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ISRAEL Zweites Soweto

Überall in den besetzten Gebieten rebellieren die Palästinenser, vor allem in den Elendsvierteln des Gazastreifens. Islamische Ultras geben dort den Ton an. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Über dem »Ittihad-Nisai«-Krankenhaus in Nablus wehte eine schwarze Flagge: Trauer für drei bei blutigen Unruhen in der Stadt getötete Palästinenser.

Trauer herrscht an vielen Stellen der von Israel besetzten Arabergebiete - und Erbitterung. In Hebron und Ramallah, Bire und Gaza, in Balata und Dschabalija, sogar in Ost-Jerusalem revoltiert die palästinensische Bevölkerung gegen die labile »Pax hebraica«.

Schwarzer Qualm brennender Autoreifen steigt in den wolkenlosen Himmel. Steine und Brandbomben fliegen gegen israelische Fahrzeuge. Schüler- und Kaufleute-Streiks lähmen Handel und Verkehr. Barrikaden an Straßenkreuzungen verwandeln das besetzte Gebiet in eine Beinahe-Kriegszone.

Israels Presse entdeckt »Umstände wie in Südafrika«. Bethlehems arabischer Bürgermeister Elias Freidsch sieht in dem Ausbruch von Gewalt, »eine Reaktion auf unser rechtloses Flüchtlingsdasein«. Innerhalb von fünf Tagen töteten israelische Sicherheitskräfte mindestens 13 Palästinenser und verletzten 150.

Zwar scheut die schweigende Mehrheit der älteren Palästinenser-Generation nach wie vor Zusammenstöße mit der Besatzungsmacht. Denn sie will von ihr Bau- und Arbeitsgenehmigungen, Bestätigungen für den Handel und Erlaubnisscheine für Fahrten nach Jordanien; sie hat Anträge für die Heimkehr von 10000 Angehörigen laufen, die das Land verlassen hatten.

Doch die nach 1967 unter israelischer Herrschaft aufgewachsene Jugend schert sich wenig um solche Überlegungen. Ermutigt durch das gelungene Drachenflieger-Attentat der PLO auf ein Militär-Camp Ende November, wurde sie die Speerspitze der gegenwärtigen Revolte. »Wir haben längst alle Hoffnungen aufgegeben, also nichts mehr zu verlieren«, sagt ein Mitglied der Fatah-Jugendorganisation »Schabiba« im Balata-Lager bei Nablus, wo 14000 Flüchtlinge »wie in einem Gefängnis vegetieren«.

Der Haß gegen Israel scheint auch nach 20 Besatzungsjahren ungebrochen. Ein Feuerwehrmann in Ramallah: »Selbst wenn Allah persönlich vom Himmel herabsteigt, werden unsere Kinder sich weigern, mit Israel über Frieden zu sprechen.«

Um die Lage unter Kontrolle zu halten, sandte Jerusalem Verstärkungen von Polizei, dem Geheimdienst Schin Beth und Elite-Einheiten der Armee in die Gebiete. Mit Knüppeln, Tränengas und Hartgummigeschossen, aber auch mit scharfer Munition gehen die Israelis gegen die Aufständischen vor, »allzu zügellos«, bedauerten sogar die USA, Israels bester Verbündeter.

Seit Anfang des Jahres wurden 22 Araber getötet, 27 des Landes verwiesen, 70 Häuser angeblicher Terroristen zerstört; in 205 Fällen wurde administrative Haft gegen Palästinenser verhängt.

Besonders besorgt machten die Besatzungsmacht die »Ansätze eines Volksaufstands« (so der Knesset-Abgeordnete Jossi Sarid) in der Gazazone. Auf einem Gebiet von nur 360 Quadratkilometern leben dort über 650000 Menschen, die Hälfte davon Flüchtlinge. Sie wohnen überwiegend in acht riesigen Lagern, 550 Personen auf einem Quadratkilometer, gegenüber nur 186 im israelischen Kernstaat.

Ein unlängst veröffentlichter Bericht des israelischen Soziologen Meron Benvenisti über diese Ballung von Elend bezeichnet die Lage als »katastrophal«. 12 von 15 Ortschaften haben keine Kanalisation. Die Kindersterblichkeit ist viermal höher als in Israel.

Dank einer Rekordgeburtenrate von nahezu fünf Prozent jährlich wird die Gaza-Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts die Millionengrenze überschreiten. Die Arbeitslosigkeit nähert sich der 20-Prozent-Grenze. 50000 Gaza-Einwohner müssen ihr Brot im 65 Kilometer entfernten Israel verdienen, zu Löhnen, die nur zwei Drittel des dortigen Durchschnitts erreichen.

Ständige Spannungen, Frust und Haß, aber auch der Gestank von Kloaken und brennenden Autoreifen liegen über Gaza. Josef Algasi, Wortführer der Liga für Menschenrechte: »Gaza droht ein zweites Soweto zu werden.«

Der Streifen an der Mittelmeerküste gehörte in biblischer Zeit zum mächtigen Reich der Philister, lebte aber seither wie kein anderes Gebiet fast ständig unter fremden Besatzern: Assyrer und Babyloner, Perser, Griechen, Römer und Kreuzfahrer, schließlich Türken, Briten, Ägypter und Israelis herrschten über Gaza.

1967, nach der Eroberung durch Israel, wurde nahezu ein Drittel des ockerbraunen Sandgebiets verstaatlicht. 15 jüdische Wehrdörfer mit knapp 3000 Einwohnern entstanden im Süden des Gazastreifens. Für Israel sollten diese Ansiedlungen ein Sicherheitsriegel zwischen Gaza und dem ägyptischen Sinai sein, aber den notleidenden Einheimischen sind die selbstbewußten, überheblichen Siedler Beweis für das Sklavenschicksal, das ihnen zugedacht ist. _(Mit Ehefrau und Premierminister Schamir ) _(in seiner neuen Wohnung in ) _(Ost-Jerusalem. )

Jede politische Führung, selbst die prominenteste Persönlichkeit. Ex-Bürgermeister Raschad el-Schawa, hat nur beschränkten Anhang, und der Einfluß der PLO ist zurückgegangen.

Doch eben darin liegt einer der wichtigsten Gründe für den jetzigen Aufruhr: Islamisch-sunnitische Ultras geben den Ton an, agitierten schon lange vor Chomeinis schiitischen Fundamentalisten im Iran.

Eine Zeitlang hatte Israel diese Frommen sogar stillschweigend begünstigt. Jerusalem hoffte, sie seien zu einer friedfertigen Koexistenz bereit und würden gar militante Palästinenser im Zaum halten. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die »neuen Moslems« übernahmen die nationalistischen, anti-israelischen Slogans der Palästinenser- und setzten sich noch viel weitergehende Ziele.

Es geht ihnen nicht um die Bildung eines palästinensischen Kleinstaats neben Israel wie ihn gemäßigte PLO-Gruppen propagieren. Selbst ein arabischer Staat auf dem gesamten Gebiet des ehemaligen Palästina würde sie nicht befriedigen - sie kämpfen für einen islamischen Großstaat im ganzen Nahen Osten. Ein israelischer Besatzungsoffizier in Gaza: »Hier wurde der Islam für Israel zur Zeitbombe.«

Die bärtigen Fundamentalisten nennen sich »El-Mustakillun« (die Unabhängigen), aber auch »Revolutionäre islamische Bewegung«, »Islamischer Kampfverband« oder »Sunnitische Hisb Allah«. Gemeinsam haben sie die felsenfeste Überzeugung, sie müßten Palästina »durch einen Heiligen Krieg befreien«, um zuerst dort und anschließend überall im Nahen Osten ihre »Islamische Republik« zu errichten.

Solche Vorstellungen fanden bald Zustimmung bei extremistischen palästinensischen Gruppen. Zahlreiche von Israel wegen Terrors inhaftierte Gaza-Bewohner bekannten sich in den Gefängnissen zu einem aktivistischen Islam.

Mindestens fünf Stunden täglich studierten sie den Koran und lebten nach den Regeln eines strengen Glaubens, der sogar jedes Lachen verbietet, weil »unser Kampf heilig und ernst ist«, so einer der Wortführer, Scheich Abd el-Asis Odeh, den Israel jetzt wegen »extremer Aufwiegelei« des Landes verweisen will. Hinter Schloß und Riegel lernten sie auch militärische Disziplin und Grundsätze des Untergrundkampfes.

Außerhalb der Haftanstalten prägen die Fundamentalisten erst recht das tägliche Leben in Gaza. An einer mit Hilfe Saudi-Arabiens erbauten »Islamischen Hochschule« sind schon 5000 Studenten eingeschrieben, die sich als künftige Kämpfer für den Islam verstehen. Die Zahl der Moscheen stieg von 75 auf 150, Propaganda-Broschüren, Bücher und Kassetten mit Predigten werden zu Vorzugspreisen vertrieben.

Schon längst gibt es bei öffentlichen Veranstaltungen im Gazastreifen keine alkoholischen Getränke mehr. Der offene Verkauf von Wein und Bier wurde durch Drohungen der Ultras gegen die Händler praktisch unterbunden. Gazas Fußballer spielen in einer »Islamischen Liga«, bei deren Spielen sich vor dem Anpfiff Kicker wie Zuschauer in Richtung Mekka verneigen und beten.

Vergangenen Sommer gelang es moslemischen Eiferern, einen ersten Wettbewerb für die Wahl einer palästinensischen Schönheitskönigin zu verhindern. In zumindest einem Fall wurde ein junges Mädchen mit Säure beworfen, weil es »nicht keusch genug« angezogen war.

Den Gaza-Bewohnern hilft der Islam bei der Suche nach einer Identität - und Terrortaten helfen da offenbar auch. Die Welle von Attentaten in dieser »Metropole des Mordes und Kapitale aller Kalamitäten« (so ein hoher israelischer Beamter) begann vor zwei Wochen, als ein Israeli durch Messerstiche ermordet wurde. Zwei Tage später kamen vier Araber bei einem Unfall um, als ein israelischer Lastwagen zwei Fahrzeuge rammte. Die Araber glaubten, dies sei kein Zufall gewesen, sondern Rache für den ermordeten Israeli.

Gerüchte heizten die Stimmung an: Israelische Soldaten seien in mehrere Moscheen eingedrungen, hätten Bluttransfusionen für arabische Verletzte verhindert und die Brunnen vergiftet.

Die Folgen zeigten sich schnell. Tagtäglich wurden die Zusammenstöße blutiger, vor allem als Israel die gefürchtete aus Drusen-Soldaten bestehende Grenzpolizei einsetzte.

Ein Ausweg aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt ist in Gaza noch weniger zu sehen als auf dem Jordan-Westufer. Denn als wirtschaftliche Einheit ist Gaza nicht lebensfähig, weder Ägypten noch Jordanien ist daran interessiert, über dieses Elendsgebiet die Kontrolle zu gewinnen, falls Israel es räumen würde. Davon aber ist ohnehin keine Rede.

Zwar schlug der sozialdemokratische israelische Außenminister Schimon Peres dieser Tage vor, Gaza im Rahmen einer friedlichen Nahost-Regelung zu demilitarisieren und die jüdische Besiedlung zu stoppen, ja sogar bestehende Niederlassungen zu evakuieren. Zwar fand Ex-Bürgermeister Raschad el-Schawa, die Idee sei gut, wenn auch »völlig undurchführbar«.

Doch zugleich rügte der rechte Premier Jitzchak Schamir, solche Gedanken seien eine »defätistische Antwort auf den Terror«. Demonstrativ bezog der erzkonservative Industrieminister und frühere Libanon-Krieger Ariel Scharon im arabischen Viertel der Jerusalemer Altstadt eine neue Wohnung.

Andere Rechte forderten, auf die blutigen Ereignisse der letzten Tage gebe es nur eine »zionistische Antwort": den Bau »zusätzlicher jüdischer Niederlassungen überall in Erez Israel«.

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Gazastreifen

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Mit Ehefrau und Premierminister Schamir in seiner neuen Wohnung inOst-Jerusalem.

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