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Behörden Zweite Wahl

Viele West-Beamte kehren aus dem Ost-Einsatz zurück und müssen feststellen, daß sie am alten Arbeitsplatz niemand mehr vermißt.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Für den Bonner Beamten Ansgar Keßler, 62, kam das Berufsende überraschend. Ein Jahr lang hatte er sich ans Thüringer Sozialministerium ausleihen lassen und dort vorübergehend die Stelle eines Staatssekretärs übernommen. Im vergangenen November wollte der Ost-Pionier wieder, wie vereinbart, seinen Posten im Bundesarbeitsministerium beziehen.

Daraus wurde nichts. »Was wollen Sie hier?« mußte sich der Heimkehrer im Personalgespräch fragen lassen. In Bonn, so erfuhr er, gebe es für ihn »keine Verwendung« mehr. Keßler: »Ich hatte für meinen Dienstherren mit der Abordnung nach Erfurt aufgehört zu existieren.«

Der Beamte zog die Konsequenz und ging zum Arzt. Seit November ist der Ministerialrat dienstunfähig geschrieben; jetzt hat sich bei ihm erstmals ein Vorgesetzter erkundigt, wann mit einer Genesung zu rechnen sei - und gleich eine Pensionierung zum Jahresende vorgeschlagen. »Wer in den Osten geht, gilt als Aussteiger«, sagt Keßler, »wer zurückkommt, als Störenfried.«

Diesen Eindruck teilt eine ganze Reihe von West-Beamten, die nach Ablauf der Leihfrist aus einem der neuen Bundesländer heimkehren. Tausende Staatsdiener haben sich mit guten Worten, hohen Prämien und vor allem dem Versprechen auf baldige Beförderung für den Aufbau der Ost-Verwaltungen ködern lassen. Viele müssen nun feststellen, daß sie in den heimischen Amtsstuben nicht sonderlich vermißt werden.

Die Daheimgebliebenen fürchten, beim Postenschacher ins Hintertreffen zu geraten, die Personalreferenten sehen durch die Heimkehrer ihre ausgeklügelten Laufbahntableaus bedroht. Interessante Stellen sind längst Kandidaten versprochen, die ihr Soll brav im eigenen Haus erfüllt haben.

»In vielen westlichen Behörden wird jetzt nach dem Prinzip verfahren: weggegangen, Platz vergangen«, urteilt Wolfgang Zeller, 47, Staatssekretär im sächsischen Wirtschaftsministerium: »Wer freiwillig für längere Zeit zu uns rüber kam, ist drüben innerlich abgeschrieben.«

Nachteilig wirkt sich für die Gastarbeiter nach Einschätzung von Zeller auch die Entscheidungsfreude aus, die sich die Staatsbediensteten angesichts des östlichen Verwaltungschaos »notgedrungen antrainiert« hätten.

Unter Bürokraten eher »seltene Tugenden wie Mut zum Risiko und gestalterische Phantasie«, glaubt Amtskollege _(* In einer Bundeswehr-Transportmaschine ) _(auf dem Flug von Bonn nach Berlin. ) Wolfgang Nowak, 49, aus dem Dresdner Kultusministerium, würden in West-Behörden »als äußerst bedenklich« eingeschätzt. Nowak: »Die lohnendste Art für einen deutschen Beamten, Karriere zu machen, ist immer noch, sich leistungsfrei über die Parteischiene nach oben zu hangeln.«

Wie gering westliche Verwaltungen die Ost-Erfahrung ihrer Mitarbeiter achten, zeigen die Zeugnisse, die alle Staatsdiener turnusmäßig erhalten. In den Beurteilungen findet sich bei den meisten Leihbeamten, außer einem lapidaren Hinweis auf die ostdeutsche Arbeitsstelle, kein Wort darüber, welche Funktion sie im Partnerland bekleiden oder ob sie sich bewährt haben.

Dabei können viele Aufbauhelfer überdurchschnittliche Leistungen und Stehvermögen nachweisen. Hans Neufischer, 54, ist seit anderthalb Jahren kommissarischer Abteilungsleiter im Dresdner Wirtschaftsministerium und hat aus dem Stand sieben Gewerbeaufsichtsämter, vier Eichämter und ein Landesinstitut für Arbeitsschutz aufgebaut. Derzeit leitet der fleißige Schwabe, zuvor Jurist im Stuttgarter Gewerbeamt, sieben Referate mit 40 Mitarbeitern.

Nun einfach ins Glied zurückzutreten, findet Neufischer, wäre »persönlich irgendwie diskriminierend«. Doch alle Bemühungen, eine angemessene Beschäftigung in seiner Heimat zu finden, sind bislang gescheitert, die Zeit der Abordnung ist schon mehrfach verlängert. »Die lassen den Mann schwer in der Luft hängen«, urteilt ein Kollege.

Mitunter können die Rückkehrer schon froh sein, wenn sie ihre alten Posten wieder einnehmen dürfen. Beim Deutschen Beamtenbund (DBB) mehren sich die Klagen von Staatsbediensteten, die nach erfolgreichem Ost-Aufenthalt zunächst mit vagen Sonderaufgaben beschäftigt werden oder auf irgendwelchen Not-Stellen landen. »Die Leute werden zum Teil in die letzten Ecken gesetzt«, weiß Wiltrud Kerstein, Leiterin der Ost-Abteilung beim DBB.

Typisch ist der Fall eines Sachbearbeiters aus dem Düsseldorfer Kultusministerium, der nach Brandenburg wechselte, um dort Bildungsministerin Marianne Birthler als Persönlicher Referent zu dienen. Als der junge Mann Mitte Januar absprachegemäß wieder in Düsseldorf zur Arbeit erschien, saß auf seinem Stuhl eine ehemalige Sekretärin. Er selber fand sich in ein unbedeutendes Referat abgeschoben, wo er fortan das Amtsblatt des Ministeriums zu betreuen hatte.

Einen baden-württembergischen Behördenmitarbeiter nervte der Chef schon während dessen Abordnungszeit mit der Frage, »wann ich denn endlich mein Büro ausräumen wolle«. Bei Rückkehr stand der Ministerialrat vor vollendeten Tatsachen: Das Namensschild war abgeschraubt, Akten und persönliche Papiere hatten die Kollegen in Umzugkartons gepackt und in das neue Arbeitszimmer, einen finsteren Raum neben der Toilette, gestellt. Das »einzig Erfreuliche« sei gewesen, sagt der Beamte, »daß die Sekretärin nicht blind und taubstumm war«.

Auch wer wieder seinen Platz in der alten Abteilung einnehmen kann, wird dort seines Lebens nicht unbedingt froh. Viele Vorgesetzte finden sich schwer damit ab, daß die Heimkehrer ihnen oft an Wissen und Erfahrung überlegen sind.

Suspekt machen sich die Fremdenlegionäre zudem, wenn sie unbedacht gesamtdeutsche Positionen vertreten. »Wer zu erkennen gibt, daß er eine Antenne für die Probleme der Leute im Osten entwickelt hat, kann einpacken«, weiß der Bonner Beamte Keßler aus Erzählungen von Leidensgenossen: »Der steht fortan im Verdacht, sogenannte sachfremde Erwägungen in seine Entscheidungen einzubeziehen.«

Einen Ausweg aus der Karrieresackgasse bietet für viele Heimkehrer nur noch die endgültige Versetzung in die neuen Bundesländer. Doch ein dauerhafter Umzug scheitert häufig am Veto der Familie, die das deprimierende Umfeld und die miserable Wohnungssituation im Osten schreckt.

Berichte vom Schicksal der Heimkehrer tragen in den Behörden nicht gerade dazu bei, die Bereitschaft zum Leiheinsatz zu fördern. Die Fachleute aus dem Westen, nach wie vor dringend gebraucht, lassen sich bestenfalls noch für drei bis sechs Monate abordnen.

Und wenn sie wieder in die Heimat ziehen, wird es im Osten immer schwieriger, geeigneten Ersatz zu finden. »Ich bekomme jetzt häufig nur noch zweite Wahl«, klagt der Dresdner Kultusstaatssekretär Nowak: »Jeder weiß doch - die Rache der Daheimgebliebenen ist furchtbar.«

* In einer Bundeswehr-Transportmaschine auf dem Flug von Bonn nachBerlin.

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