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WATERGATE Zweiter Akt

Energiekrise, Inflation und Arbeitslosigkeit haben Watergate aus den Schlagzeilen verdrängt. Doch der Sonderankläger ermittelt weiter.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Eine Stunde lang redete Richard Nixons Stabschef Alexander Haig am Telephon auf Leon Jaworski, 68, ein. »Ich appelliere an Ihre patriotischen Gefühle«, drängte der Ex-General im Weißen Haus den Anwalt aus Houston.

Schließlich ließ sich Jaworski breitschlagen: Am 1. November vergangenen Jahres übernahm der Texaner das Amt des spektakulär gefeuerten Watergate-Sonderanklägers Archibald Cox, der als Kennedy-Liberaler gilt.

Gut zwei Monate später sah sich Jaworski in einer ähnlichen Situation wie sein Vorgänger: Eine offene Kollision mit dem Weißen Haus schien vorige Woche unvermeidbar, patriotische Gefühle hin oder her.

Wie gegenüber Cox verweigerte Nixon auch gegenüber Jaworski die Herausgabe von Tonbändern, wie damals drohte der Sonderankläger gerichtliche Zwangsmaßnahmen zur Sicherstellung des Beweismaterials an. Gerüchte über ein bevorstehendes zweites »Samstagabend-Massaker« geisterten durch Washington: Am Samstag, dem 20. Oktober, hatte Nixon den widerborstigen Cox entlassen, Justizminister Elliot Richardson und sein Stellvertreter Ruckelshaus traten aus Protest zurück. Die Nixon-Regierung erlebte die schwerste Phase ihres Watergate-Leidensweges.

Zu der neuerlichen Zuspitzung kam es, weil das Weiße Haus die Watergate-Affäre abermals als beendet zu betrachten wünschte. Nixon in der vorletzten Woche vor dem Kongreß: »Ein Jahr Watergate ist genug.« Und: Der Sanderankläger habe »alles Material. das er braucht, um seine Untersuchung zu Ende zu führen«. 17 weitere Tonbänder und 700 Dokumente, ergänzte ein Sprecher des Weißen Hauses, habe der Präsident den Watergate-Aufklärern »freiwillig« zur Verfügung gestellt.

Sonderankläger Jaworski bestritt das. »Die Vorstellung, daß mir dieses Material löffelweise eingefüttert wurde, ist falsch«, erklärte er im Fernsehen, »ich mußte allem nachjagen.« Und: »Einige Ersuchen sind noch unerfüllt.«

Jaworski und Nixon stritten auf schmalem Raum. Von den Titelseiten der Zeitungen verdrängt durch Energie-Mangel, Inflation und Arbeitslosigkeit, trieb die Watergate-Krise mit abermals zunehmender Geschwindigkeit einem neuen Höhepunkt zu. »Die Lichter sind abgeblendet«, schrieb der »Christian Science Monitor«. »Das Publikum schweigt, und ein verängstigtes Amerika sieht den Vorhang aufgehen zum zweiten Akt des Watergate-Dramas.«

Das Programm enthält mit absehbarer Wahrscheinlichkeit Attraktionen wie: > ein Impeachment-Verfahren im Kongreß: Mit 410 gegen 4 Stimmen räumte das Repräsentantenhaus am Mittwoch vergangener Woche dem Justizausschuß das Recht ein, alles Material aus dem Weißen Haus zu beschlagnahmen, das für die Absetzung des Präsidenten sprechen könne; der Ausschuß erhielt das Recht, Richard Nixon selbst als Zeugen vorzuladen;

* eine Serie von Strafprozessen gegen Minister und engste Mitarbeiter des Präsidenten; die ersten Anklagen werden noch in diesem Monat erwartet;

* eine erzwungene Steuernachzahlung des Präsidenten; Schätzungen gehen bis zu 302 000 Dollar -- mehr als ein Viertel des Nixon-Privatvermögens:

* die erste Zwangsvorladung eines amerikanischen Präsidenten vor ein Gericht in 156 Jahren; Richter Gordon Ringer vom Los Angeles Superior Court sandte dem Präsidenten via Gericht in Washington einen Reisescheck über 790,48 Dollar und eine Garantie, daß er auf dem Wege nach Kalifornien nicht verhaftet würde. Der Rechtsstreit über diese Vorladung -- zur Klärung des Einbruchs bei dem Ellsberg-Psychiater Dr. Fielding -- begann in der vergangenen Woche,

Nixons Chancen. diesen Andrang von Unerfreulichkeiten zu überstehen, erscheinen schwächer als je zuvor. Nur noch 26 Prozent der Amerikaner stehen laut Gallup-Umfrage hinter dem Präsidenten.

Das extrem ungünstige Abstimmungsergebnis im Repräsentantenhaus mußte ihm zeigen, wie tief sein Ansehen im Capitol gesunken ist.

Die Republikaner glauben nach einem Urteil des konservativen Senators Barry Goldwater, daß sie vor dem Start zum neuen Kongreß-Wahlkampf im Herbst bereits zehn Prozent ihrer Gefolgschaft verloren haben. 15 der derzeit 188. republikanischen Abgeordneten verzichteten auf eine Bewerbung für die Wiederwahl.

Schlimmer freilich erscheint den Anwälten des Weißen Hauses, daß ihre strafrechtliche Verteidigungsfront bröckelt. Es gibt »zunehmend bestürzende Signale« ("Newsweek"), daß einer der engsten Mitarbeiter Nixons -- angeblich John Ehrlichman -- unter der drohenden Aussicht langer Gefängnisstrafen umfallen könnte.

Um so hektischer mühte sich Nixon, den Kronzeugen der Anklage, seinen einstigen Rechtsberater John Dean, zu diskreditieren. Der republikanische Fraktionschef im Senat, Hugh Scott, behauptete plötzlich, es gebe Beweise, die Dean des Meineids überführten. In der vergangenen Woche wurde Dean von Virginias Anwaltskammer ausgeschlossen.

Die Antwort aus dem Büro des Watergate-Sonderanklägers Jaworski kam unverzüglich: Staatsanwalt Richard D. Javis erklärte, er habe keinen Anlaß »zu der Annahme, daß Dean einen Meineid abgelegt hat«.

Die 80 Mitarbeiter des Watergate-Sonderanklägers halten im neunten Stock des grauen Bürohauses Nr. 1425 in der K Street von Washington die Jalousien und Vorhänge geschlossen -- aus Furcht vor Mitlesern auf umliegenden Dächern. Die patriotischen Gefühle Leon Jaworskis bieten dem Weißen Haus kaum mehr Hilfe: Der Watergate Sonderankläger ist angetan von zwei Dingen, die Nixon gefährlich werden dürften: »Das erste ist die Effektivität meines Stabes. Das zweite sind die Beweise.«

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