Zwischen Karlshorst und Hannover
In die Frühlingseintracht der Antifa-Parteien platzte Dr. Schumacher. Der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie sprach in der »Neuen Welt« (US-Sektor). Im Palast (russischer Sektor) durfte er nicht sprechen, da Franz Neumann einmal mehr der russischen Besatzungsmacht zu nahe getreten war.
Schumacher nahm keine Rücksicht auf die »deutsche Einigkeit angesichts der Moskauer Konferenz«. Der sich in fanatischem Feuer verzehrende Parteiführer, unter den Nachwirkungen langjähriger KZ-Haft leidend, hatte die Kommunisten schon vor Jahresfrist »rotlackierte Nazis« genannt. Diesmal sagte er, sekundiert von dem Kompromißgegner Franz Neumann: »Auch Kain und Abel waren Brüder«. Mit Abel meinte Schumacher die SPD, mit Kain aber die Sozialistische Einheitspartei.
Er kennzeichnete den von der SED geforderten Volksentscheid über die Einheit Deutschlands als »Spektakelstück«. Er erklärte, die SPD werde sich nie für eine »Blinddarmpolitik« hergeben. Eine Aussprache wurde in dieser Funktionärkonferenz von dem Berliner Vorsitzenden Neumann für überflüssig erklärt.
»Schumacher formulierte den vehementesten Angriff gegen die SED, den Berlin je erlebt hat«, schreibt der »Kurier«. »Neues Deutschland« findet diese Stellungnahme des »bürgerlichen Blattes« so bemerkenswert, daß es den Ausschnitt abdruckt und einen Zweispalter mit der Schumacher-Ueberschrift »Demontage der Vernunft« dazu schreibt. »Ein schlauer Taktiker kann, historisch gesehen, ein großer Dummkopf sein«, zitiert das SED-Organ Schumachers eigene Worte.
Auch die Verständigung über den CDU-Vorschlag scheint in weite Ferne gerückt. »Bei Schumachers jüngster Ankunft in Berlin lag in dieser Sache noch ein »Vielleicht« auf seinen Lippen«, meint der liberal-demokratische »Morgen«. »Bereits bei der nachfolgenden Massenversammlung in der »Neuen Welt« stellte Schumacher der SED einen Katalog parteipolitischer Bedingungen. In einem späteren Interview ließ er nur noch einen winzigen Spalt für das Gemeinsamkeitsgespräch offen. Und bei dem Telegraf-Empfang hat er die Tür zugeknallt.«
»Die deutsche Politik hat oft genug Gelegenheiten verpaßt«, stellt der amerikanisch lizenzierte CDU-freundliche »Abend« dazu fest. »Dr. Schumacher scheint drauf und dran zu sein, heute eine Gelegenheit zu verpassen.« Was war geschehen?
Am 21. März feierte der SPD-freundliche »Telegraf« sein einjähriges Bestehen. Lizenzträger Arno Scholz hatte die Vertreter der Besatzungsmächte und die Presse, auch die Herren von der SED, zu einem Empfang in der »Taberna« eingeladen. Er äußerte den Wunsch, daß über Parteiinteressen hinweg die kollegiale Achtung der Presse wiederkehren möge. Die Gäste von der SED zeigten sich durchaus einverstanden.
Ehrengast war Dr. Kurt Schumacher. Auch er sollte einige Worte an die Teilnehmer richten. Aus den »wenigen Worten« wurde eine 1 1/4 stündige Rede gegen die SED. Schumacher kam wieder auf den CDU-Vorschlag zu sprechen: eine Gemeinsamkeit sei nicht möglich, wenn eine Partei (die SED) vorprelle, Ziele aufstelle und dann von den anderen verlange, daß sie als Marionetten in ihrem Kasperletheater auf träten. »Die Kasper mögen unter sich bleiben«, sagte er, und seine Blicke wanderten zu den Tischen hin, wo die SED -Gäste saßen.
Die etwa 200 Gäste waren betreten. Auch die Gastgeber des »Telegraf« waren keineswegs glücklich.
Schumacher fuhr wieder nach Hannover. In Berlin aber blieb ein Mann zurück, der sich bemüht hatte, den Türspalt offen zu halten: Jakob Kaiser.
Der Vorsitzende der Ostzonen-CDU reiste auch nicht nach Moskau, wie gewisse Meldungen zu Anfang der Woche wissen wollten. Er blieb in Berlin. Aber daß die Version entstehen konnte, der katholische Führer der christlichen Demokraten sei von Molotow nach Moskau eingeladen worden, gilt vielen Leuten als typisch für das zähe, zielstrebige diplomatische Geschick des 53jährigen Franken mit dem mächtigen Schädel.
Keine deutsche Zeitung, keine deutsche Partei, keine Besatzungsmacht, keine ausländische Gazette hatte gegen Kaisers Person bislang etwas vorzubringen. Gleichwohl hat ihn niemand der Prinzipienlosigkeit geziehen. Dabei saß er schon vor 1933 im Reichstag und hatte mit Brüning und Stegerwald zusammen gearbeitet. Aber er hatte »Nein« gesagt, als der Reichsorganisations-Ley die Selbstauflösung der christlichen Gewerkschaften von ihm unterschrieben haben wollte.
Der Haftbefehl findet ihn nicht mehr. Er taucht unter und kämpft weiter. In Berlin. Zwölf Jahre lang. Mit Leuschner spinnt er am Netz zum 20. Juli. Das Netz zerreißt und Kaiser taucht vollends unter. Wieder in Berlin.
Er bleibt euch in Berlin, als die Geschützgranaten der Russen über die Stadt orgeln. Jakob Kaiser, der Buchbinder, Jakob Kaiser, der Empörer schaufelt in Babelsberg ein Grab. Für die Frau, die ihn monatelang vor den Spitzeln der Gestapo verborgen hat. Sie wurde von einer Granate zerrissen. Er trägt noch seinen Schnurrbart, der ihn unkenntlich machen sollte. Aber er ist wieder frei. Und er bleibt in Berlin.
Er wurde der Führer der Ostzonen-CDU. Er wünscht die künftige Hauptstadt der Deutschen nicht »unter Reben« wie sein Antipode Adenauer in Köln. Er wurde wirklich das, was nahezu sämtliche Länder und Parteien in Mitteleuropa zu sein sich rühmen: Mittler zwischen Ost und West, zwischen Rechts und Links. Er ist Christ und Sozialist und Mann der Einheit zugleich.
Angesichts der Moskauer Konferenz maß er der Schaffung einer nationalen Repräsentation oder, vorläufig, einer permanent tagenden Parteikonferenz große Bedeutung bei.
LDP und SED stimmten sofort zu. Die SED nur, wenn die Gewerkschaften hinzugezogen würden. Das lehnte Kaiser - seit 1912 selbst in der Gewerkschaftsbewegung - kategorisch ab. »Die Parteien sind die politischen Dienstträger des Volkes. Die Gewerkschaften machen Sorge genug.«
Schumacher aber sah Kaisers Vorschlag »in der Reihe anderer Vorschläge in einem Omnibus von Karlshorst (Sitz der SMA) nach Hannover anrollen«, wie Jakob Kaiser es formulierte. Die SED hatte zu eilfertig zugestimmt. Schon die Vermittlungsvorschläge von Dr. Külz und Minister a. D. Dr. Schiffer (beide LDP) hatten das Vertrauen in die ehrlichen Absichten der Ostzonen-Parteien etwas getrübt. Auch in Hannover kennt man die Behauptung, daß Dr. Külz an die Spitze einer eventuellen Ostzonen-Regierung treten soll.
Jakob Kaiser war enttäuscht. »Es geht heute nicht um Parteiinteressen, sondern um die Verantworung der Parteien für das Schicksal des deutschen Volkes«, erklärte er Anfang der Woche auf dem Berliner Landesparteitag der CDU. Aber er war dabei nicht der hoffnungsfrohe, überlegene Redner. Er sah müde aus, sein Gesicht war blaß. Mehrmals stützte er sich auf das Mikrophon oder führte seine rechte Hand nachdenklich ans Kinn.
Aber Kaiser hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er konferiert mit LDP und SED. Er teilte mit, daß die drei Antifa-Parteien eine Denkschrift an den Kontrollrat erwägen, in der um Zulassung der SPD in der Sowjet-Zone nachgesucht werden soll. Jakob Kaiser will die Tür wieder aufreißen, die früher die SED und nunmehr Kurt Schumacher wechselseitig zugeschlagen haben.
»Neues Deutschland« bemüht den »Kurier« und Schumachers »Vernunft"parole