Alter! – Die Midlife-Kolumne Die Rüpel sind entfesselt

Als wir jung waren, glaubten wir, dass Nächstenliebe und Empathie die Welt erobern. Heute, stellt Christina Pohl fest, wird man dauernd angeschrien. Was ist da passiert?
Kolumnistin Christina Pohl

Kolumnistin Christina Pohl

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Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Die Frau vor mir auf dem Fahrrad schreit. Ich sehe noch, wie jemand aus einem parkenden Auto aussteigen will. Dann geht alles ganz schnell: Die Autotür wird für die Frau auf dem Fahrrad zu einer Rampe. Sie fliegt fünf, sechs Meter durch die Luft und landet wie ein Käfer auf dem Rücken. Der Mann aus dem Auto geht auf sie zu und sagt: "Ich habe Sie nicht gesehen." Dabei ist das eine Fahrradstraße, es gibt Rückspiegel, hat er in der Fahrschule den Schulterblick nicht gelernt?

Ich rufe den Notarzt. Die Frau kann sich immer noch nicht bewegen, Vakuummatratze, Stiff Neck und lauter Fragen. Welches Jahr gerade ist, weiß die Frau, jetzt ohne Fahrrad, nicht mehr. Sie behauptet 2018. Der Mann aus dem parkenden Auto wird verhört. Die Frau sei so schnell gefahren, sagt er. Das stimmt nicht. Ich war direkt hinter ihr und habe genau in diesem Augenblick große Lust, den Mann anzuschreien.

Seit drei Jahren fahre ich fast nur noch mit dem Fahrrad. Ich wollte jetzt, wo ich älter werde, in Bewegung bleiben. Weitere Beweggründe: Klima schützen und frische Luft schnappen. Ich muss im Durchschnitt dreimal täglich um mein Leben fürchten. Im Laufe der Jahre musste ich mitansehen, wie der Umgang miteinander ruppiger und vor allem lauter geworden ist.
Ich erlebe tagtäglich, wie Radfahrer sich untereinander anschreien. Fußgänger brüllen Radfahrer an, Radfahrer Autofahrer, Autofahrer hupen Fußgänger an und bepöbeln Radfahrer. Das Vokabular steht dem eines ausgewachsenen Shitstorms in nichts nach.

Jeder gegen jeden.

Eine Zeit lang - es muss in meiner Jugend gewesen sein - hatte ich das Gefühl, dass die Menschheit sich weiterentwickelt. Wir waren Hippies, an meinem Indien-Kleid bimmelte beim Gehen immer so ein kleines Glöckchen. Zu jeder Gelegenheit nahmen wir uns in den Arm und versicherten uns gegenseitiger Zuneigung.

So ähnlich muss es auch in Woodstock zugegangen sein. Liebe, überall Liebe. 400.000 Menschen haben es dort miteinander ausgehalten, obwohl es an Toiletten und Übernachtungsmöglichkeiten fehlte. Eine Million Menschen waren auf dem Weg zum Festival, über die Hälfte blieb im Stau stecken. Niemand regte sich auf, alle blieben friedlich und freundlich miteinander. Das Essen war schon vor dem ersten Ton alle. Und doch hat sich ein Gefühl von Gemeinschaft gebildet.

Damals prägten Vokabeln wie Solidarität, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe die Debatten um die Zukunft der Menschheit. Ja, ich weiß, auch damals war die Welt nicht friedlich. Aber als der Kalte Krieg endete, schien es doch für einen Moment möglich, dass irgendwann alle Länder dieser Erde eine gemeinsame Regierung bilden, oder?

Wann die Entwicklung sich ins Gegenteil verkehrte, ist schwer zu sagen. War es 2002 mit dem "Geiz ist geil"-Werbespot?
Der Ton wurde nicht nur im Internet rauer, auch auf der Straße trat die Aggression zutage. Die Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, schwand. Empathie - ein Fremdwort. Und ich werde älter und fühle mich zunehmend machtlos.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Neulich fahre ich verkehrt herum in eine Einbahnstraße. Das ist dort für Fahrradfahrer erlaubt. Es steht sogar ein Schild am Anfang der Straße. Ein 7,5-Tonner kommt mir in der engen Kopfsteinpflastergasse entgegen. Der Fahrer sieht mich, gibt Gas und hält voll auf mich zu. Ich springe vom Fahrrad und bringe mich zwischen zwei parkenden Autos in Sicherheit. Der LKW-Fahrer macht eine Vollbremsung und kurbelt sein Fenster runter. Es folgt eine Tirade der Trucker-Klasse. Ich versuche ihm zu erklären, dass Fahrradfahren in die Gegenrichtung hier erlaubt ist, aber er will nur sein Revier markieren. Er pisst seinen Schimpf-Strahl aus dem Fenster. Als er fertig ist, kurbelt er es hoch und fährt in der 30er-Zone mit mindestens 50 km/h davon.
Er hat mir nicht zugehört. Er wollte auch gar nichts hören, er wollte schreien und seine Wut loswerden.

Alle schreien, alle sind wütend. Woher kommt diese Wut?

Auch ich entdecke an mir, dass ich im Großstadtdschungel von null auf 100 in einer Sekunde lospöbeln kann. Die Weisheit, die sich beim Älterwerden einstellen sollte, hat auf der Straße keinen Platz. Die Eskalation der Konflikte spiegelt auf erschreckende Weise eine Verrohung der Gesellschaft wider, die ich so nicht habe kommen sehen. Der Rüpel ist entfesselt, barbarisch sind seine Umgangsformen.

Was ist bloß los mit den Menschen? Die meisten haben doch eine Schule besucht und wurden ordentlich sozialisiert.

In Berlin überfuhr ein LKW-Fahrer einen Jungen, als der bei Grün mit dem Fahrrad die Kreuzung überqueren wollte. Der Siebenjährige starb vor den Augen seiner Mutter. Der Kommentar des Truckers in der Gerichtsverhandlung: "Worauf soll ich denn noch alles achten?"

Das Urteil: Sechs Monate Haft auf Bewährung und 500 Euro Geldstrafe.

Es ist zum Verzweifeln.

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