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Achtsamkeitsprofis über ihr Corona-Jahr »Ich saß da, habe geheult und keine Luft gekriegt«

Wer den Achtsamkeitskalender »Ein guter Plan« erfunden hat, müsste locker durch die Coronakrise kommen – oder? Milena Glimbovski und Jan Lenarz verraten, warum auch sie mal verzweifeln. Und was dagegen hilft.
Ein Interview von Katherine Rydlink

SPIEGEL: Herr Lenarz, Frau Glimbovski, das Jahr 2020 hat die meisten Menschen emotional herausgefordert. Vieles hat sich verändert: Homeoffice, Masken, Abstand, kaum soziale Kontakte… Sind Sie als Achtsamkeitsprofis da besser durchgekommen als andere?

Jan Lenarz: Es ist lustig, dass alle immer denken, dass ich der achtsamste Mensch der Welt bin, nur weil ich »Ein guter Plan« geschrieben habe. Das ist aber Unsinn. Genauso wie jeder andere Mensch mache ich dauernd Sachen, die mir nicht guttun. Immerhin weiß ich inzwischen, was mir hilft, wenn es mir nicht gut geht.

Zur Person
Foto: Birte Filmer

Milena Glimbovski, 30, und Jan Lenarz, 40, sind die Gründer von »Ein guter Plan«. Der Achtsamkeitskalender erschien zum ersten Mal 2016, bereits im ersten Jahr verkaufte er sich 12.000-mal – seither hat sich die Auflage jedes Jahr fast verdoppelt.

Glimbovski hat bereits mehrere Start-ups gegründet und leitet unter anderem das Berliner Lebensmittelgeschäft »Original Unverpackt«. Sie schrieb außerdem drei Bücher zu den Themen Feminismus, Zero-Waste-Aktivismus und Minimalismus.

Lenarz hat als Designer bereits mehrfach Auszeichnungen gewonnen. Er bezeichnet sich außerdem selbst als Autor und Speaker für mentale Gesundheit, Klima-Angst und Achtsamkeit. Nachdem er 2015 bei seinem Start-up für nachhaltige Kampfsportausrüstung ein Burn-out erlitten hatte, gründete er »Ein guter Plan«.

Milena Glimbovski: Ich denke, so eine globale Krise kann jeden Menschen erschüttern, egal wie gefestigt er ist. Ich würde behaupten, dass ich relativ stabil bin. Ich habe eine Partnerschaft, bin gesund, habe einen Job, den ich liebe, tolle Kolleginnen und Kollegen, bin finanziell abgesichert – und trotzdem hatte ich Panikattacken in der Woche, in der Corona losging, weil ich nicht glauben konnte, wie schnell die Welt aus den Fugen geraten kann. Ich saß da, habe geheult und keine Luft gekriegt.

Lenarz: Es wird sehr vielen so gehen. Man sieht ja jetzt schon, dass die Zahlen von Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Krankheiten in die Höhe gegangen sind. Und nach dem aktuellen Shutdown wird das vermutlich noch schlimmer.

SPIEGEL: Hat Ihr Verlag von dieser emotionalen Schieflage profitiert?

Lenarz: Das hört sich doof an, aber: Wir konnten eine erhöhte Nachfrage beobachten, ja.

Glombovski: Ich hätte gedacht, die Krise wird uns hart treffen, weil Kalender ein Luxusprodukt sind. Offenbar haben aber viele durch die Krise gemerkt, dass sie sich mal mit ihrer mentalen Gesundheit beschäftigen sollten.

SPIEGEL: Sie haben ein Corona-Krisentagebuch  mit Tipps gegen negative Gefühle in der Pandemie herausgebracht – kostenfrei zum Herunterladen. Darin raten Sie, Dinge in Angriff zu nehmen, über die wir Kontrolle haben. Wie geht das?

Lenarz: Das Corona-Tagebuch ist im Endeffekt so ähnlich wie der Kalender, nur in Kurzform und mit spezifischen Tipps für den Winter: zum Beispiel eine Tageslichtlampe, viel Bewegung an der frischen Luft oder feste Schlafenszeiten. Am Anfang verschafft man sich einen Überblick darüber, wovor man Angst hat, wie die eigene Tagesstruktur aussieht und wer zu den engen sozialen Kontakten gehört. Dann schreibt man täglich auf, wie man sich gefühlt hat und was sich vielleicht verändert hat. Tagebuch schreiben ist eine bewährte Methode aus der Psychotherapie: Dadurch übt man Selbstreflexion, Routinen und Dankbarkeit – alles Dinge, die sich gut anfühlen.

Glimbovski: Es kann außerdem helfen, sich der eigenen Stressfaktoren und Ängste bewusst zu werden und zu lernen, besser mit ihnen umzugehen.

Lenarz: Wenn man durchs Aufschreiben zum Beispiel merkt, dass einem immer wieder die sozialen Kontakte fehlen, dann könnte man sich etwa einmal die Woche zum Spazierengehen mit einem Freund verabreden, immer am selben Tag, damit das dann auch stattfindet.

Glimbovski: Oh nein, das würde mich total stressen.

Lenarz: Echt? Ich brauche Routinen und Regelmäßigkeit.

Glimbovski: Nicht jede Technik und jeder Tipp in unseren Büchern ist für jede oder jeden geeignet.

Lenarz: Ich schaue vor allem in Phasen rein, in denen es mir nicht so gut geht. Da mache ich dann immer eine Monatsreflexion und schaue, was ich im vergangenen Monat geschafft habe. Vergangenes Jahr habe ich das nur zwei Mal gemacht.

SPIEGEL: Ein Autor, der sein eigenes Buch nicht liest...

Lenarz: Allein diese zwei Monatsreflexionen haben bei mir ganz schön etwas angestoßen.

»Ich bin die letzte Person auf der Welt, die etwas durchzieht«

Milena Glimbovski

SPIEGEL: Die einen hatten in der Coronakrise unfreiwillig viel mehr Zeit als vorher, weil sie zum Beispiel in Kurzarbeit waren. Die anderen wussten nicht, wann sie noch Zeit zum Schlafen finden sollen – zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung. Nicht nur jetzt, in der Krise, fragen sich viele: Wo in meinem vollen Tag soll ich noch Zeit finden für Achtsamkeitsübungen?

Glimbovski: Ich bin die letzte Person auf der Welt, die etwas durchzieht. Wir wollen die Menschen auch gar nicht motivieren, immer alle Übungen zu machen. Vielmehr soll jeder das Buch und die Übungen so nutzen, wie es ihm guttut.

Lenarz: Manche verfolgen ihre Gewohnheiten täglich, manche nur einmal im Jahr. Manche meditieren regelmäßig, manche nie. Und manche nutzen »Ein guter Plan« auch einfach nur als Kalender. Wenn jemand viel Stress hat, sollte er nicht auch noch den Druck haben, ein Buch fertigzubekommen, das ihm helfen soll, zu entschleunigen.

SPIEGEL: Sie selbst hatten auch einmal eine Phase im Leben, in der Ihnen die Zeit zum Luftholen fehlte.

Glimbovski: Als wir damals den Verlag gegründet haben, hatten wir davor beide ein Burn-out. Wir haben nicht acht Stunden am Tag gearbeitet, sondern bis zu 14. Auch privat haben wir uns nur über Arbeit unterhalten. Und jetzt, fünf Jahre später, gibt es viel mehr Dinge, über die wir uns identifizieren. Wie wichtig das ist, mussten wir aber erst mal lernen.

SPIEGEL: Sie hatten beide ein Burn-out und haben sich dann erst mal entschlossen, ein Start-up zu gründen. Das klingt nicht gerade nach dem, was eine gute Psychotherapeutin raten würde.

Lenarz: Ganz so war es nicht. »Ein guter Plan« war anfangs als eine Art Ratgeber für unsere Freundinnen und Freunde gedacht. Wir wollten so 500 Bücher drucken mit Tipps, die wir während unserer Burn-out-Zeit gesammelt haben. Aber unser Crowdfunding ist durch die Decke gegangen, und da dachten wir uns, es sei klug, eine Firma zu gründen, um uns abzusichern. Doch im Arbeitsalltag und auch bei uns im Team achten wir sehr darauf, dass niemand Überstunden macht und im Urlaub keine Arbeitsmails checkt.

Glimbovski: Ich muss mich manchmal ein bisschen zwingen, da auch selbst diszipliniert zu sein, aber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versuchen wir wirklich rigoros auszutreiben, dass sie zum Beispiel im Urlaub arbeiten.

Lenarz: Da bin ich oft erstaunt, wie verinnerlicht manche im Team eine ungesunde Einstellung zur Arbeit haben, wenn sie aus einem sehr leistungsorientierten Unternehmen zu uns wechseln. Wir loben stattdessen, wenn sie keine Überstunden machen und nach dem Urlaub zurückkommen und ich wirklich zwei Wochen nichts von ihnen gehört habe.

SPIEGEL: Zum Schluss noch ein schlechter Wortwitz: Was ist Ihr guter Plan für 2021?

Lenarz: Puh, privat oder gesellschaftlich?

SPIEGEL: Sowohl als auch.

Glimbovski: Also ich habe den Plan, das Patriarchat zu stürmen, den Kapitalismus zu stürzen und die Klimakrise wieder mehr in den Fokus zu rücken.

SPIEGEL: Sehr ambitioniert.

Glimbovski: Das mit der Klimakrise wünsche ich mir wirklich! Aber sonst: Mehr Ruhe, raus aus Kreuzberg, vielleicht aufs Land ziehen.

Lenarz: Mehr Ruhe wünsche ich mir auch. Ich will mich dieses Jahr etwas mehr aus der Arbeit zurückziehen. Und für die gesamte Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie sich nicht zu sehr spaltet. Das Gefühl des Miteinanders, das ich während des ersten Shutdowns empfunden habe, ist irgendwie weg. Das finde ich schade. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben doch nach wie vor einen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Durch einige wenige, sehr laute Menschen entsteht aber der Eindruck, dass gerade die eine Hälfte gegen die andere kämpft. Das ist nicht so.