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Briefe

ZWERCKSCHÜLER
aus DER SPIEGEL 43/1966

ZWERCKSCHÜLER

Die Schwierigkeiten, die sich der äußeren Schulreform in Bayern gegenüberstellen, können Herrn Dr. Huber nicht zur Last gelegt werden, nachdem erst 1963 unter seinem Vorgänger die schulpolitische Schwenkung um 180 Grad erfolgte. Allerdings hätten vielleicht schon vorher die jungen kulturpolitisch engagierten Kräfte der Regierungspartei gegen das starre Festhalten am Prinzip der Konfessionsschule und der dorfeigenen Klein- und Kleinstschulen opponieren müssen, und hier muß nun doch Herrn Dr. Huber widersprochen werden. Bis 1960/61 und zum Teil noch später investierten die Gemeinden Geld in Zwergschulen. Diese Investitionen müssen zweifellos als Fehlinvestitionen betrachtet werden, denn man kann in den meisten Fällen die Unterstufen vom Standpunkt einer sinnvollen Schulorganisation her nicht in den Dörfern belassen und somit die bestehenden Schulhäuser ausnützen. Noch sind viele Gemeinden durch ihre Schulhausneubauten verschuldet - zum Teil noch bis auf zehn Jahre.

Die Lösung heißt nun Verbandschule. Wenn nicht augenblicklich ein zentralgelegenes Schulhaus für vier bis acht Dörfer gebaut werden kann, bleibt nur übrig, die Kinder im Ringverkehr auf alle bisher vorhandenen Schulhäuser des Schulverbandes zu verteilen. Die Folgen für die Kinder: Viele Kinder müssen um sieben Uhr morgens am Omnibushalteplatz stehen und kommen eine Stunde nach Schulschluß nach Hause.

Es bleibt nur eines übrig: ein modernes Schulwesen ist teuer, um es genau zu sagen: sehr teuer. Nur wenn diese Tatsache ganz klar gesehen wird und man trotzdem beschließt, diese Ausgaben zu machen, soll man sich an die Schulreform wagen.

Ebersbrunn (Bayern) FRIEDER DRECHSLER

Lehrer

Über den leicht erkennbaren Vorteilen der Mittelpunktschule vergißt man allzu leicht, sich die keineswegs unerheblichen Nachteile zu vergegenwärtigen, die sie gegenüber der kleinen Dorfschule hat. Es leidet der Kontakt

- zwischen Schule und Elternhaus,

- zwischen Lehrer und Schülern und schließlich auch

- zwischen Eltern und Kindern.

Schwer vermeidbare Wartezeiten im Schulbusverkehr bedrohen, besonders bei Regenwetter und im Winter, die Gesundheit schwächlicher Kinder. Man sollte also das Für und Wider der Mittelpunktschule in jedem Fall sorgfältig prüfen und sich nicht mit Spott über die »Zwergschulen« begnügen.

Wiesbaden DR. DR. WALTER KÜHN

Je mehr Kinder wir wegen angeblichem Geldmangel oder Furcht vor langer Fahrzeit auf Zwergschulen dummhalten; je größer müssen unsere Anstrengungen werden, uns auf der Uno-Liste der im Jahre 2000 unterentwickelten Länder einen Platz- zu sichern, auf den noch Geld aus der Entwicklungshilfe fällt.

Bremen GERD MÜHLMANN

Wer heutzutage für einklassige Dorfschulen ist, sollte Vorbereitungen dafür treffen, daß in Afrika genügend Lehrer ausgebildet werden, damit unsere Dörfer in den nächsten Jahrzehnten wenigstens farbige Lehrer als Gastarbeiter bekommen.

Kiel DIETER RUPP

»Wir Zwerckschüler unterstüdzen Lübge« - so konnte man es in Kiel lesen. Dieses Transparent war »leider« nicht meine Idee.

Kiel M. HELM

Ich war nicht wenig überrascht, als ich meine alte Waldlaubersheimer Dorfschule im SPIEGEL abgebildet fand. Der Photograph erfaßte mit Kennerblick die denkbar ungünstigste Perspektive. Doch mir scheint, Sie haben gerade mit dieser Schule nicht das rechte kulturpolitische Demonstrationsobjekt erwischt. Ich besuchte sie von 1926 bis 1934. Gewiß: Bekenntnisschule; bis Ende der zwanziger Jahre einklassig, später zweiklassig. Trotzdem hatte diese Schule seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts jahrzehntelang ein außerordentlich hohes Niveau. Denn die Gemeinde hatte das Glück, vor allem in den Lehrern Stieb, Vogt und Hofmann hervorragende Schulleiter zu besitzen. Sie trugen durch ihre Leistung kräftige Bildungsimpulse in das Dorf. Ich selbst benutzte noch als Vierzehnjähriger an langen Winterabenden die Mathematik -Aufgabenhefte und eine Kurzschrift -Anleitung, die Lehrer Stieb in den neunziger Jahren den besseren Schülern des letzten Jahrgangs in die Hand gegeben hatte. Die Bildungsgrundlage, die ich in dieser Schule empfing, war so solide, daß ich nach dem Krieg trotz harter handwerklicher Tagesarbeit in knapp neun Monaten an der Höheren Abendschule in Kiel die mittlere Reife und drei Jahre später das Abitur erreichte.

Osnabrück PROF. DR. ERNST WEYMAR

Dorfschule in Waldlaubersheim

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