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SPD Zweiter Streich

Der Engholm-Triumph und die Querelen in Hamburg heizen den Streit um Oskar Lafontaine an. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Dem Frohlocken über Björn Engholms Sieg war Genüge getan. Hans-Jochen Vogel schritt voran zum nächsten Punkt. Rätselstunde. Im Präsidium der SPD folgte am vorigen Montag ein Spiel, das Kinder »Blindekuh« nennen: Einige Eingeweihte sehen klar, ein Spieler - bei den Spitzengenossen war es gar der große Rest der Teilnehmer - tappt mit verbundenen Augen ziemlich dumm im Kreis herum.

Er höre, so gab Vogel zum besten, »da spitzt sich etwas zu in Hamburg«, von dem er nicht wisse, wie es ausgehe. »Größte Aufmerksamkeit« sei geboten, enthüllte bedeutungsschwer der Stellvertreter, Oskar Lafontaine. Als Peter Glotz nachsetzte und von der Führung mehr Engagement im Krisengebiet an Elbe und Alster verlangte, stoppte Vogel den Diskurs: »Das Präsidium hat Kenntnis genommen.«

Des Rätsels Lösung erfuhren die übrigen Politbüro-Mitglieder anderntags aus den Nachrichten: Der Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hatte seinen Rücktritt annonciert, zwei Tage nach Engholms Triumph in Schleswig-Holstein. »Da waren wir zwei Tage im siebten Himmel«, wehklagte der frühere Bremer Bürgermeister Hans Koschnick, »und dann kommt der Klaus und holt uns wieder runter.«

Partout hatte Vogel den Sozis wenigstens einige Stunden ungetrübter Freude »über den Machtwechsel an der Förde« schenken wollen. Immerhin lag die deprimierende Wahlniederlage in Baden-Württemberg erst sieben Wochen zurück. Deshalb die Geheimniskrämerei im Präsidium; deshalb die Disziplin des selbstgefälligen Dohnanyi, seinen Rücktritt erst nach Abschluß der Engholm-Feierlichkeiten publik zu machen.

Schadensbegrenzung, den »enormen Ermutigungsschub« (Hans-Ulrich Klose) durch den Engholm-Sieg bloß nicht verspielen, Dohnanyis Abgang als lokales Ereignis abzutun - das war in der vorigen Woche die Zielvorgabe im Bonner Erich-Ollenhauer-Haus. Obwohl er längst wußte, was anderntags bevorstand, bejubelte Lafontaine am Montag in pflichtbewußter Fröhlichkeit das Superding seines Freundes Engholm. »Dieses war der zweite Streich, und der dritte folgt ...« - beschwor er damit einen Sieg Gerhard Schröders bei den niedersächsischen Landtagswahlen im übernächsten Jahr.

Mit Engholms Sieg schien alles klar. Der 48jährige hat nach dem Erfolg Lafontaines an der Saar den Generationswechsel fortgesetzt, der nach Willy Brandts Rücktritt mit der Machtübernahme des 62jährigen Vogel in Partei und Fraktion unterbrochen schien.

Keine Frage auch, daß mit Engholm einer nach vorne rückt, der den von Lafontaine angestoßenen Modernisierungskurs engagiert verfolgt. Ausstieg aus der Kernenergie, die Gleichberechtigung der Frauen, stärkeres SPD-Engagement für Kultur und Kunst und eine neue Rollenverteilung zwischen SPD und den Gewerkschaften, das sind auch Engholms Ziele (siehe Seite 33 und SPIEGEL-Gespräch Seite 49).

Obwohl Lafontaine im heftigen Clinch mit dem DGB steht und »die Schuldzuweisungen gegen Oskar schon geschrieben waren, wenn Björn schlecht abgeschnitten hätte« (Gerhard Schröder), hatte sich Engholm im Wahlkampf von dem Saarländer nicht abkoppeln lassen. Am Wahlabend bedankte er sich für die Unterstützung Lafontaines, der mit 15 Auftritten fleißiger gewesen war als jeder andere Spitzengenosse. Der Name des anderen Vize, Johannes Rau, fiel nicht.

Vorstandsmitglied Volker Hauff, der sich im nächsten Jahr erneut um das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters bewirbt, sieht Engholms Sieg als eine wichtige Etappe auf Lafontaines Kurs ins bürgerliche Wählerlager: »Das Argument, Oskar koste Wählerstimmen, ist seit Schleswig-Holstein vom Tisch.«

Dennoch hat Klaus von Dohnanyis Rücktritt Schatten auf Engholms Sieg geworfen, Schatten, die in den nächsten Wochen noch länger werden können. _(Schröder, Heidi Wieczorek-Zeul, ) _(Lafontaine, Scharping, Engholm, Herta ) _(Däubler-Gmelin. )

Erneut hat sich gezeigt, daß Vogel doch nicht der Integrator maximus ist, als der er sich gerne feiern läßt. Ihm ist, obwohl seit langem über die Anschläge rechter Hamburger Senatoren gegen den liberalen Bürgermeister und über dessen Rücktrittsneigungen unterrichtet, nichts gelungen, um mit Bonner Autorität an der Elbe Parteifrieden zu stiften. Ebensowenig ist es Vogel bislang gelungen, den Glaubenskrieg über Lafontaines Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu beenden. Sogar im eigenen Haus des Vorsitzenden, im Bonner Ollenhauer-Haus, geht es, wenn das Gespräch auf Oskar kommt, drunter und drüber. Klose sieht Lafontaine auf dem richtigen Weg. Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs nörgelt weiter über Lafontaines »öffentliche Eitelkeit«. An dessen Signalen entdeckte sie »nichts Neues, auch nicht an den Instrumenten«.

Auch aus dem Norden kündigen sich Störungen der sozialdemokratischen Befindlichkeit an. Sollte der frühere Fraktionsvorsitzende Henning Voscherau zum Hamburger Bürgermeister gewählt werden, sehen Bonner Präsiden Querelen voraus. Der Neue zählt nach ihrer Meinung zwar zu den intelligenten Rechten. Er sei jedoch »ein Spieler« (Dohnanyi), der gelegentlich Konflikte anheize, ohne das längerfristige Risiko zu bedenken. Gegen Lafontaine hege dieser Mann »regelrecht Haß« (ein SPD-Präsidiumsmitglied). Mehrfach habe er bereits bekundet, er wolle dem Saarländer wegen dessen früherer Zänkereien mit Helmut Schmidt niemals »die Hand geben«. Er hält ihn für einen »Opportunisten«, und das ist eines seiner schlimmsten Schimpfworte.

Lafontaine mag sich durch den Hamburger Rückschlag nicht bremsen lassen. Am Dienstagabend dinierte der Saarbrücker Feinschmecker gut und lang mit seinem Mentor Willy Brandt in einem Madrider Hotel, am Rande einer Tagung der Sozialistischen Internationale. Großvater und Enkel waren sich einig: Klaus von Dohnanyi sei in einer künftigen Regierungsmannschaft der SPD unverzichtbar. Bis dahin dürfe der adlige Schöngeist ruhig seinen in den letzten Jahren zu kurz gekommenen Hobbys, Malerei, Musik und Literatur, frönen.

Demnächst, so versprach Brandt, werde er einer Einladung Oskars folgen. Beköstigt vom 6000-Mark-Koch Hans Peter Koop, will er in der Bonner Saarvertretung mit der gesamten »Enkelei« (Schröder) - Heidi Wieczorek-Zeul, Lafontaine, Engholm, Schröder, Christoph Zöpel, Rudolf Scharping und Dieter Spöri - über den weiteren Marsch der jungen Garde durch die roten Institutionen beraten. Wichtige Vorentscheidungen stehen an: Auf dem nächsten Parteitag wird sich herausstellen, ob die SPD dem Öffnungskurs des Saarländers folgt. Dies wäre ein Signal für dessen Kanzlerkandidatur im Jahre 1990. Lafontaine fühlt sich ermutigt, seine Ambitionen jetzt offen zu zeigen. Beim Studium der schleswig-holsteinischen Wahlergebnisse stellte er fest, daß die SPD in Husum ihren geringsten Zuwachs verbuchen konnte. Dort hatte der DGB den SPD-Vize am 1. Mai ausgeladen. Lafontaine: »Da freut sich denn der kleine Mann.«

Schröder, Heidi Wieczorek-Zeul, Lafontaine, Scharping, Engholm,Herta Däubler-Gmelin.

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