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TSCHECHOSLOWAKEI / ANTISEMITISMUS Zwischen Barrikaden

aus DER SPIEGEL 7/1971

Die Juden waren am Prager Reform-Frühling schuld -- das entdeckte Prags Staatspartei zweieinhalb Jahre nach der sowjetischen Intervention.

Dunkle Kräfte, so das ZK in einem jetzt veröffentlichten Dokument (das auch als Taschenbuch in deutsch erscheint), hatten das Partei-Regime »von den Positionen des Zionismus aus« unterminiert. In letzter Stunde retteten die Sowjetpanzer die Tschechoslowaken vor einem drohenden Staatsstreich im Zeichen des Davidsterns, lautet die neue Version.

Die Begründung dafür hatte schon vor dem ZK-Beschluß eine Broschüre »Der Zionismus« aus dem Parteiverlag »Svoboda« geliefert. Mit einem 35 Druckseiten langen Nachwort zu einem älteren antisemitischen Text des sowjetischen Autors Juni Iwanow präsentierte ein Jewgenij Jewssejew eine Liste prominenter Namen: Sie tragen als weltweite »zionistische Verschwörung« die »Hauptschuld für die Konterrevolution« -- so heißt seit der Sowjet-Invasion die Reformpolitik der KPC unter Dubcek.

Der inzwischen aus der Partei ausgeschlossene Dubcek selbst ist in der Verschwörer-Kartei nicht genannt, dafür aber die Mehrzahl seiner engsten Mitarbeiter und Parteigänger, unter ihnen:

* Parlamentschef Smrkovsky,

* die Kabinetts-Mitglieder Sik, Pavel und Hájek,

* der Vorsitzende der Nationalen Front, Kriegel,

* Fernsehdirektor Pelikán und Rundfunkdirektor Hejzlar,

* der Rektor der Partei-Hochschule, Hübl, und die Vorsitzenden von Schriftsteller- und Journalisten-Verband, Goldstücker und Kaspar. Sie alle wurden nach dem Russen-Einmarsch aus Ihren Ämtern verjagt und aus der Partei ausgestoßen; einige von Ihnen sind In den Westen emigriert. Die bekanntesten Namen ("und andere") nennt auch das ZK.

Schon während ihrer Amtszeit hätten diese Reformer -- so die Broschüre -- konspirative Kontakte zu jüdischen Ausländern in Prag und zu einflußreichen »Zionisten« im Ausland unterhalten, etwa zu den bis 1967 in Prag akkreditierten israelischen Diplomaten Masche Schatz, Kurt Stein und Itzhak Shalev, dem Botschaftssekretär Zuker, dem Israelischen Vize-Premier Jigal Allon und Sekretären der internationalen jüdischen Organisationen »Joint« und »Jewish Agency«.

Wichtige Anlaufstellen im Ausland seien der New Yorker Zeitungsverleger Sulzberger und der Chef des jüdischen Dokumentations-Zentrums In Wien, Simon Wiesenthal, gewesen, dazu der Wiener Verleger Fritz Molden, »der österreichische Springer, ... einer der Kanäle, durch die finanzielle Hilfen der CIA an die Konterrevolutionäre flossen«. Das Wiener Verlagshaus dementierte: »Herr Molden ist gläubiger und praktizierender Katholik.«

Auch unter den 25 namentlich aufgeführten Tschechen und Slowaken sind nur acht Juden. Dennoch folgerte der Broschüren-Autor, Ausgangspunkt der ganzen Reformpolitik seien die jüdischen Gemeinden in der CSSR gewesen.

Der Autor ist ein bekannter Prager Spitzel. Hinter dem russischen Pseudonym Jewssejew verbirgt sich der Journalist Svatopluk Dolejs, 48, der schon vor 15 Jahren als Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes enttarnt worden war. Die Reform-Ära überstand er -- als Chef der arabischen Sendungen des Prager Rundfunks -- überwiegend auf Dienstreisen im Nahen Osten. Seit einigen Wochen Ist Dolejs Mitglied des Chefredakteurs-Kollegiums für das innenpolitische Programm von Radio Prag.

Die These von der »jüdischen Konspiration« versucht Dolejs mit Mutmaßungen und falschen Recherchen zu belegen. Als Beweis für das heimliche Zusammenspiel von Reformern und Juden dient ihm ein Ausspruch des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in Böhmen und Mähren, Frantisek Fuchs, der im Frühjahr 1968 seine Loyalität gegenüber dem Dubcek-Kurs mit dem Satz unterstrich: denn die Regierung unterstützt uns.«

Weitere Belege: Am »Manifest der 2000 Worte« -- das im Sommer 1968 die Beschleunigung der Reform-Politik forderte -- hätten in der Mehrzahl »Zionisten« mitgewirkt. Über das Netz der örtlichen jüdischen Gemeinden habe »die Konterrevolution« regelmäßig Geld und Devisen empfangen und Befehle von ausländischen Zentralen entgegengenommen. Und als Exekutiv-Organ weitverzweigten »Untergrundes« wirkte nach Dolejs Meinung »der Kriegel-Klub« in Prag.

Der jüdische Arzt Frantisek Kriegel, Altkommunist und Rotspanien-Kämpfer, habe sich über lange Jahre »In einer bestimmten Prager Wohnung« mit den späteren Spitzen-Reformern zu Geheimkonferenzen getroffen, an denen auch der israelische Botschaftssekretär Zuker teilnahm: »Die Klub-Mitglieder bereiteten die Eroberung der entscheidenden Positionen in Partei und Staat vor.«

Reformer Kriegel war Mitglied des Partei-Präsidiums. Auf dem Ostblock-Gipfel In Bratislava verteidigte er die Prager Politik so konsequent, daß der sowjetische Premier Kossygin seine Beherrschung verlor und Kriegel einen »galizischen Juden« nannte.

Dem »Zionismus«-Autor Dolejs kam es wie Kossygin vor allem darauf an, Kriegel nicht als kritischen Kommunisten, sondern als Volksfremden zu diffamieren. Das Rezept dafür stammt aus Polen, als Mann im Hintergrund muß Simon Wiesenthal herhalten, der Chef des Wiener Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes: Er »verschickte an die in der CSSR lebenden Juden einen Aufruf, die »Liberalisierung und Demokratisierung« zu unterstützen, weil sie zu einem Rapprochement mit der Bundesrepublik Deutschland und mit Israel führen wird«.

Einen solchen Brief, auf Geschäftsbogen des Dokumentationszentrums vervielfältigt, in mangelhaftem Deutsch abgefaßt und mit Wiesenthals Unterschrift in Faksimile, gab es tatsächlich.

Datiert auf den 21. Mai 1968, kam er den meisten der noch in der CSSR lebenden Juden ins Haus, erklärte als Ziel der Prager Reform-Politik freundschaftliche Beziehungen zu Israel und der Bundesrepublik Deutschland und forderte auf zu einer Materialsammlung »betreffs der antisemitischen Tätigkeit in den kommunistischen Staaten«.

Wiesenthal allerdings erklärte das Schreiben als »grobe Fälschung« und konnte nachweisen, daß der benutzte Briefkopf schon seit Jahren in seinem Büro nicht mehr verwendet wird. Bei der Wiener Polizei gab er zu Protokoll, der in Wien akkreditierte polnische Diplomat Walenty Palucha habe sich bemüht, von dem Briefpapier Blanko-Formulare zu erwerben.

Beamten des Prager Innenministeriums -- damals noch unter der Leitung des Reformers Josef Pavel -- identifizierten bei chemischen Proben Papier und Kopierfarbe als polnische Fabrikate.

Im benachbarten Polen hatte der nationalistische Parteiflügel im Frühjahr 1968 eine Hexenjagd gegen kritische Intellektuelle inszeniert, die sich zur Kampagne gegen die jüdische Minderheit steigerte. Hunderte von Professoren, Journalisten und Lektoren verloren ihre Posten, Studenten wurden relegiert und von den rund 30 000 überlebenden Juden Polens rund 25 000 zur Emigration gezwungen.

Die jüdische Minderheit im heutigen Staatsverband der Tschechen und Slowaken -- 1938 zählte sie noch 350 000 Mitglieder -- war bis 1968 auf 15 000 Personen geschrumpft, die Hälfte von ihnen war zudem 60 Jahre und älter.

77 297 Juden aus der Tschechoslowakei waren in den Gaskammern und Vernichtungslagern der deutschen Besatzer, im nordböhmischen Theresienstadt, in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Lemberg umgekommen. Unter der Anklage des »Zionismus« verschwanden Tausende nach den antisemitischen Prozessen der vierziger und fünfziger Jahre hinter Zuchthausmauern -- neun der elf Angeklagten, die im Slánsky-Prozeß am Galgen endeten, waren Juden.

Fast 4000 Juden emigrierten in den Westen, als die Russen im August 1968 Prag besetzten. Für die Ultras in der Partei aber sind die Juden heute noch eine gefährliche Macht: Eröffnet wurde die Verleumdungs-Kampagne Ende 1969 durch Generalleutnant Bohumil Molnar (er war als Vize-Sicherheitschef des Innenministeriums aktiv an den Vorbereitungen der Okkupation beteiligt).

In einem Interview für die böhmische Parteizeitung »Svoboda« behauptete er, das »zionistische Komplott« ginge auf den Schriftsteller-Kongreß im Juni 1967 zurück. Dort hätten einige Literaten die Israel-feindliche Politik des damaligen Parteichefs Novotny kritisiert.

Ende März 1970 warf eine Artikel-Serie der slowakischen Partei-Zeitung »Pravda« dem ehemaligen Parlamentspräsidenten Smrkovsky vor, er habe »israelischen Agenten« in die Hände gespielt und sogar noch nach dem 21. August der Prager Nationalversammlung Dokumente über die Judenverfolgung in Polen vorgelegt.

Anfang August 1970 veröffentlichte der Sender Bratislava eine Hörfolge mit dem Titel: »Zionismus und Antisemitismus.« Autor war Frantisek Kolär -- lange Jahre Moskauer Korrespondent des Prager Rundfunks.

Kolär behauptete in seiner Sendereihe -- die ebenfalls als Broschüre im Prager »Svoboda«-Verlag erschien -, in der Dubcek-Zeit seien die Massenmedien und die Literatur durch rechtsgerichtete Publizisten in eine »pro-israelische Plattform« verwandelt worden.

Anfang November wurde die Synagoge in Bratislava von Planierraupen abgerissen. Massenverhaftungen, zu denen die antisemitische Kampagne aufforderte, blieben den Juden noch erspart -- Parteichef Husák verweigerte bisher seine Zustimmung.

Aber im Dezember wurde in Prag der Jude Hubert Stein, 62, seit 1968 Übersetzer in der holländischen Botschaft, von Geheimpolizisten abgeholt. Stein, der schon unter Novotny als »Zionist« neun Jahre im Zuchthaus saß, wird der »nachrichtendienstlichen Tätigkeit für eine fremde Macht« verdächtigt. Zusammen mit Stein und dessen Ehefrau wurden der ehemalige Film-Produzent Alois Polednák und vier weitere Prager festgenommen.

Unter dem Vorwurf der Spionage kam auch eine Gruppe von Studenten und Journalisten in Haft, die Anfang August 1968 zu einer Informationsreise nach Tel Aviv gestartet war. Nach der Information entschlossen sich einige von ihnen, in Israel zu bleiben, 20 Teilnehmer kehrten nach Prag zurück. Der Pamphlet-Autor Dolejs beschuldigte jetzt die Verhafteten -- zu denen auch der Sohn Jaroslav des ehemaligen Direktors der Nachrichten-Agentur Ceteka, Jindrish Suk gehört -, sie seien in Israel als Agenten ausgebildet worden. In dieser Woche soll in Prag der Prozeß gegen die Suk-Gruppe beginnen.

In der Zeitschrift des tschechischen Innenministeriums »Národni vybory« erschien eine lobende Rezension des Dolejs-Skripts, verfaßt von dem ehemaligen Diplomaten Jaromir Lang -- dem Anführer des orthodoxen Flügels im ZK und schärfsten Widersacher des gemäßigten Parteiflügels Husáks: »Die konterrevolutionäre zionistische Mischpoke bemüht sich noch immer. Soll man die Erinnerung verdunkeln und vergessen, nur weil da bestimmte Beziehungen ein außerordentliches Verwandtschafts-Aroma gehabt haben ...? Es sieht beinahe so aus, als ob irgendein tacitus consensus, ein schweigendes Übereinstimmen zwischen den Barrikaden existiert ...«

Auf der falschen Seite der Barrikade steht für Lang vor allem einer: Gemeint ist Parteichef Husák.

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