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SOWJET-UNION / MALINOWSKI Zwischen zwei Kissen

aus DER SPIEGEL 10/1964

Zwei Stunden lang saß der italienische Verleger Giulio Einaudi bei Nikita Chruschtschow in dessen Arbeitszimmer im Kreml. Dann verkündete der Italiener den wartenden Reportern: »Chruschtschow sagte mir, wenn er nach England, Frankreich, Italien und den USA blicke, könne er beruhigt zwischen zwei Kissen schlafen.«

Knapp 24 Stunden später wurde Chruschtschows Optimismus jäh korrigiert. Auf einer Feier zum 46. Jahrestag der Gründung der Sowjetarmee warnte Verteidigungsminister Marschall Rodion Malinowski vor der »gefährlichen Politik der imperialistischen Staaten«, die den Frieden in Mitteleuropa bedrohe.

Malinowski: »Durch das böswillige Verschulden der Westmächte hat sich im Zentrum Europas eine große Menge Zündstoff angesammelt, aus dem die Flammen eines Weltkrieges schlagen könnten.«

Unverhohlener sind Meinungsverschiedenheiten in der sowjetischen Staatsführung über die internationale Lage kaum je offengelegt worden. Chruschtschow will auf dem gegenwärtigen Entspannungskurs beharren, die Militärs sind für eine härtere Politik gegenüber dem Westen.

Seit Chruschtschow im Oktober 1961 von seinem Berlin-Ultimatum abrückte und diplomatische Erkundungsgespräche mit den Westmächten eröffnete, lassen die Marschälle ihre Besorgnis durchblicken, Chruschtschows weltpolitischer Optimismus gefährde die Sicherheit der Sowjet-Union.

In Reden und Aufsätzen suchten die führenden sowjetischen Militärs der Bevölkerung einzuschärfen, daß die Kriegsgefahr in Europa keineswegs, wie Chruschtschow meint, beseitigt sei.

So behauptete Verteidigungsminister Malinowski im Herbst 1962: »Zahlreiche Tatsachen beweisen, daß die aggressiven Kreise des Westens... ihre Sache auf Krieg gestellt haben.« Und Sowjetmarschall Konjew, der am 13. August 1961 als Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland den Bau der Berliner Mauer militärisch abgesichert hatte, erklärte in Walter Ulbrichts »Neuem Deutschland« im Mai 1963: »Die Bundeswehr giert geradezu nach Abenteuern.«

Die sowjetischen Marschälle vertraten ihre Forderungen nach einer militanteren Politik und noch höheren Rüstungsausgaben so nachdrücklich, daß Chruschtschow dem US-Landwirtschaftsminister Freeman im August 1963 gestand: »Die Raketen stehen mir bis oben hin!«

Der Streit zwischen Chruschtschow und den Militärs spitzte sich im November 1963 schließlich so zu, daß Staatspräsident

Breschnew vermitteln mußte. Die Marschälle erklärten sich mit einer nominellen Kürzung des Rüstungsbudgets um 600 Millionen Rubel einverstanden. Chruschtschow aber mußte ungleich drastischere Abstriche an seinem Chemie-Programm vornehmen.

Anfang Februar begannen die Militärs sich offen in die Belange der Partei einzumischen. Sie beriefen eine »Konferenz der schöpferischen Intelligenz« in die Frunse-Militärakademie nach Moskau ein. Thema der Tagung: Die Verantwortung des Sowjetkünstlers für die patriotische Erziehung der Jugend.

Hauptredner war Rodion Malinowski. Er beklagte sich über pazifistische Tendenzen und die abstrakte Verneinung des Krieges im zeitgenössischen Kunstschaffen der Sowjet-Union. Es komme - zürnte der Marschall - nicht auf »naturalistische Einzelheiten des Kriegsgeschehens«, sondern darauf an, seinen »tiefen philosophischen Sinn« zu erfassen und Werke von »hohem revolutionären Pathos« zu schaffen.

Auch auf außenpolitischem Gebiet wurden die opponierenden Militärs aktiv. Bereits im September 1963 hatte Marschall Gretschko, Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Warschauer Paktes, vor einer Überschätzung des Moskauer Teststopp-Abkommens gewarnt.

Am Mittwoch der vorletzten Woche griff Gretschko in der »Kasachstanskaja Prawda« eine Grundvoraussetzung der Moskauer Koexistenzdoktrin an: Chruschtschows Vorschlag für einen internationalen Gewaltverzicht bei der Regelung territorialer Streitigkeiten.

Gretschko: »Die geschichtliche Erfahrung und die moderne Wirklichkeit lehren, daß die Imperialisten bei der Lösung internationaler Streitfragen nur eine Macht anerkennen: die Gewalt.«

Ministerpräsident Chruschtschow, der Anfang März für einen Monat in Ferien fuhr und kurz vor seiner Abreise von dem italienischen Verleger Einaudi gedrängt wurde, doch möglichst bald mit dem Schreiben seiner Memoiren zu beginnen, antwortete mit augenscheinlicher Anspielung auf seine aufsässigen Marschälle: »Vielleicht - wenn man mich hier nicht mehr haben will.«

Sowjet-Marschall Malinowski

»Große Menge Zündstoff«

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