Foto: Annette Boutellier

Alte Menschen über den Tod "Es war schöner auf der Welt, als ich noch den Überblick hatte"

Wie fühlt es sich an, am Ende des Lebens nach vorn zu schauen? Sechs hochbetagte Menschen erzählen, wie sie damit umgehen, bald sterben zu müssen.

Jeder muss irgendwann sterben, trotzdem reden nur wenige über den Tod. "Auch viele ältere Menschen schweigen, weil sie die Jüngeren nicht belasten wollen - und manchmal auch, weil sie beschämt sind über ihre eigenen Ängste", schreibt die Schweizer Autorin Mena Kost.

Doch das muss nicht so sein, findet sie: "Es tut gut, über den Tod zu reden. Weil man ihn damit, zumindest ein Stück weit, gemeinsam akzeptiert. Weil solche Gespräche ein Gefühl der Zusammengehörigkeit befördern - als Menschen."

Gemeinsam mit der Fotografin Annette Boutellier hat Mena Kost Menschen besucht, die bald sterben werden: Insgesamt haben sie 15 Männer und Frauen zwischen 83 und 111 Jahren gefragt, wie sie mit dem Tod umgehen. Die Gespräche für ihr Buch "Ausleben" fanden zwischen Herbst 2018 und Herbst 2019 statt, einige der Porträtierten sind inzwischen gestorben.  

Wie fühlt es sich an, am Ende des Lebens nach vorn zu schauen? "Der Tod verliert für viele alte Menschen an Schrecken. Einige entwickeln sogar eine Art freundschaftliches oder humorvolles Verhältnis zu ihm", resümiert Kost.

Sechs Frauen und Männer stellt der SPIEGEL in diesem Artikel vor. Zwei hat die Autorin nachträglich gefragt, wie sie zur Coronakrise stehen.

Ralph Gentner, Jahrgang 1932

An den Wänden hängt Kunst, die Möbel sind Design-Klassiker, eine Altbauküche, Aschenbecher, das Magazin "The New Yorker" liegt auf dem Fußboden. Während das ehemalige Mitglied des Berner Architekturbüros Atelier 5 erzählt, raucht er eine nach der anderen. Das macht er nicht, weil er nervös ist - Ralph Gentner ist die Ruhe selbst.

Foto: Annette Boutellier

"Ich fände es nicht schlecht, an einem Hirnschlag zu sterben. Zu wissen, dass ich bald sterben würde, wäre auch in Ordnung - wenn ich nicht leiden müsste. Ich kenne jemanden, bei dem es so war. Er hat noch Freunde eingeladen und sie haben Champagner getrunken. Das würde ich vielleicht auch tun. Also nicht mit Champagner, den mag ich nicht. Aber mit Bier. Oder Rotwein. Das ist auch für die Freunde schön. Für sie ist es traurig, wenn ich sterbe. Für mich nicht - ich bin dann ja nicht mehr da.

Als mein Vater im Sterben lag, habe ich ihn noch besucht. Bei diesem Besuch hat er mit mir über die Zeit nach seinem Tod gesprochen. Dass ich meine Mutter besuchen solle und so. Es war ein ganz nüchternes Gespräch - ganz ohne Trauer.

In meiner Küche habe ich einen Friedhof mit Fotos von allen meinen Verstorbenen. Manchmal kommen mir beim Betrachten Situationen in den Sinn, die wir zusammen erlebt haben.

Früher habe ich gedacht, dass ich im Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Bremgarten beerdigt werden möchte. Dort war ich schon an vielen Beerdigungen. Es gab da so einen großen Stein mit einer Klappe an der Stirnseite. Diese wurde geöffnet und die Asche aus der Urne hineingekippt. Es hat ja immer noch ein paar 'Knöcheli' in der Asche und die hat man dann gehört. Das hat mich fasziniert.

Aber jetzt ist dort alles anders, und ich habe mir gedacht, dass meine Asche entweder in die Aare oder ins Mittelmeer gestreut werden soll. Das Mittelmeer fände ich eigentlich schöner. Ich habe keine Kinder – auf alle Fälle keine, von denen ich weiß. Als Testamentsvollstrecker habe ich mein Patenkind und einen Freund eingesetzt. Ich denke, sie würden das mit der Asche für mich machen.

Ich habe viele Freunde, die jünger sind als ich - zwanzig, dreißig Jahre. Sie werden nach mir sterben. Das ist ein großes Glück für mich und für meine Lebensqualität als Greis. Wir essen zusammen, fahren in die Ferien, so was. Im Alter muss man junge Freunde haben, sonst redet man immer nur über die alten Zeiten.

Wenn ich Tram fahre, schaue ich die Jungen an und versuche mir vorzustellen, wie sie aussehen werden, wenn sie alt sind. Und ich schaue die Alten an und versuche, sie mir jung vorzustellen. Wenn ich einsteige, steht manchmal die halbe Tram auf. Dann frage ich mich schon, wie die Leute mein Alter sehen.

Meine Sicht auf den Tod hat sich durch Corona nicht verändert. Nein, wirklich nicht. Aber seit diesem Theater mit dem Virus sehe ich meine Freunde viel seltener. Außerdem wasche ich mir andauernd die Hände. Und ich lese mehr als sonst, weil ich ja mehr Zeit habe.

Ich habe ein paar Leute, die für mich einkaufen gehen. Aber manchmal gehe ich auch selbst. Ganz besonders fehlt es mir, mittags ins Restaurant Commerce zu gehen. Insgesamt ist das Virus wirklich lästig. Ich hoffe natürlich, dass es bald vorbei ist. Aber es sieht so aus, als würde das noch länger dauern."

Sofie Pfister-Odermatt, Jahrgang 1929

Die Luft ist eiskalt. Sofie Pfister-Odermatt zeigt über den schneebedeckten Garten zu einem blau gestrichenen Neubau hinüber: Dort hat vor Kurzem noch der alte Hof gestanden, in dem sie fast ihr ganzes Erwachsenenleben gewohnt hat. Nun ist Pfister-Odermatt umgezogen - damit die Jungen bauen können. Der alte Hühnerstall aber steht noch.

Foto: Annette Boutellier

"In letzter Zeit studiere ich schon am Tod rum. Früher habe ich gedacht: Jetzt habe ich noch fünfzig Jahre zu leben, dann noch zwanzig Jahre. Aber jetzt ist nichts mehr da - ich bin 90. Bei uns im Dorf stirbt dauernd jemand. Es gehen immer mehr von uns, man verliert auch seine Freundinnen. Da fehlt etwas.

Die Welt hier unten hat sich stark verändert, es ist nicht mehr so richtig unsere Welt. Nicht nur, dass wir immer weniger Leute kennen. Auch was die Technik angeht, verändert sich alles.

Manchmal verstehe ich nicht einmal mehr die Wörter. Es war schon schöner auf der Welt, als ich noch den Überblick hatte. Aber vielleicht geht es ja allen ein bisschen so? Manchmal scheint mir, sogar den Jungen wachse es hin und wieder über den Kopf mit der Welt.

Der Tod hat unterschiedliche Gesichter: Wenn man im Krieg sterben muss, erschöpft und hungrig, dann ist der Tod etwas Grausames. Oder wenn man als junger Mensch weiß, dass man sterben muss – vielleicht sogar mit kleinen Kindern. Das ist natürlich besonders hart, damit kann man nicht umgehen.

Aber wenn man sterben muss, nachdem man ein langes Leben gelebt hat, ist das etwas anderes. Wir Alten müssen weniger zurücklassen. Meine Mutter ist bereits gestorben, mein Vater, mein Bruder, die Schulkameraden – und auch mein Mann. Es hat sich da oben also schon etwas bewohnt.

Wenn jemand Angst hat vor dem Tod, dann hilft es, darüber zu reden. Ich habe eine Freundin, die gestürzt ist und sich das Bein ausgekugelt und zerquetscht hat. Seither liegt sie. Ich besuche sie jeden Donnerstag. Mit ihr rede ich viel übers Sterben. Das muss schon sein, das muss man irgendwo abladen.

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Mena Kost, Annette Boutellier (Fotografien)

Ausleben: Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später

Herausgeber: Merian, Christoph
Seitenzahl: 196
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Mir selbst wäre es am liebsten, wenn ich gar nicht merken würde, dass ich sterbe. Wenn ich einfach plötzlich weg wäre und die Jungen es dann entdecken würden. Wie ich einmal beerdigt werde, überlasse ich auch den Jungen. Nur verstreut werden möchte ich nicht. Dann gibt es keinen Ort, wo man hin kann. Außerdem ist der Friedhof im Frühjahr so schön, wenn alle Gräber gemacht sind und es zu blühen beginnt.

Am Abend liege ich manchmal im Bett und studiere. Zum Beispiel über Dinge oder Namen, die ich vergessen habe. Das ist das Alter. Es hat einfach keinen Platz mehr im Kopf, alles ist ausgefüllt vom Erlebten. Wenn es Köpfe zu kaufen gäbe, würde ich mir einen frischen kaufen. Ewig leben wollte ich trotzdem nicht, nein. Aber ein Weilchen lebe ich gerne noch."

Alice Schaufelberger, Jahrgang 1908

Im Zimmer von Alice Schaufelberger in einem Altersheim in Zürich stehen keine Bücher, kein Radio, kein Fernseher. Das ist ihr alles zu viel. Nur die Bibel und die Wochenzeitschrift "Glückspost" sind noch da. Als sie 1908 auf die Welt kam, hätte niemand gedacht, dass sie einmal der älteste Mensch der Schweiz werden würde.

Foto: Annette Boutellier

"Jetzt bin ich also die Älteste. Das ist ein Wunder. Die Mutter hat mir immer erzählt, wie große Mühe sie hatte, mich durchzubringen. Sie musste sehr gut auf mich aufpassen. Ich hatte einen alten Onkel, der mich manchmal gehütet hat, wenn die anderen aufs Feld gefahren sind. Er hat mir später erzählt, dass ich beinahe in den Holzschuh des Vaters gepasst hätte. Ich bin auch heute nicht gerade groß, das nicht. Aber ich bin ein Leben lang gesund geblieben.

Ich mag noch jeden Tag aufstehen, ich komme also ganz ordentlich durch. Wenn es mir gut geht, gehe ich in den Esssaal. Aber sie müssen mich bringen und holen. Allein würde ich den Heimweg nicht finden. Die Strümpfe kann ich mir auch nicht mehr anziehen. Wenn ich mich bücke, falle ich um.

Der Tod beschäftigt mich schon. Ich habe ja keine Geschwister mehr. Da frage ich mich, wer dann hilft, wenn es so weit ist. Ich habe das der Heimleitung gesagt und sie hat gemeint: 'Ja sind wir denn niemand? Das machen doch wir, Frau Schaufelberger!' Also mache ich mir keine Sorgen mehr.

Angst vor dem Sterben habe ich nicht – nein. Ich lese viel in der Bibel und bete am Abend und am Morgen. Manchmal auch über den Tag, wenn ich es gerade ein bisschen schwer habe. Ich bin so verbunden mit Gott und Jesus. Das hilft mir sehr. Ich denke, wenn es dann so weit ist, nimmt mich Gott zu sich nach Hause.

In meinem Alter hat man nicht mehr viele Verwandte. Ich bin ziemlich alleine. So ist das eben, wenn man keine Kinder hat. Aber ich kann das ganz gut tragen. Es ist einfach so, ich muss es annehmen. Ich nehme einen Tag nach dem anderen, bin jeden Morgen dankbar, dass ich aufstehen kann."

Hesso Hösli, Jahrgang 1931

Hesso Hösli hat in seinem Leben schon viele Menschen beerdigt. Der ehemalige Pfarrer sitzt in einem schlicht eingerichteten Sprechzimmer - ein Holztisch, vier Stühle, ein Kreuz an der Wand. Er schaut auf den Zürichsee hinaus. Vor zwei Jahren ist Hösli hier in die Kapuzinergemeinschaft des Klosters Rapperswil eingetreten. Weil er genug davon hatte, immer allein im Pfarrhaus zu essen.

Foto: Annette Boutellier

"Bevor ich hierher ins Kloster gekommen bin, war ich so ausgefüllt, dass ich keine Zeit hatte, ans Sterben zu denken. Auf jeden Fall nicht an mein eigenes. Bis zum Pensionsalter habe ich als Mathe- und Physiklehrer gearbeitet und war Präses der Jungwacht Schweiz. Danach war ich 21 Jahre lang Pfarrer und habe nebenher zwei Kapuzinerinnen-Klöster betreut.

Ob ich verbrannt werde oder erdbestattet, ist mir vollkommen wurst. Aber wahrscheinlich werde ich verbrannt. Wir haben hier eine Gruft und darin hat es eben nicht mehr viel Platz. Außerdem haben wir alle immer viel zu tun: Der eine muss da die Messe halten, der andere dort. Da ist es praktisch, wenn man den Tag für die Abdankung frei wählen kann. Mit einer Urne ist das natürlich besser möglich als mit einem Leichnam. Also habe ich geschrieben: 'Beides möglich, nach Wunsch des Oberen.'

Wirklich dabei, als jemand starb, war ich nicht oft. Manchmal wurde ich noch gerufen, das schon. Aber meistens habe ich nicht einmal sicher gewusst, ob der Mensch nun noch lebte oder nicht. Erst kürzlich wurde ich zu einer Frau geholt. Sie hat böse geschaut, als ich gekommen bin, irgendwie bitter.

Aber dann habe ich ihr gesagt, dass jetzt alles gut sei und sie vor nichts Angst zu haben brauche. 'Du bist nicht allein, Jesus begleitet dich', habe ich gesagt. Da hat sie plötzlich gelächelt. Den Sterbenden tut es gut, wenn man das mit einer normalen Sicherheit sagt.

Mir ist es auch recht, wenn jemand dabei ist, wenn ich dann gehen muss – also: Falls er vernünftig tut. Er sollte mich ernsthaft im Glauben unterstützen können und mir Mut machen. Als Geistlicher muss man sich manchmal schon fragen: Wie echt sind diese Sprüche denn, die du da machst? Wenn ich sterbe, muss jemand bei mir sein, den ich als echt empfinde. Es ist wichtig, dass es von Herzen kommt. Sonst würde ich noch beim Sterben denken: 'Ja, hör doch auf mit deinen Sprüchen!'

Wer mit seinem Leben versöhnt ist, stirbt leichter. Es gibt auch Tote, die richtig glücklich aussehen. Bei denen denke ich manchmal, dass man auf dem letzten Zacken, auf dem Weg zwischen fast tot und tot, vielleicht noch einen Lichtblick hat.

Weil ich einundzwanzig Jahre lang Pfarrer war, habe ich jede Menge Predigten auf Lager. Für jeden Sonntag eine, schön geordnet in verschiedenen Mäppchen. Wenn ich sterbe, lasse ich sie alle zurück. Angst vor dem Tod habe ich je länger je weniger. Ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Leben immer genau dort war, wo der liebe Gott mich haben wollte. Wenn ich dann gehen soll, ist es auch recht."

Annie Akuamoa, Jahrgang 1935

Barfuß sitzt Akuamoa auf der Couch in ihrer Dreizimmerwohnung in Basel. Während die ehemalige Hebamme und OP-Schwester von ihrer Kindheit in Ghana erzählt, öffnet sie den Reißverschluss des rosaroten Samtkissens auf ihrem Schoß. Vorsichtig holt sie den Inhalt hervor.

Foto: Annette Boutellier

"Bitte sehr: die Haare meiner Mutter. Alles von einem einzigen Haarschnitt. Sie hatte wunderbare Haare. 'Gib sie mir', habe ich gesagt, als sie hier in Basel zu Besuch war, 'dann habe ich dich immer bei mir '. Wenn ich sie vermisse, nehme ich ihre Haare hervor. Auch heute noch.

Ein bisschen Angst vor dem Tod habe ich schon - jeder hat ein bisschen Angst. Aber die Angst ist leicht. Ich lebe ja. Heute lebe ich. Und ich versuche, gut zu leben. Was morgen ist, weiß ich nicht. Also mache ich mir darüber keine Gedanken. Aber ich bete dafür, dass der nächste Tag gut wird.

Ich bin 1935 in Ghana geboren, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Accra. Mein Vater hatte drei Frauen und insgesamt etwa elf Kinder. Meine Mutter war seine erste Frau. Wir Kinder haben uns gut verstanden, haben viel zusammen gespielt und viel gestritten - alles ganz normal also.

In unserer Familie waren die Kinder das Wichtigste. Mein Vater hat immer gesagt: 'Wissen ist Macht', also mussten wir alle in die Schule gehen. Ich bin nicht besonders gern hingegangen.

Der Tod beschäftigt mich natürlich. Aber ich glaube an Gott und ich weiß, dass er mir helfen wird. Ich werde zu ihm gehen, wenn ich sterbe, er wird mir entgegenkommen.

Immer an Weihnachten feiern wir hier in Basel in unserer Gemeinde 'Carol Night'. Wir singen also zusammen Weihnachtslieder. Es hat Lichter, Kerzen, Gebäck, alles. Das ist unglaublich schön. Ich denke, genau so ist es, wenn man tot ist. So ist es im Himmel. Keine Schmerzen, keine Krankheiten, nichts. Nur Singen. Mit den Engeln im Himmel.

Ich habe keine Pläne mehr für die Zukunft. Aber ich habe die Hoffnung, dass es mir gut gehen wird. Dafür bete ich jeden Tag. Ewig leben möchte ich sowieso nicht. Wozu auch? Um krank zu sein und Schmerzen zu haben?

Ich esse kaum noch, ich mag einfach nicht mehr. Aber ich schaue sehr gern TV. Früher bin ich gereist - heute schaue ich mir die Welt im Fernsehen an. Unterwasserfilme gefallen mir am besten. Ich liebe die Tiere unter Wasser. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die sagen, es gäbe keinen Gott. Aber wenn man diese Tiere beobachtet, merkt man doch, dass es einen Gott geben muss."

Werner Arber, Jahrgang 1929

Zwischen den Papierstapeln hindurch sieht Werner Arber den Rhein. Braungrün schieben sich die Wassermassen unter der Dreirosenbrücke hindurch. Der Mikrobiologe und Genetiker sitzt am Schreibtisch in seinem Büro im obersten Stock des alten Basler Biozentrums. Etwa einmal in der Woche ist der Nobelpreisträger hier. Zum Arbeiten.

Foto: Annette Boutellier

"Man muss im Alter schon einiges loslassen. Zum Beispiel bin ich seit meinem Herzinfarkt vor drei Jahren in manchem eingeschränkt: Das Reisen strengt mich stärker an als früher und ich halte weniger Vorträge. Ich kann nicht mehr so viel arbeiten und muss mich auf das Wesentliche konzentrieren.

Aber ich akzeptiere das ohne Widerspruch. Ich habe eine große Dankbarkeit für mein langes Leben. Ich bin glücklich mit meiner Familie. Ich bereue nichts. Und ich weiß, dass ich sterben muss.

Es gibt im Laufe des Lebens viele Gründe für den Tod. Trotz unseren guten medizinischen Kenntnissen gelingt es nicht immer, den drohenden Tod abzuwenden. Die heutige Corona-Pandemie ist diesbezüglich speziell problematisch, da wir noch keine verlässlichen medizinischen Maßnahmen dagegen haben.

Ich habe schon vor vielen Jahren angefangen, mir Gedanken über den Tod zu machen. Auch, weil ich durch meine Arbeit viel wusste über die Prozesse der Evolution. Wer Nachkommen hat, wird nicht ewig leben – das ist ein Konzept. Wenn wir ewig leben würden, gäbe es bald keinen Platz mehr auf der Erde und wir könnten keine Kinder mehr bekommen.

Seit Darwin wissen wir, dass Genmutationen es den Lebewesen erlauben, per Zufallsprinzip zu versuchen, sich an die jeweiligen Lebensbedingungen anzupassen. Jedes Lebewesen muss die Chance haben, sich zu vermehren und eine neue Mutation auszuprobieren. Man stirbt also auch für die Entwicklung der Menschheit.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber es hilft mir schon sehr, dass meine Arbeit und mein Leben langfristige Auswirkungen haben. Einerseits ist da meine Forschung, die den Grundbaustein für die moderne Molekulargenetik gelegt hat. Andererseits sind da meine Kinder. Sie tragen meine Erbinformationen in sich und auch die meiner Frau. Wir geben unsere Eigenschaften also weiter – über den Tod hinaus.

Auch wenn ständig neue Erbinformationen hinzukommen, wird die alte, also meine, nie komplett ersetzt. Das ist doch ein schöner Gedanke. Und dann ist da noch die Erziehung: Wir Menschen leben während vieler Jahre mit unseren Kindern zusammen. Auch davon nehmen sie etwas mit und geben es dann wiederum an ihre Kinder weiter.

Wenn jemand stirbt, muss man jene trösten, die noch leben. Manchmal gelingt das und manchmal auch nicht. Eine Freundin von uns leidet sehr, seit ihr Mann gestorben ist. Bei mir ist Trauer nicht lange da; mit der Beerdigung ist der Tod für mich ein Stück weit abgeschlossen. Was mir bleibt, wenn jemand stirbt, sind die guten Erinnerungen.

Ich bin religiös erzogen worden, und das Christentum ist noch immer ein Vorbild für mich. Was mir gefällt, ist die Dreifaltigkeit. Jesus war ein Mensch, er musste - wie wir alle auch - sterben. Während er lebte, hat er uns gezeigt, wie ein gutes Leben auf der Erde funktioniert. Der Schöpfer und der Heilige Geist hingegen sind meiner Ansicht nach fürs Universum zuständig. Als der Urknall geschah, haben diese beiden die Verantwortung für die Bausteine des Lebens übernommen.

Bei diesen Bausteinen denke ich übrigens nicht an große Moleküle, sondern an Teile von Atomen. Wenn ich nun sterbe, gebe ich diese Grundbausteine wieder zurück, und sie können zur Bildung von etwas Neuem beitragen. Das kann auch eine Pflanze sein oder ein Wurm. Ich finde es sehr befriedigend zu wissen, dass ich diese Grundbausteine wieder abgebe. Das ist für mich die Auferstehung. In dieser Betrachtungsweise fühle ich mich geborgen."

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