Aktion von Schauspielern Wie #allesdichtmachen ein Erfolg hätte werden können

Ein Gastbeitrag von Eva Ullmann und Michael Ehlers
Humor sorgt für Aufmerksamkeit, Zynismus unterbindet Debatten: Insofern hat die umstrittene Aktion von ursprünglich mehr als 50 Schauspielern fulminant funktioniert und ist gleichzeitig grandios gescheitert. Woran lag es?
Einige der ursprünglich Mitwirkenden der Aktion #allesdichtmachen: Die Forderung eines Berufsverbots war sicher nicht das Ziel

Einige der ursprünglich Mitwirkenden der Aktion #allesdichtmachen: Die Forderung eines Berufsverbots war sicher nicht das Ziel

Foto: - / picture alliance/dpa/Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube

Bei der Herstellung von Aufmerksamkeit hat die Aktion #allesdichtmachen volle Punktzahl erreicht. Fast 4,9 Millionen Menschen haben allein die zehn meistgeklickten Videos in kürzester Zeit gesehen. Die Zustimmung liegt bei 93,3 Prozent. Nur muss man eben zwischen positiver YouTube-Begeisterung und negativer Medienrezeption unterscheiden. Die Reaktion, die Schauspieler:innen zu diskreditieren bis hin zur Forderung eines Berufsverbots, war sicher nicht das Ziel dieser ironischen Kunstaktion.

Verwunderlich ist, dass der vor wenigen Wochen erschienene Song von Danger Dan (Antilopen Gang) »Es ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt«  viel aggressiver in der Konjunktivform zu Gewalttaten aufrief. Dieser Song wurde jedoch gefeiert und bei Weitem nicht so stark kritisiert wie die jüngste Videoaktion der Schauspieler:innen. Lag das lediglich an der zynischen Medienkritik eines Jan Josef Liefers? Oder können sich alle auf Danger Dans formulierte AfD-Abneigung einigen? Interessant sind auch Reaktionen wie die Kritik Jan Böhmermanns an #allesdichtmachen, der bei seinem Erdoğan-Schmähgedicht einen ähnlich starken Shitstorm erlebte und jetzt trotzdem kräftig draufhaut.

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Damit sind wir schon bei der Wahl des rhetorischen Stilmittels angekommen.

#allesdichtmachen wählte die sarkastische, ironische, genauer gesagt: die zynische Form der Darstellung. Ironie und der Sarkasmus sind deutlich aus den Videos herauszuhören. Also auch hier volle Punktzahl für die Deutlichkeit der Ironie. Die Gefahr besteht in der Vielfalt der Deutungen. Nicht umsonst gibt es das journalistische ungeschriebene Gesetz: keine Ironie im Text, denn die Leserschaft versteht sie oft falsch. Man kann also sehr bezweifeln, ob die Wahl der Mittel richtig war.

Was hätte mehr Erfolg versprochen? Als der vormalige US-Präsident Donald Trump im ersten TV-Duell vor der Wahl im November 2020 mit seinen Proud Boys – einer rechtsgerichteten Bewegung in den USA – drohte, gab es eine riesige Welle von Fotos küssender, homosexueller Männer unter dem Hashtag #proudboys. Humor kann einfach zwei Dinge kombinieren, die nicht zusammengehören. Mit dem Stilmittel der Inkongruenz wäre die Diskussion sicher in eine konstruktivere Richtung gegangen.

Wenn das Ziel war, eine Debatte in der Bevölkerung anzustoßen, die die Corona-Maßnahmen kritisiert und diskutiert, muss man sagen: 0 Punkte erreicht.

Das Ziel spielt bei der Wahl des Stilmittels eine wichtige Rolle. Auch André Kramer, der Comedian, der beim G20-Gipfel 2017 mit einem Schild durch die Reihen vermummter Polizisten und Demonstranten lief, deeskalierte mit seinem Humor, ebenfalls eine Inkongruenz. Weder zynisch beschämend noch sarkastisch herabsetzend, sondern einfach lustig. Auf dem Schild stand: »ICH BIN ANWOHNER UND GEHE NUR KURZ ZU EDEKA. DANKE«. Das Foto unterbrach die angespannte Berichterstattung. Deeskalierender Humor.

Selbst wenn man die Videos witzig findet: Vielen Menschen ist das Ziel dieser Kunstaktion nicht klar. Klar, Humor muss nicht immer ein Ziel haben. Otto Waalkes dürfte mit seiner Kunst, den Ottifanten oder seinem Film »Die 7 Zwerge« kaum gesellschaftlich Kritik geübt haben. Er macht einfach tolle Komik und lebt davon.

Bei ironisch-kritischen Corona-Filmen dagegen vermutetet man eine Absicht. Und nicht einfach nur »Kunst«, wie es einer der Köpfe hinter der Aktion, der Münchner Produzent Bernd K. Wunder, gegenüber dem SPIEGEL sagte. Wenn das Ziel war, eine Debatte in der Bevölkerung anzustoßen, die die Coronamaßnahmen kritisiert und diskutiert, muss man sagen: 0 Punkte erreicht. Diskutiert wird kaum, zumindest nicht über das Thema Coronamaßnahmen. Dieser Humor lenkt von den vielen akuten und wichtigen Themen ab. Deswegen provozieren die Filme so viel Widerstand. Beschämt werden lediglich die beteiligten Schauspieler:innen, die einige möglichst sofort entlassen wollen. Andere, die nicht beteiligt waren, bieten bereits auf Facebook ihre Dienste für neu zu besetzende Rollen an.

Hätte eine harmlosere Form von Humor besser zum Ziel geführt? Jan Josef Liefers sagte in der Talkshow »3nach9«, er habe humorvoll kritisieren wollen, er wolle Hoffnung machen. Sarkasmus und Zynismus machen aber keine Hoffnung, sie erzeugen Distanz. Hoffnung entsteht durch sozialen Humor, durch Perspektivwechsel, die einfach lustig sind und nicht beschämen.

Wenn man die Regierung zu mehr Transparenz und die Medien zu kritischerer Berichterstattung auffordern will, sollte man das Schwert vielleicht nicht direkt in deren Rücken rammen.

Die Aktion krankte an einer psychologischen Schwierigkeit: dem Sender-Empfänger-Problem. Beim Empfänger kommt es sehr darauf an, wie tief er selbst gerade im Thema feststeckt. Viele fühlen sich von diesen Videos einfach veralbert, ihre Mühe und ihr Verhalten werden ins Lächerliche gezogen. Und dann versteht man eben keine Ironie und ist nicht zum Perspektivwechsel bereit. Vom Beifall rechter Querdenker ganz zu schweigen.

Populistisch gesehen nicht unklug, nutzt die AfD die Clips ohne jegliche Ironie einfach für ihre Zwecke. Erschrocken ziehen mehr als ein Dutzend Künstler ihre Filme zurück. Das war sicher so nicht gewollt. Viele der Reaktionen auf #allesdichtmachen sind Stressreaktionen, darunter fallen unter anderem die Schuldzuweisungen oder das Zusammenrotten, bei dem man den Schutz in der Gruppe sucht (»er bekommt Applaus von der AfD«). Auch wenn die Reaktionen für den, der sie zeigt, den Stress erst mal reduzieren, sind sie oft wenig hilfreich für einen Diskurs. Steht man im Supermarkt und sagt »Bananen sind lecker« und ein AfD-Wähler stimmt zu, dann ist man noch lange kein AfD-Sympathisant. Wenn ein gutes Argument von den falschen Personen Zustimmung erfährt, so macht es das Argument nicht schlecht.

In der Wahl der humorvollen Waffen und rhetorischen Stilmittel gibt es Brötchenmesser und scharfe Schwerter. Wenn man die Regierung zu mehr Transparenz und die Medien zu kritischerer Berichterstattung auffordern will, sollte man ihnen das Schwert vielleicht nicht direkt in deren Rücken rammen. Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn ein Shitstorm durch das Land braust und die getroffenen Journalisten kritisch und selbst ironisch antworten. Johannes Hano vom ZDF antwortet mit einem Augenzwinkern und berichtet ebenso übergeigt von einer reptiloiden Regierung, Statisten in Leichensäcken und von neun Millionen New Yorkern, die zum Fake Masken tragen und zu Hause blieben, und er fragt, ob er, völlig erschöpft, nicht besser Schauspieler geworden wäre.

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Es ist für Rhetorik- und Humor-, Stimm- und Vertriebsexperten sowie Neurowissenschaftler immer einfach, hinterher zu wissen, wie es besser hätte gehen können. Eine entspannendere Wahl der Humorinstrumente hätte hier sicher zu einem breiteren, konstruktiveren Diskurs in der Gesellschaft geführt. Trotzdem werden wir im Mai womöglich sagen: Wie gut, dass diese Schauspieler:innen so mutig und humorvoll waren, wir haben diskutiert und gestritten und unterschiedlichste Meinungen zu Wort kommen lassen. Humor hat wieder den schmalen Grat zwischen Kritik und Kunst ausgelotet. Neben all dem Bashing gab es dann doch Talkshows, Artikel und eine Debatte auf Social Media, die uns am Ende weitergebracht hat.

Dieser Artikel basiert auf einem gemeinsamen Clubhouse-»Rhetorik«-Talk vom 25. April 2021 zu #allesdichtmachen. Es diskutierten Mona Tenjo, Stephan Heinrich, Martin Limbeck, Ien Svea Bäumler, Yvonne de Bark, Dr. Monika Hein, Christian Richard Bauer, Dr. Sven Briken, Dr. Frederick Hümmeke, Michael Ehlers & Eva Ullmann

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.