufgeklärt und wissenschaftlich gibt, nur ungern mit dem Intim-Thema befaßt. Literarische Klassiker mit detaillierten Schilderungen einer raffinierten Liebeskunst, die im alten China freilich nur Aristokraten und kaiserlichen Beamten empfohlen war, wurden von den prüden Revolutionären stets als Pornographie und Beispiele feudaler Unterdrückung gebrandmarkt. Romane wie »Djin ping Meh« (Pflaumenblüten in der Goldvase) und »Rou pu Tuan« (Gebetsteppich der sinnlichen Lüste) sind auch heute nur in entschärften Ausgaben erhältlich.

Vergebens, obwohl im Klartext, hatte sich Maos Premier Tschou En-lai für mehr Aufklärung eingesetzt: »Noch bevor die Mädchen ihre erste Periode haben und Jungen ihren ersten Samenerguß«, schrieb er 1963, »sollte man ihnen das Wissen über sexuelle Hygiene mitgeben, damit sie sich korrekt mit dieser Frage auseinandersetzen können.«

Tatsächlich erschien im selben Jahr das erste umfassende populärwissenschaftliche Buch mit dem Titel »Sexualmedizin«; in den Mittelschulen wurde - für Jungen und Mädchen getrennt - ein simpler Aufklärungsunterricht erteilt.

Doch schon drei Jahre später erklärte die Kulturrevolution jede Diskussion um körperliche Liebe und Sexualität ist als dekadente Folge kapitalistischer Ideologie und kleinbürgerlicher Erziehung.

Dennoch übten sich die jugendlichen Rotgardisten, die in Maos Namen ganz China verunsicherten, insgeheim in sexueller Befreiung: Viele Mittelschülerinnen kehrten von den politischen Kampagnen schwanger nach Hause zurück. »Kleine Mütter des großen revolutionären Erfahrungsaustausches«, nannte das Volk die Mädchen spöttisch.

Die Sexual-Erziehung blieb auch nach der Kulturrevolution ein Tabu; Reformer Teng konnte als Großvater dem Thema nichts abgewinnen. Neuerdings macht den Chinesen ein seltsames Phänomen zu schaffen: Während die Schwerkriminalität sonst zurückging, stieg die Zahl der Vergewaltigungen beträchtlich. 24 Prozent aller Urteile, die 1985 in Peking ergingen, betrafen Fälle von Vergewaltigung und Verführung Minderjähriger.

»Vormünder vergewaltigen ihre Mündel, Lehrer ihre Schülerinnen, Fabrikchefs ihre Angestellten«, klagte die Schanghaier »Zeitung für Recht«. Die von oben verordnete sexuelle Unkenntnis wurde auf Studienkongressen dafür verantwortlich gemacht.

Nun soll gründlicher Aufklärungsunterricht die »lange Zeit der Prohibition« (Nachrichtenagentur Hsinhua) beenden. »Die verantwortlichen Stellen sind der Meinung, so hieß es, »daß Unwissenheit in sexuellen Angelegenheiten nicht gut für die charakterliche Entwicklung von Jugendlichen dieses Alters ist«.

An 40 (von 100) Mittelschulen in Schanghai werden inzwischen Jugendliche in »Fragen der Pubertät« unterrichtet. 95 Prozent aller Schüler gefällt das Fach, 90 Prozent aller Eltern, fand die Zeitschrift »Chinas Frauen« heraus, halten die Kurse für hilfreich. Mittlerweile sind schon 30000 Schanghaier Lehrer in Hygiene und Moral ausgebildet.

Zudem hat sich eine Fülle von Zeitschriften des Themas angenommen. Das Blatt »Gesellschaft organisierte ein zwei Monate dauerndes Forum über »Sexuelle Probleme in der modernen Gesellschaft« ein Dutzend Schriften,

wie »Der Freund der Gesundheit« oder »Der Hausarzt«, profilieren sich als Ratgeber in Ehe- und Sexualproblemen.

Noch mutet die Aufklärung ziemlich betulich an. Selbstbefriedigung, warnt etwa das Heft »Allgemeinwissen zur Hygiene und Biologie des Jugendlichen« schade der Gesundheit und lenke von Arbeit und Studium ab. Die Broschüre empfiehlt als Gegenmittel fleißiges Arbeiten, konzentriertes Studium und Ablenkung durch »Ballspiel, Schach und Zeitungslektüre«. Zu vermeiden seien außerdem »zu enge Hosen« oder »schwere Bettdecken«.

Maßhalten wird auch in der Ehe empfohlen: »Im allgemeinen und unter normalen Umständen«, empfiehlt der Leitfaden, der im Verlag der chinesischen Jugend erschien, »ist es relativ passend, ein bis zwei Mal wöchentlich das eheliche Lager zu teilen«.

Vorerst beschäftigen sich die Zeitungen und Broschüren vornehmlich mit biologischen und medizinischen Problemen. Fragen der Sexualmoral bleiben vom Fortschritt noch unberührt. So werden in Kanton junge Frauen über »die Gefahren vorehelichen Geschlechtsverkehrs« belehrt, denn für das Parteiblatt »Volkszeitung« ist Liebe vor der Heirat schlicht ein »anormales Phänomen«.

Nicht nur auf dem Land, auch in den Städten gilt noch, daß die Frau unberührt in die Ehe gehen muß. »Wenn junge Männer herausfinden, daß ihre Verlobte schon ihre Jungfräulichkeit verloren hat« berichtete die Zeitung »Befreiung«, »sind sie sehr verärgert.«

Und auch wenn zwei Drittel der befragten Pekinger Universitätsstudenten angaben, es sei nicht unmoralisch, schon als Verlobte zusammenzuleben, meinten gleichzeitig 62 Prozent. Jungfräulichkeit sei »heilig« und müsse bis zur Hochzeit bewahrt bleiben.

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