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ZWISCHEN STAUB UND PARFÜM

aus DER SPIEGEL 7/1951

BÜCHERMARKT 1950

Es war zumindest eine halbe Ente, als mit einem unausgesprochenen Aha! die Meldung serviert wurde, die Bonner Gesetzgeber bevorzugten als Lektüre militärische Memoiren. Im Bundeshaus-Buchladen wurden allerdings des a.D.-Generals Adolf Heusinger »Befehl im Widerstreit« und des Historikers Walter Görlitz »Der deutsche Generalstab« viel gefragt - Görlitz bis zum Ausverkauf - , aber eben nur in der Sparte »Memoiren, Geschichtswerke«.*)

Daneben jedoch wurde im Buchladen Hedwig Wirmers - sie ist die Frau des hingerichteten Dr. Joseph Wirmer und Schwägerin des Ministerialrats Ernst Wirmer, der bis vor kurzem persönlicher Referent des Bundeskanzlers war - ebensogut schöngeistige Literatur gekauft. Hier standen obenan: Antoine de St. Exupéry »Der kleine Prinz«, Constantin Virgil Gheorghiu »25 Uhr«, Gerd Gaiser »Eine Stimme hebt an«.

Die Bücher gehörten nicht nur im Bundeshaus zu den meistgekauften, sie sind auch unter den Bestsellern zu finden, die in sieben westdeutschen Großstädten und in Westberlin die nach den erfolgreichsten Büchern gefragten Buchhändler nannten.

Die acht besten Bestseller sind von Stadt zu Stadt verschieden. Klimatisch bedingt ist z. B., daß in München und nur dort der geschriebene und gemalte Briefwechsel der Simplizissimus-Zeichner Olaf Gulbransson und Franziska Bilek ("Lieber Olaf - Liebe Franziska«, s. SPIEGEL Nr. 38/1950) dazugehörte. Sieben Bücher dagegen waren in wenigstens vier Städten Bestseller (s. Graphik).

Jede der acht Städte nennt »Götter, Gräber und Gelehrte«, Cerams Roman der Archäologie, Mischung aus Wissenschaft und Abenteuern. Fünfmal steht auf der Liste »Unsere schönsten Jahre«, Friedrich Sieburgs Pariser Erinnerungen und Abschied von der douceur de vivre, den jede Generation nimmt (und mehr oder minder tragisch nimmt).

In jedesmal vier Städten (nicht immer denselben) gehörten zu den acht ersten Büchern

* »Der Kleine Prinz, St. Exupérys melancholisches Bekenntnis zum »Eigentlichen, das unsichtbar ist«,

* »Die Nackten und die Toten«, Norman Mailers nervenkratzender Dokumentar-Roman

*) Zu den Bundeshaus-Bestsellern dieser Art gehören noch: Erich Kordt »Nicht aus den Akten« (s. SPIEGEL Nr. 48/1950) und Jürgen Thorwald »Das Ende an der Elbe« und »Es begann an der Weichsel« sowie die Lebenserinnerungen des Archäologen Ludwig Curtius »Deutsche und antike Welt«. aus dem Pazifik-Krieg (siehe SPIEGEL 28/1949),

* »Eine Welt zu Füßen«, Frank Yerbys nach probatem »Vom Winde verweht«-Rezept gebraute, mit einem großzügigen Zusatz überhitzter Erotik angerührte Familien-Saga aus dem nordamerikanischen Süden,

* »Missa sine nomine«, Ernst Wiecherts Nachkriegs-Roman aus Wiechertscher Demut und Gottergebenheit zu Dienst und Opfer,

* »Statist auf diplomatischer Bühne«, des Dolmetschers Dr. Paul Schmidt Kulissen-Erinnerungen.

In drei der acht Städte waren Gheorghius »25 Uhr« und Malapartes »Haut« (siehe SPIEGEL Nr. 45 bzw. 10/1950) unter den acht meistgekauften Büchern. In je zweien schafften es Robert Merles »Wochenend in Zuydcoote« (s. SPIEGEL Nr. 43/1950) und Kathleen Winsors »Amber«. Staub und Gestank des Krieges in dem einen, Schwüle und Parfüm historischer Alkoven im anderen Roman hielten sich die Waage der Beliebtheit.

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