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KANINCHEN Zwischen Kalb und Huhn

aus DER SPIEGEL 19/1965

Der römische Feldherr Lucullus schätzte das leichtverdauliche weiße Fleisch. In Großbritannien offerieren es die Speisekarten der besten Restaurants. Französische Feinschmecker lassen den Kaninchenbraten mit Salbei würzen und mit leichter brauner Tunke servieren.

In Deutschland aber hat das Karnickel einen Hautgout von Arme-Leute-Mief, Not und Kalorien-Zwangsbewirtschaftung. Seit es auf Großstadt-Balkonen und hinter Schrebergartenlauben gezüchtet wurde, erst für den Endsieg und dann in der totalen Niederlage, ist der domestizierte Mümmelmann den Deutschen anrüchig geworden.

Der Kieler Professor Martin Tegtmeyer, 58, Leiter der »Lehr- und Versuchsanstalt für Kleintierzucht« der schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskammer, hält die Zeit für eine Ehrenrettung der Stallhasen gekommen: Der Wiener Brathendl-Welle soll eine Kieler Brathäschen-Welle folgen. Denn:

- Dank seiner sprichwörtlichen Fruchtbarkeit sei das Kaninchen für eine rationelle Massenaufzucht besonders geeignet; vor allem notleidenden Kleinbauern will Tegtmeyer mit der Kaninchenfleischproduktion im großen Stil eine lukrative Erwerbsquelle erschließen.

- Dank seines mageren, gut bekömmlichen Fleisches entspreche der Kaninchenbraten den Verbrauchergewohnheiten fettfeindlicher Bundesbürger; Tegtmeyer: »Es ist Weißfleisch wie das Hühnerfleisch und liegt im Geschmack zwischen Kalb und Huhn.«

Wie die meisten seiner Landsleute hatte auch der Kieler Professor mit seinen heutigen Zuchtobjekten erst Bekanntschaft gemacht, als Hitlers autarkie-bestrebte Wirtschaftsbürokraten mit dem vegetarischen Allesfresser »die deutsche Ernährungsgrundlage verbreitern« wollten.

Vornehmlich Wegrain - Unkräuter mümmelnd, bevölkerten im Jahre 1939 auf Großdeutschlandis Bauern- und Hinterhöfen mehr als 31 Millionen registrierte Kaninchen zumeist übelriechende Bretter- und Maschendrahtverliese. Ihr markenfreies Fleisch wurde gebraten, frikassiert oder versülzt, Ihr Fell zu Rauchwerk verarbeitet. Die deutsche Frau trug Kaninchen natur oder eingefärbt. Der deutsche Landser zog mit Mützen In den Rußlandwinter, die mit dem Fell der Stallhasen gefüttert waren. Und im Berlin des Jahres 1945 war ein »lebendes Kaninchen« sogar die Attraktion einer Lotterie.

Noch im Währungsreform-Jahr 1948 aber stellten die Statistiker das Kaninchenzählen wieder ein. Das deutsche Interesse am Karnickel verlagerte sich vom Kochtopf zu den Schönheitskonkurrenzen der Kleintierschauen. Experten schätzen, daß heute nur noch etwa 500 000 bis eine Million Kaninchen gehalten werden.

Für das ernährungswirtschaftliche Karnickel-Comeback erwählte Professor Tegtmeyer weißbefellte »Neuseeländer«, »Californians« und »Jütländer« - muskelfleischige und leichtknochige Rassen mit kurzem Darm, die (wie es auch bei Aufzucht von verbrauchergerechtem Rind- und Borstenvieh angestrebt wird) in kurzer Zeit viel Fleisch, aber kaum Fett ansetzen.

Mit Stoppuhr und Diätfahrplan paßten Tegtmeyer und sein Assistent Gerold Benthin die Lebensgewohnheiten ihrer Versuchskaninchen der beabsichtigten Fleischproduktion im Fließbandsystem an: Simple Hauskaninchen dürfen acht Wochen lang nach Belieben oft säugen, die Kieler Mastkaninchen jedoch werden täglich nur einmal (um 11 Uhr vormittags) für zweieinhalb Minuten zum Muttertier gelassen.

Nach fünf Wochen werden sie abgestillt und auf Kraftdiät - eine geheimgehaltene Kunstfuttermischung aus Eiweiß, Kohlehydraten, Mineralien und. Wirkstoffen - gesetzt. Und bereits am 80. Tag ihres Lebens - 18 bis 30 Tage eher als ihre sich selbst überlassenen Artgenossen - bringen sie 2,5 Kilogramm auf die Waage und sind schlachtreif. Die für die Aufzucht bestimmten weiblichen Tiere kommen alle 67 Tage zum Rammler und bringen binnen Jahresfrist ein rundes Schock Jung -Mümmelmänner zur Welt.

An seinem Zuchtrezept interessierten Landwirten empfiehlt der Kieler Karnickel-Professor eine Grundausstattung von mindestens 500 Muttertieren und 20 Rammlern. Damit lasse sich spielend eine Jahresproduktion von 25 000 Kaninchenbraten à 2,5 Kilogramm erreichen. Voraussichtlicher Reingewinn je Einheitsbraten: eine Mark.

Die Absatzchancen betrachtet Tegtmeyer zuversichtlich: »Das Kaninchen bekommt seinen Markt, wenn eine Produktion ernsthaft aufgebaut wird. Denn es müßte auch in Deutschland möglich sein, im Restaurant Kaninchen zu bestellen oder im Laden Kaninchenfleisch zu kaufen, ohne daß sich der Gast oder die Hausfrau deklassiert fühlen muß.«

Kaninchenzüchter Benthin, Zuchtkaninchen

Nach der Wiener Brathendl-Welle ...

... eine Kieler Brathäschen-Welle? Kaninchen als Lotterie-Preis in Berlin 1945

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