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»Zynische Schmähungen an die Polen«

befand jüngst das Armeeblatt »Zolnierz Wolnosci«. Auf kritische Berichte von deutscher Seite jedoch reagieren sie betroffen. Ihr Unmut trifft zur Zeit den SPIEGEL
aus DER SPIEGEL 31/1979

ZYCIE WARSZAWY

Die Regierungszeitung zu dem SPIEGEL-Artikel über: »Kriegsverbrechen: Polen-Greuel bleiben ungesühnt« (SPIEGEL 25/1979)

Im SPIEGEL findet eine immer deutlicher erkennbare Rechtswendung statt. Sie steht in einem logischen Zusammenhang mit den immer häufigeren Attacken auf die eigene, sozial-liberale Koalition ... Vor allem Polen und die Polen sind besonders oft Objekt gemeiner Verleumdungen und Attacken, deren Stil bislang nur den offen rechtsgerichteten, nationalistischen, um nicht zu sagen nationalsozialistischen Zeitschriften und Schmierblättern eigen war.

Besonders stark zugenommen haben derartige Publikationen in der Zeit der Ausstrahlung des amerikanischen Films »Holocaust« ... um diese Vergangenheit reinzuwaschen und zu verfälschen, indem man die Schuld den anderen Nationen zuschreibt.

Derselbe SPIEGEI., der in der Vergangenheit nicht selten sachlich und gewissenhaft über die gefährlichen Tendenzen in den westdeutschen revisionistischen und revanchistischen Kreisen schrieb, stellt nun, mit einer unerhörten Dreistigkeit, die Weichen um ISt) Grad herum.

Jeder Satz. beinahe jedes Wort, ist eine auf perfide Art und Weise servierte Halbwahrheit... eine äußerst schmutzige und niederträchtige Publikation, und zwar nicht nur, was ihren antipolnischen Charakter betrifft.

Worum geht es denn hier tatsächlich, wenn nicht darum. auch der neuen Generation junger Deutscher Haßgefühle einzuimpfen? Statt eines wahrheitsgemäßen Vergangenheitsbildes bietet man ihnen immer wieder verschiedene Fälschungen, Verdrehungen, Lügen und Halbwahrheiten ...

Die Verdrehung der Wahrheit über jene Zeiten, das Aufbürden der Schuld nicht auf die Täter, sondern auf deren Opfer ist ein weiteres Verbrechen, begangen von Deutschen an Deutschen. Ein Verbrechen, das für künftige Generationen gefährlich ist. Ein Verbrechen, angesichts dessen -- wenn man an seine Folgen für Furopa und für die Welt denkt -- niemand gleichgültig bleiben darf.

Trybuna Ludu

Die Parteizeitung zu dem SPIEGEL-Artikel: »Kriegsverbrechen: Polen-Greuel bleiben ungesühnt«

Unverändert, immer wieder, taucht in der bundesrepublikanischen Presse oder in den Äußerungen von Vertretern der dortigen politischen Rechten das Stichwort »Lamsdorf« auf, Lambinowice. Und immer dient es als Parole für eine neue Welle antipolnischer. chauvinistischer Angriffe.

Eine umfassende, ausschließlich diesem Thema gewidmete Publikation wurde in der Wochenzeitschrift SPIEGEL vom 18. Juni veröffentlicht. Der SPIEGEL gibt zu, daß die Bundesregierung gegen diese Kampagne ist. Er berichtet auch, daß die Staatsanwaltschaft in Hagen das Verfahren einstellte. Nichtsdestoweniger beruft sich das Nachrichtenmagazin auf Aussagen angeblicher Zeugen. welche die vom SPIEGEL unterstützte These einer »Ermordung von 6000 Deutschen im Lamsdorf- Lager« illustrieren sollen.

In Wirklichkeit war dieses sogenannte Lager nach dem Zweiten Weltkrieg ein Durchgangszentrum für die deutsche Bevölkerung aus dem Gebiet von Oppeln, die nach Kriegsende umgesiedelt wurde.

Zwar gab es Todesfälle im Lager, vor allem unter älteren Leuten, die vom »totalen Krieg« der Nazis ausgezehrt waren, sowie infolge einer Typhus-Epidemie -- einer von vielen, die in Nachwirkung des von Nazi-Deutschland entfesselten Kriegs damals auf polnischem Boden wüteten.

Aber die in diesem Zusammenhang genannte Zahl von 6000 Todesfällen ist völlig aus den Fingern gesogen, sie stellt eine bewußte Lüge dar.

Die gegenwärtige Wiederaufnahme dieser Provokation verfolgt offenbar drei Ziele: Eine Beleidigung des polnischen Volkes, eine Primitiv-Reaktion auf das ständig wachsende Prestige und den Respekt, dessen sich unser Land und unsere Nation in aller Welt erfreuen, und zweitens ein Relativieren der Nazi-Verbrechen, Erfinden angeblicher von den andren begangener Verbrechen, um von einer »Bilanz« des Unrechts sprechen zu können.

In einem Satz des SPIEGEL-Kommentars wird bedauert, daß »die polnischen Beschuldigten« der Gerechtigkeit entgehen, da »mögliche Straftaten bei der Vertreibung nach polnischem Recht verjährt sind«.

Lassen wir die Terminologie -- »Vertreibung« statt »Umsiedlung«

beiseite, die der SPIEGEL von den chauvinistischen Anführern der Landsmannschaften übernommen hat. Erstaunlich dagegen ist die Dreistigkeit des Autors, der sich durch Heranziehen des Begriffs »Verjährung« (der im allgemeinen Empfinden mit der Verfolgung von Nazi-Verbrechern assoziiert wird) sichtbar bemüht, die von den Nazis massenweise verübten Bestialitäten und die »möglichen polnischen Straftaten« auf die gleiche Ebene zu stellen.

Und schließlich das dritte Ziel: Augstein (ist) . . . kein primitiver Schreier aus dem chauvinistisch-landsmannschaftlichen Randgebiet, auch die Redaktionsmitglieder gehören nicht zu den Engstirnigen mit Augenklappen. Sie mußten sich voll bewußt sein, daß sie sich in den Dienst jener Kräfte stellen, für die solche Provokation ein Mittel auf dem Weg zu ihrem Ziel ist: den Prozeß der Normalisierung der Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland zu stören.

Verunglimpfung Polens, zynische Schmähungen an die Adresse der Polen sowie Gleichstellung verleumderischer Lästerungen mit den tatsächlichen, grausamen Verbrechen des Dritten Reiches müssen ohne Zweifel tiefe Empörung und entschiedenen Protest in unserem Land hervorrufen.

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