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ALGERIEN Zyankali auf dem Nachttisch

Ganze Dörfer werden ausgelöscht, Frauen und Kinder massakriert - im Krieg zwischen Islamisten und Militär starben seit 1992 über 100 000 Menschen. Der Schriftsteller Rachid Boudjedra beschreibt die Tragödie seiner Heimat und sein Leben mit der Todesangst.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Boudjedra, 56, ist der meistübersetzte Autor Algeriens ("Die Auflösung"). Von den Islamisten zum Tode verurteilt, pendelt er zwischen Paris und Algier, wo er ständig seine Verstecke wechselt. Er schrieb diesen Bericht für den SPIEGEL.

An ungeraden Tagen wache ich morgens schon zerschlagen auf, an geraden Tagen in guter Stimmung, oder ist es umgekehrt? Das Schlimmste ist immer, vorher überhaupt Schlaf zu finden. Tief in der Nacht, wenn alle Kniffe und Vorwände nichts fruchten, wird das Warten auf den Schlaf zum Schmerz.

Zähneputzen, immer wieder, bis das Zahnfleisch weh tut. Einige Seiten aus meinen Lieblingsbüchern lesen, die ich von Versteck zu Versteck mitgeschleppt habe. Mich ausstrecken. Die Zyankalikapsel griffbereit neben das Wasserglas auf den Nachttisch legen, weil ich denen auf keinen Fall lebendig in die Hände fallen will.

Angst vor dem Tod durch eine Kugel in den Kopf habe ich nicht, wohl aber vor Demütigung, Folter, Verstümmelung.

Meinen Freund, den Kinderarzt Professor Mohammed Bilchanschir, haben sie im Krankenhaus ergriffen und verschleppt, als er ans Bett einer kleinen Patientin trat. Sie schnitten ihm die Finger einzeln ab, dann die Ohren, die Zehen, das Geschlechtsteil. Sie stachen ihm die Augen aus. Er starb 24 Stunden lang.

Überprüfen, daß mein Revolver schußbereit ist - dieser kleine Apparat, der Löcher in den menschlichen Körper schlägt und den Tod bringt.

Ist das alles verrichtet, tritt eine Phase der Latenz ein, ein Warten auf das Nichts, in das ich nun eintauche. Dieses zerbrechliche und erstaunliche Ding namens Schlaf, der manchmal schnell kommt und manchmal so schrecklich langsam.

Die islamischen Fundamentalisten haben mich schon 1983 zum Tode verurteilt. Erst hatte ich keine Furcht, jetzt fühle ich mich wie in einem stockdunklen Zimmer; in dem bin ich einerseits allein, andererseits befinden sich darin Menschenmassen, die sich jeden Augenblick in Bewegung setzen können, auf mich zu.

Wie konnte es so weit kommen? Außenstehende begreifen die komplexe Situation in Algerien zumeist nicht, und ihre Deutungen sind allzu einfach. Man kann Algerien nicht mit westlichen Demokratien vergleichen, weil wir keine demokratische Tradition haben. Und trotzdem sind wir heute, von Südafrika abgesehen, der demokratischste Staat der arabischen und der afrikanischen Welt. Immerhin gibt es bei uns an die 60 politische Parteien und 50 Zeitungen, die ihre Meinung äußern können. Über hundert Journalisten haben ihren Mut zu Information und Meinung mit dem Leben bezahlt.

Ich stehe wieder auf und prüfe, ob die Tür gut verriegelt ist, drücke dagegen, verbarrikadiere sie mit Stühlen. Ich lege ein Messer oder eine Gabel auf die Klinke - wenn sich jemand an der Tür zu schaffen macht, fallen sie herunter, und der Krach würde mich wecken.

Wieder hinlegen. Die Gedanken rasen: Und wenn im entscheidenden Augenblick der Revolver versagt? Und wenn das Zyankali seine Wirkung verloren hat? Wie viele Jahre schleppe ich es schon mit mir herum?

Am nächsten Morgen frage ich mich, wie ich überhaupt etwas Schlaf finden konnte. Aber ich bin zufrieden, daß ich den Mut hatte, mich ins Bett zu legen. Ich führe Buch, wie viele Stunden ich geschlafen habe.

Nach sechs Jahren dieses blutigen Konflikts in meinem Heimatland ist die Kultur der Islamisten zu einer totalen Anbetung des Todes geworden - gewalttätig, sadistisch, pervers. Es führt zu nichts, mit Abbassi Madani, dem kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Führer der Islamischen Heilsfront (FIS), zu verhandeln; der kann die Massaker nicht aufhalten. Das Paradoxe ist, daß dieser Fundamentalist heute von der algerischen Polizei beschützt werden muß. Ich glaube sogar, daß er von seinen früheren Komplizen zum Tode verurteilt worden ist.

Wenn ich mein Versteck in Algier verlassen muß, bereite ich mich sorgfältig vor. Ich habe eine ganze Sammlung von Perücken in verschiedenen Farben. Welche setze ich heute auf? Und niemals zwei Tage hintereinander dieselbe Jacke und dieselbe Hose tragen. Mein Bart sprießt wieder einmal. Ich mag Bärte nicht, ich habe das Gefühl, Bärte stinken. Trotzdem habe ich mir einen wachsen lassen - eine Überlebensfrage.

Der Preis für die Tarnung ist ein allgemeines Unwohlsein als Draufgabe zur Angst. Ständig schnüffle ich, ich parfümiere den echten oder falschen Bart, dabei kann ich Duftwasser nicht ausstehen.

Vor dem Spiegel packt mich mal wieder Panik - das passiert mir immer öfter. Eine dumpfe Trauer lähmt mich, wenn ich mich in dem Glas nicht mehr wiedererkenne, Zweifel an meiner Identität plagen mich. Ich muß mich zur Ruhe zwingen, um die Ecksteine dieser Identität zu ordnen.

Kann uns das Ausland helfen? Die Vereinigten Staaten haben seit einem Monat eine feste Haltung eingenommen, sie betrachten die Islamisten inzwischen als die allein Verantwortlichen für die Bestialitäten. In Frankreich gibt es zwei Positionen, die des rechten Staatspräsidenten und die der linken Regierung.

Gaullisten und Kommunisten sind eindeutig gegen den Fundamentalismus. Die Sozialisten lavieren und widersprechen sich ständig. Als Erben der Algerienpolitik von Guy Mollet und François Mitterrand in der Vierten Republik fällt es ihnen schwer, die Situation von heute klar zu beurteilen. Sie führen noch immer ihren Algerienkrieg, sie leiden an den Folgen, und es gelingt ihnen nicht, über ihre revanchistische, von Komplexen gezeichnete Haltung hinwegzukommen. Das verleitet sie dazu, ein gewisses Verständnis für die Islamisten zu zeigen, weil sie die für politische Rebellen halten.

Das übrige Europa windet sich. In London darf der Direktor von »el-Ansar«, einem Pressedienst der »Bewaffneten Islamischen Gruppen«, in einem Fernsehinterview ungeniert die Verantwortung seiner Organisation für die jüngsten Massaker in Algerien beanspruchen und erläutern, warum es notwendig ist, im Namen des Heiligen Krieges Kleinkinder zu zerhacken und Frauen wegen »Beleidigung Gottes des Allmächtigen« zu vergewaltigen und umzubringen. Wo bleibt der Aufschrei der deutschen, der französischen Intellektuellen und Menschenrechtler? Sie sind unser überdrüssig. Und sie neigen zunehmend dazu, Henker und Opfer über einen Kamm zu scheren.

Von allem, was dem Militär an Ausschreitungen gegen die Bevölkerung, an Exzessen und an Foltertaten zugeschrieben wird, stimmen vielleicht zehn Prozent; Beweise gibt es nicht. Andererseits: Sehen diese Humanisten in Europa nicht, daß sich in Algerien ein Genozid am eigenen Volk abspielt? Sie machen sich der Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit verdächtig, wenn sie die Verbrechen der Terroristen gegen die Gewalt des Staates aufrechnen.

Eine provozierende Idee: Wenn die Islamisten 1992 die Macht übernommen hätten, wenn die Wahlen nicht abgebrochen worden wären, hätten sie, wie ich glaube, anschließend zwei Millionen Menschen umgebracht, ihnen mit dem Messer auf dem Marktplatz die Kehlen durchgeschnitten. Nebenbei, wie hat Pol Pot seine rund zwei Millionen Opfer in Kambodscha getötet?

Wir Algerier fühlen uns von der Menschheit aufgegeben. Dabei sind wir ein Staat, den der Internationale Währungsfonds inzwischen als Musterschüler anerkennt, dessen Wachstumsrate von minus 3 auf plus 5,8 Prozent gestiegen ist.

Ich habe mich unkenntlich gemacht, der Tag kann beginnen. Am schlimmsten sind Regentage, wegen der widerwärtigen Perücke. Zum Glück ist es meistens schön in Algier. Ich frühstücke und höre mir dabei Bachs Goldberg-Variationen an, gespielt von Glenn Gould. Agathe, die kleine schwarze Katze mit den blauen Augen, springt mir auf den Schoß. Die erste Zärtlichkeit des Tages.

Die Sonnenflecken an der Wand, Verkehrslärm, Lachen von Kindern und Frauen, das von der Straße her in mein Zimmer dringt, beruhigen mich. Manchmal versetzen mich diese Zeichen des Lebens in Euphorie: Welches Glück, aufzuwachen und ins ganz gewöhnliche Leben eintreten zu dürfen - jedenfalls beinahe.

Bei der Lektüre der Morgenzeitungen - sehr schnell und erst einmal nur die Überschriften - springt es mir wieder ins Gesicht: Terror.

Wir müssen mit ihm fertig werden, und ich sehe nur eine Lösung, das ist die militärische. Mit Menschen, die Kinder zerstückeln, verhandelt man nicht. Wir müssen den Präsidenten Liamine Zéroual unterstützen. Er ist im November 1995 mit 61 Prozent der Stimmen gewählt worden, obwohl die Heilsfront und die Bewaffneten Islamischen Gruppen gedroht hatten, am Wahltag die Urnen in Särge zu verwandeln.

Die Parlamentswahlen danach standen unter Kontrolle der Vereinten Nationen. Im Parlament sind alle Strömungen vertreten, sogar die Trotzkisten haben vier Mandate. Von den 380 Sitzen fielen 103 an gemäßigte Islamisten. Die Kommunalwahlen in dieser Woche werden ähnlich pluralistische Ergebnisse bringen. Sieht so das Gesicht einer Diktatur aus?

Das algerische Volk muß sich wehren gegen diese barbarischen Islamisten, die den Menschen die Kehlen durchschneiden, die foltern, vergewaltigen und brandschatzen. Der Staat hat eine Pflicht, Gewalt gegen diese abartigen Mörder zu üben. Wir müssen allmählich eine wahre demokratische Kultur schaffen. Leicht wird das nicht, denn in Gesellschaft und Politik dominieren bei uns archaische Gewohnheiten.

In den Straßen von Algier brodelt das Leben. Lange Zeit hat mich die Menge geängstigt, jetzt betrachte ich die Gesichter und atme die Gerüche ein. Ich lausche dem Geschrei und den Gesprächen, ich brauche diesen gewöhnlichen Alltag. Ich schlendere über den Markt, spüre, wie das Leben in mich zurückfließt, und freue mich an den kunstvoll aufgetürmten Obst- und Gemüsebergen. Nur den Anblick von Metzgerständen ertrage ich nicht mehr.

Unter zahllosen Vorsichtsmaßnahmen und mit vielen Umwegen begebe ich mich heimwärts. Vor dem Abendhimmel nehmen die Fenster die Farbe von Auberginen an, bald herrscht totale Finsternis. Ich denke an die bevorstehende Nacht, an die Zyankalikapsel und den Revolver.

Rachid Boudjedra
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