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Zwischen allen Fronten

aus DER SPIEGEL 5/1995

Über den Tower des Flughafens von Zagreb meldete sich ein Uno-Sprecher beim Piloten der anfliegenden Maschine aus Teheran. Die Landeerlaubnis werde zwar erteilt, drohte der Friedenswächter, aber sobald das Flugzeug auf dem Rollfeld zum Stillstand gekommen sei, würden seine Leute die Besatzung aus dem Cockpit heraus verhaften.

Die Iraner drehten ab. Blitzschnell verließ der Militärtransporter den kroatischen Luftraum und nahm Kurs auf Budapest. Dort wurde dann die heiße Fracht in der Nacht zum 17. Januar entladen - Waffen für die bosnischen Moslems, die statt über Zagreb nun über sogenannte Ameisenpfade ins Kriegsgebiet geschleust wurden: ein offener Bruch des Uno-Embargos.

Bosnier, Kroaten und Serben nutzen jeden Weg und jede Gelegenheit, um an schweres Kriegsgerät zu gelangen. Die Uno-Soldaten als Aufpasser vor Ort müssen dem Treiben meist hilflos zuschauen; nur selten haben Interventionen wie die in Zagreb Erfolg. Greifen die nur leicht bewaffneten Friedenshüter doch mal ein, antworten Kommandeure und Soldaten aller Kriegsparteien häufig mit demütigenden Schikanen.

So verordnete Bosniens Serbenführer Radovan Karadzic in seinem Herrschaftsbereich für die Blauhelm-Verbände ein generelles Fahrverbot, nachdem er türkische Uno-Einheiten der angeblichen Parteinahme für die Moslems bezichtigt hatte. Den Blauhelmen vom Bosporus drohte der Serben-Chauvi mit Krieg: »Wir betrachten die Feinde des Abendlandes als Bestandteil der gegnerischen Kräfte.«

Als sich die Uno-Wächter ihre Bewegungsfreiheit nicht nehmen lassen wollten, nahmen die Serben sie zeitweilig in Geiselhaft.

Statt sich zur Wehr zu setzen und den Friedenshütern ein klares Mandat zu geben, resignierte die internationale Staatengemeinschaft. Sie findet sich damit ab, ihre 24 000 Mann starke Friedensstreitmacht im Frühjahr notfalls abzuziehen. Vor allem die Sicherheitsratsmitglieder Großbritannien und Frankreich, die das größte Uno-Kontingent auf dem Balkan stellen, drängen auf ein schnelles Ende der Mission, da keine Konfliktpartei zum Frieden bereit sei.

Auch die moslemische und kroatische Führung, heißt es aus Paris und London, vertraue blindlings auf die eigene Militärkraft. Tatsächlich haben die Moslems längst jedes Vertrauen in die Uno-Truppen verloren; noch jedem der bisherigen Blauhelm-Kommandeure haben sie vorgehalten, mit den Serben zu sympathisieren. Der internationalen Friedenstruppe begegnen ihre Kämpfer mit zunehmender Feindseligkeit.

Kroatiens selbstherrlicher Präsident Franjo Tudjman spielt ebenfalls mit dem Gedanken an ein neues Abenteuer. Brüsk forderte der Großkroate die internationalen Vermittler auf, sein Land nach dem 31. März zu verlassen. Begründung: Die Uno störe ihn bei zukünftigen Unternehmungen. Wenn Boris Jelzin in Tschetschenien ungehindert mit seinen Gegnern abrechnen könne, sagt Tudjman herausfordernd, sei auch er befugt, einen Befreiungsschlag in den serbisch besetzten Gebieten Kroatiens zu führen.

Die Uno zwischen allen Fronten - selbst ihr Generalsekretär Butros Butros Ghali weiß sich keinen Rat mehr. »Es scheint, wir müssen gehen, wir müssen wirklich gehen«, stotterte der oberste Weltpolizist vorigen Donnerstag in New York, »auch wenn es sehr, sehr schwierig werden wird, vielleicht sogar eine Katastrophe.«

So verworren ist der Konflikt geworden, daß Schlichtung niemandem mehr möglich scheint. Die Kroaten wollen die serbisch besetzte Krajina zurückerobern; die Krajina-Serben dagegen möchten gemeinsam mit ihren bosnischen Brüdern einen eigenen Staat ausrufen. Belgrad wiederum sucht derzeit eine Annäherung an Zagreb und strebt die Aufteilung Bosniens in eine kroatische und serbische Einflußsphäre an.

Bosnier und Kroaten, formal in einem Verteidigungsbündnis zusammengeschlossen, stehen einander auf dem Schlachtfeld längst nicht mehr bei. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Bündnispartner von heute erneut aufeinander losgehen.

Kommandeure hören nicht mehr auf die politische Führung, selbständige Kriegsherren und lokale Bandenchefs warten auf eine günstige Gelegenheit zum Losschlagen - sie spielen längst ihre eigene Partie in diesem endlosen Krieg.

Den Blauhelmen droht im Schlamassel Unheil von allen Seiten - auch und sogar erst recht, wenn sie abrücken. Denn wenn dann die Kämpfe aller gegen alle wieder aufflammen, wird sich keine Kriegspartei um die Sicherheit der verhaßten Uno-Soldaten scheren; Racheaktionen und Geiselnahmen sind vorhersehbar.

Um aus dem Wirrwarr unbeschädigt herauszukommen, benötigen die weitverstreuten Uno-Kontingente Hilfe von außen. Jeder Abzug würde Kroaten, Moslems und Serben dazu verleiten, die geräumten Stellungen sofort selbst einzunehmen und sich zurückgelassenes Kriegsgerät zu sichern.

Ohne Nato-Deckung ist die Evakuierung deshalb nicht möglich, weder beim Abmarsch aus der Krajina noch beim Bosnien-Rückzug. Den Brüsseler Planern graust davor, daß der Rückzug zu einem Vietnam mitten in Europa geraten könnte. Nach Berechnungen westlicher Militärexperten wird eine Streitmacht von etwa 40 000 Mann benötigt, wenn die gescheiterten Friedenssoldaten mit kompletter Ausrüstung in kurzer Zeit das Feld räumen sollen.

Würden sie dabei angegriffen, könnte die Bundeswehr ihren Nato-Partnern militärische Hilfe nicht versagen. Zumindest die Luftwaffe wäre gefragt, wenn es gälte, bedrängte Blauhelme herauszuhauen.

So ist es gut möglich, daß den Uno-Truppen eine letzte Demütigung nicht erspart bleibt: Sie könnten ihre etwa tausend gepanzerten Fahrzeuge, die elektronische Ausrüstung und ihre Logistik den Kriegsparteien freiwillig als Beutestücke überlassen - und sich dafür das Recht erkaufen, wie unbeteiligte Zivilisten ausgeflogen zu werden.

Diesem Szenario hat Serben-Vormann Karadzic bereits seine Billigung gegeben. »Wir stimmen jedem Uno-Rückzug zu«, spricht der Eroberer mit der Großmut des Siegers, »der zu unseren Gunsten ausfällt.«

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Balkan: Einsatzorte von Uno-Blauhelmsoldaten

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