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Briefe

Zynische Note
aus DER SPIEGEL 13/1984

Zynische Note

(Nr. 11/1984, SPIEGEL-Titel: Horror-Video) *

Die FSK hat durch verheerende Beispiele gezeigt, daß sie nicht primär Jugend-, sondern Interessenschutz betreibt. Es sei nur an die längere Reihe von Barbaren-, Gewalt- und Horrorfilmen erinnert, die von der FSK für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben wurden. Zum Beispiel »Thor - der unbesiegbare Barbar« oder »Conan der Barbar«, zwei Produkte »voller Gewalt, Blut und Menschenverachtung« (Film-Dienst über »Conan"); Filme also, die geeignet sind, die Rebarbarisierung unserer Gesellschaft voranzutreiben.

Und wenn man dann noch bedenkt, daß der Jugendschutz in den Kinos längst schon zusammengebrochen ist und Dreizehn- bis Fünfzehnjährige zum Stammpublikum dieser Filme gehören, dann erhalten solche Urteile der FSK fast eine zynische Note. Die FSK hat sich durch ihre Freigabepraxis selbst ad absurdum geführt.

Ulm PROF. DR. WILLY REHM Deutsche Gesellschaft für Jugendschutz

Die Absicht des Gesetzgebers, Jugendliche vor gewaltverherrlichenden Videokassetten zu schützen, ist sicher billigenswert. Der Weg, den sich die Herren Geißler und Co. dazu einfallen ließen, ist allerdings skandalös.

Einmal heißt es den Bock zum Gärtner machen, wenn der Gesetzgeber ausgerechnet der Filmselbstkontrolle (FSK) die Befugnis zubilligen will, künftig darüber entscheiden zu dürfen, ob Videokassetten an Jugendliche oder nur an Erwachsene verkauft werden dürfen, obgleich diese Institution trotz vollmundig formulierter Grundsätze in vielen Fällen ungekürzt gerade die Filme freigegeben hat, deren Videofassungen jetzt die Jugendschützer auf den Plan rufen. Einfältiger geht es wohl nicht mehr.

Zum anderen führt das Gesetz zu einer eklatanten Ungleichheit zwischen Print-Medien und elektronischen Medien. Während für die von der FSK nur für Erwachsene freigegebenen, also als jugendgefährdend gewerteten Videokassetten auch künftig munter weiter Werbung betrieben werden darf und die Kassetten jedermann zugänglich sind, führt die Indizierung einer Druckschrift durch die Bundesprüfstelle (BPS) dazu, daß das betreffende Objekt völlig von der Bildfläche verschwindet.

Auf die Möglichkeit zu verweisen, daß Videokassetten immer noch indiziert werden können, wenn auch »in Ausnahmefällen« - dies mit der Folge, daß sie dann gar nicht mehr verliehen werden dürfen -, ist ein schlechter Witz: In der Regel fehlt es dann von vorneherein am Rechtsschutzbedürfnis.

München DR. WOLFDIETER KUNER Rechtsanwalt

BRIEFE

Strafantrag gestellt

(Nr. 11/1984, Affäre Wörner) *

Sie zitieren einen MAD-Vermerk: _____« In Bonn gibt/gab es die Behauptung, Gen. Dr. K. » _____« »penne« mit einem am 31. 3. 84 pensionierten Generalarzt. »

Dieser pensionierte Generalarzt kann nur ich sein. Ich bin der einzige in diesem Rang, der zu dem genannten Zeitpunkt in den Ruhestand versetzt wurde. Außerdem bin ich dem General Dr. Kießling seit Jahren freundschaftlich verbunden, deshalb treffen wir uns häufig.

Alle, die mich kennen und die mein kameradschaftliches Verhältnis zu General Dr. Kießling besser beurteilen können als der MAD, haben für die absurde und beleidigende Behauptung kein Verständnis. Erst durch Ihre Veröffentlichung habe ich von dieser üblen Nachrede Kenntnis erhalten. Ich habe inzwischen Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Bonn gestellt.

Bonn DR. MED. HORST HENNIG Generalarzt a. D.

BRIEFE

In keiner Form

(Nr. 11/1984, Berlin) *

Für die Gewährung der Steuervergünstigung nach Paragraph 6 b Einkommensteuergesetz und Paragraph 4 Auslandsinvestitionsgesetz ist nicht der Bundesfinanzminister zuständig. Der Bundesfinanzminister muß vorher durch »Benehmen« beteiligt werden. Meine befürwortende

Stellungnahme zum 1. Geleitzug entsprach den Tatsachen und dem Gesetz. Darüber hinaus bin ich in keiner Form bei der Steuerbegünstigung für Flick tätig oder gar behilflich gewesen.

Bonn DR. HANS APEL Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion

BRIEFE

Mit großer Sorgfalt

(Nr. 9/1984, Flick-Ausschuß) *

Ihr Berichterstatter muß mich mißverstanden haben: Die Schlüssigkeit der Anklageschrift im Fall Graf Lambsdorff, die dem Untersuchungsausschuß bisher nicht vorliegt, kann ich nicht beurteilen. Soweit ich über den Gang des Ermittlungsverfahrens unterrichtet bin, sehe ich auch keinen Anlaß, die Bonner Staatsanwaltschaft zu kritisieren, sie hätte sich mehr Mühe geben müssen. Im Gegenteil, die Staatsanwaltschaft Bonn darf für sich in Anspruch nehmen, in dem Ermittlungsverfahren mit großer Sorgfalt vorgegangen zu sein. Nach dem neuesten Erkenntnisstand könnte lediglich zweifelhaft sein, ob die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat.

Bonn OTTO SCHILY MdB/Die Grünen

BRIEFE

Schamlose Empfehlung

(Nr. 11/1984, Grüne) *

Sie schreiben, ich hätte die Empfehlung meines Weggefährten Heimann, dem SPD-Kandidaten im Wahlkreis Nürtingen die Stimme zu geben, »schamlos« genannt. Unmittelbar nach dem Versäumnis des Esslinger Kreisverbandes, meinen Nachfolger Holger Heimann fristgerecht zur Landtagskandidatur anzumelden, habe ich geäußert: »SPD zu wählen, wäre im Kreis Esslingen angesichts deren Haltung zur Müllentsorgung als Empfehlung ''schamlos''«. Die Empfehlung meines Kollegen, Werner Weinmann von der SPD zu wählen, erfolgte 14 (!) Tage nach meiner Aussage.

Stuttgart WINFRIED KRETSCHMANN Mitglied des Landtags

BRIEFE

Soll und Haben

(Nr. 9/1984, Rüstung: Luftabwehrsystem Patriot) *

Ihr Artikel vermittelt den Eindruck, die Bundeswehr beschaffe mit dem dringend benötigten Patriot ein ungeeignetes Waffensystem zur Schließung der Lücke in der Luftverteidigung. Dies ist falsch.

In der westlichen Welt gibt es derzeit kein Raketensystem, das für die Flugabwehr besser geeignet wäre als Patriot. Die von Ihnen übernommene Bewertung des Systems stützt sich nicht auf das Urteil eines Fachmannes, sondern eines Reporters, dessen Recherchen bereits ein ganzes Jahr zurückliegen, als das Waffensystem Patriot noch nicht einmal die Serienreife erreicht hatte.

Schon Ihr »Soll und Haben« zeigt eine falsche Bilanz: *___Es war nie beabsichtigt, das Patriot-System in ____einem einzigen Fahrzeug unterzubringen. Man versuchte ____allerdings - mit Erfolg -, die Zahl der Fahrzeuge ____drastisch zu senken. *___Als das Radargerät konzipiert wurde, standen zwei ____Möglichkeiten zur Wahl, entweder eine ____360-Grad-Abdeckung mit mehreren Radargeräten für eine ____Vielzahl von Einzelaufgaben oder eine im Seitenwinkel ____eingeschränkte Abdeckung, dafür aber nur ein Gerät für ____alle Funktionen. Man entschied sich für moderne ____Technologie und sparsame Ausstattung. Die fehlende ____360-Grad-Abdeckung wurde dabei akzeptiert, weil sie ____durch taktisch richtige Aufstellung der Systeme im ____Gelände ausgeglichen werden kann. *___Die Unterscheidung zwischen eigenen und anderen ____(feindlichen) Flugzeugen ist keine zum Flugabwehrsystem ____Patriot gehörende Aufgabe. Hierfür werden auch im ____Waffensystem Patriot Nato-Standardgeräte verwendet, die ____in alle in der Luftverteidigung verwendeten ____Waffensysteme eingebaut werden.

Zur Dauer der Entwicklung des Waffensystems Patriot ist festzustellen, daß von den ersten konzeptionellen Überlegungen Ende der sechziger Jahre bis zum Beginn der Auslieferung der Serie 1983 etwa 15 Jahre vergingen. Dies ist - wie Kenner wissen - ein für derartige Systeme völlig normaler Zeitansatz.

WOLFGANG BÜHLER, Oberstleutnant i. G. Sprecher der Luftwaffe

Oberstleutnant Bühler irrt: Die SPIEGEL-Veröffentlichung stützte sich nicht auf die Bewertung des NBC-Reporters (er wurde nur am Anfang der SPIEGEL-Geschichte zitiert), sondern auf die Pentagon-Auswertung des Abschlußtests der angeblich serienreifen Patriot im Sommer letzten Jahres in White Sands, der wegen Versagens zahlreicher Untersysteme vorzeitig abgebrochen wurde, ohne daß eine der fünf ursprünglich vorgesehenen Raketen abgeschossen wurde. Seither sind keine erfolgreichen Tests gefolgt.

Zahl der Fahrzeuge: Die amerikanische »World Missile Space Encyclopedia« vom Juli 1965 notiert unter »Sam-D« (Vorläufername der Patriot) wörtlich: »Ähnlich der Luftabwehrrakete Mauler sollte das Gesamtsystem ursprünglich auf einem einzigen Fahrzeug untergebracht werden.«

Zur Entwicklungszeit: Schon 1965 (also vor 19 Jahren) sprach die Space Encyclopedia von einer »Verzögerung des Programms wegen der hohen Kosten«, und in einem Dokument des Pentagon vom 8. September 1981 heißt es wörtlich: »Patriot hat sich den Ruf erworben, das langwierigste Entwicklungsprogramm in der Geschichte der Armee, wenn nicht des gesamten Verteidigungsbereichs zu sein« - ein völlig normaler Zeitansatz, wie Oberstleutnant Bühler meint? Red.

BRIEFE

Legende eines Bildes

(Nr. 8/1984, Verbrechen) *

Ich bin Jahrgang 1944, Diplom-Bibliothekarin und schreibe eine Dissertation über Juden in einer Kleinstadt, genauer: in meiner Heimatstadt Cuxhaven. Für meine Arbeit habe ich Einsicht in Gerichtsakten und Unterlagen des Stadtarchivs.

Ich entdeckte, daß ein Photo innerhalb von 15 Jahren viermal im SPIEGEL veröffentlicht wurde, fast alle großen deutschen Zeitungen und Bildbände über Naziverbrechen es druckten, immer mit einer falschen Bildlegende und Jahreszahl. Dort, wo der Vorfall sich tatsächlich abspielte, weiß man es besser: in Cuxhaven.

Mich interessierte, warum gerade dieses Photo solch ein »Publikationserfolg« war und ist. So begann ich herumzufragen, bekam wenig Antworten, viel Gerüchte. Ich stieß auf eine Mauer des Schweigens, auf Betroffenheit.

Das Photo wurde am 27. Juli 1933 aufgenommen, aber erst 1935 im »Stürmer« Nr. 37 gedruckt. Der Photograph ist unbekannt. Das Photo war in der Hetzschrift rechts und links so beschnitten, daß nur der jüdische Mitbürger und die Frau im Dreck der Straße standen, die SA-Leute auf dem Bürgersteig. Ein Vorgriff auf die Photos des Jürgen Stroop und anderer. Das war geschehen:

Am 27. Juli 1933 nachmittags führten Angehörige der Marine-SA den jüdischen Geschäftsmann Oskar Dankner und seine angebliche Freundin, die christliche Adele E., mit Schildern um den Hals durch die Stadt. Die SA-Männer trafen sich in ihrem Sturmlokal in der Fahrenholzstraße 6. Oskar D. und Adele E. wurden dorthin gebracht.

Der Mann war am Abend zuvor schon von der SA »vorbereitet« oder, wie die Beilage des nationalsozialistischen »Hamburger Tageblatt« für Cuxhaven es ausdrückte, »von kräftigen SA-Händen mit dem Gummiknüppel windelweich geschlagen« worden.

Die Schilder waren geschrieben und wurden umgehängt. Der Zug setzte sich in Bewegung, das Spießrutenlaufen begann: zunächst durch die Neue Reihe zur Marienstraße. Vor dem Karl-Kaufmann-Haus, Sitz der NS-Kreisleitung, formierten sich die Täter mit ihren Opfern zum Gruppenphoto, wobei sich noch ein, zwei SAler »spontan« dazustellten. Weiter durch die Schillerstraße, Deichstraße (damals Hindenburgstraße) und die Bahnhofstraße (Adolf-Hitler-Straße).

Voran ging ein Trompeter, der »dafür sorgte«, so die Zeitung, »daß die Schande der Beiden gehörig ausposaunt wurde«. Die Zuschauer begleiteten den Zug mit Pfuirufen. Später werden sie mir sagen, daß sie sich schämten, Zeuge dieses Vorfalls gewesen zu sein. Wenige Monate später, im Dezember 1933, meldete sich D. nach Warschau, seine Frau _(Vom 20. Juli 1933. )

nach Prag ab. Beide besaßen zu diesem Zeitpunkt die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Weiteres Schicksal unbekannt. Das Mädchen Adele verließ Cuxhaven und heiratete, aber das Stigma blieb. Jeder in Cuxhaven kannte sie, wußte ihre Geschichte.

Warum wurde gerade D., der erst seit rund zehn Jahren in Cuxhaven lebte, das Opfer des dort berüchtigten »Rollkommandos«? Das ist heute zweifelsfrei nicht mehr zu klären. Es gab nie einen Prozeß. Heute sind fast alle Beteiligten tot. Möglich, daß man in D. einen Geschäftskonkurrenten ausschalten wollte.

Welche persönlichen Motive sich auch immer mit dem »Radau-Antisemitismus« der SA verbunden haben mögen, daß sie sich Oskar D. zur Anprangerung aussuchte, hatte seinen Grund auch darin, daß D. so aussah, wie die Antisemiten sich den Juden vorstellen. Als »harmloser Bürger getarnt«, in Anzug und Fliege, entsprach D. den geschürten Unterwanderungsängsten.

Die Mitanprangerung der »Arierin« enthielt eine frühe und deutliche Warnung an die Adresse der nichtjüdischen Bevölkerung.

Das Photo wurde unzählige Male veröffentlicht. Die Gründe dafür liegen nicht in dem dargestellten Akt. Der Täterkreis erscheint eingeengt auf die SA-Rabauken aus der »Unterschicht« (hier: vorwiegend Seeleute von den Fischdampfern). Die Intellektuellen, die Mittel- und Oberschicht, die Mitläufer, kommen hier nicht vor. Das Photo reduziert die komplexe Wirklichkeit in entlastender Weise, indem es zu beweisen scheint, was sich beim Normalangehörigen jener Erlebnisgeneration als Fazit herausgemendelt hat: das Volk war unschuldig, es wurde verführt. Aktive waren primitive Kleinbürger.

Das Photo macht den Schrecken mitleidbar für den, der mitleiden will. Für den, der weiter hassen will, für den unverbesserlichen Antisemiten bedeutet das Bild eine Bestätigung seiner Vorurteile über Juden. Das Bild fordert uns heraus: Wie verhalten wir uns angesichts brutaler Gewalt? Welchem der beiden Rezeptionswege schließen wir uns an?

Kiel FRAUKE DETTMER

Vom 20. Juli 1933.

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