Deine Angst vor der Zukunft könnte das kaputte System endlich verändern

Du bist nicht allein mit deiner Angst – und sie ist nicht deine Schuld

Dieser Beitrag wurde am 21.09.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Mit welchem Wort würdest du deine Stimmung der vergangenen Monate und Jahre beschreiben? "Glücklich" oder "zufrieden"? Oder doch eher: "Verängstigt" oder "verzweifelt"? 

Vielen in unserer Generation fällt es schwer, ein allumfassendes Wort zu finden, das die eigene Gefühlswelt beschreibt. Es liegt im dunklen Emotionsmorast, irgendwo zwischen "gestresst", "hoffnungslos", "besorgt", "eingeengt" und "hilflos". (Journal of Affective Disorders , DKSB , BR , SPIEGEL

Studien deuten zwar darauf hin, dass es den Jungen von allen lebenden Generationen mental am schlechtesten geht. In der letzten großen deutschen Untersuchung dieser Art gaben zwei von fünf Menschen zwischen 18 und 29 eine psychische Erkrankung an – mehr, als in jeder anderen Generation (Psychologische Hochschule Berlin , 2014). 

Doch woran liegt das? Und könnte gerade dieses Gefühl der Motor für etwas Gutes sein?

Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten

Einer der Hauptgründe dürften die verschärften Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sein. Denn obwohl die westlichen Gesellschaften einen extrem hohen Lebensstandard und Zugang zu jedweder Form von Unterhaltung und Zerstreuung erreicht haben, sind junge Menschen alles andere als zuversichtlich. 

"Anständige, unbefristete Verträge sind für junge Menschen selten geworden. Selbst, wenn sie gut qualifiziert sind, gelingt der Arbeitseinstieg nicht, weil sie sich von einem Zeitvertrag in den nächsten hangeln müssen. Das verunsichert und belastet stark, gerade wenn man noch ganz am Anfang steht", sagt Arbeitslosenseelsorger Mike Gallen bei watson 

Wirtschaft vs. junge Leute

Wirtschaftsstatistiken zeigen seit Jahren überdeutlich, dass junge Menschen (im globalen Norden) deutlich schlechter gestellt sind, als ihre Eltern es im selben Alter noch waren.

Erkennbar ist das an vielen Faktoren. Nur einige Beispiele:

  • Einkommensverluste: Eine McKinsey-Studie  in 25 Industrienationen kam zum Ergebnis, dass zwischen 2005 und 2014 die Einkommen in mehr als zwei Dritteln der Haushalte zurückgingen – in Europa und den USA beträfe das über 540 Millionen Menschen. Nach den 1980ern geborene Kinder seien dadurch erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wieder ärmer als ihre Eltern. 
  • Jobsicherheit: Über 60 Prozent der in Deutschland befristet Angestellten sind unter 35 Jahre alt – Praktikantinnen, Praktikanten und Azubis nicht mit eingerechnet. (Böckler Stiftung, 2016 )
  • Vermögensaufbau und sozialer Aufstieg: 2018 warnte die OECD, dass es für Millennials deutlich schwerer sei als noch für ihre Eltern, den Aufstieg in die Mittelschicht zu schaffen. (bentoDer IWF  errechnete 2017, dass Millennials 40 Prozent weniger Vermögen zurücklegen können als ihre Eltern vor ihnen. 
  • Lebenshaltungskosten: Währenddessen steigen nahezu überall die Mieten, in Berlin etwa haben sie sich allein seit 2009 mehr als verdoppelt. (SPIEGELRBB )

Die Boomer-Legende, dass unser desolater Psychozustand vor allem an uns jungen Leuten und an unseren Befindlichkeiten läge, lässt sich damit nicht halten. Oder die Erzählung, dass GenY und GenZ Statussymbole wie Autos, Häuser oder andere große Anschaffungen grundsätzlich gar nicht wollten. Wir können sie uns einfach nicht leisten, weil die wirtschaftlichen Umstände sich massiv verändert haben und wir nicht wissen, ob wir übermorgen noch einen Job haben. 

Was irgendwie ironisch ist, waren doch noch im August 2019 in Deutschland mit gerade mal 6,2 Prozent so wenig junge Menschen zwischen 15 und 24 wie seit der Wiedervereinigung arbeitslos. Doch nur, weil man in der Statistik einen Job hat (oder auch drei), ist dieser weder erfüllend noch fair bezahlt noch sicher.

Die Aussicht, in einem kaputten System mit geringen Aufstiegschancen zerrieben zu werden, senkt bei vielen die Lust auf Karriere und verstärkt im Umkehrschluss den Wunsch nach Freizeit, hedonistischem Ausbruch und Wandel. 

Als "Zu spät zur Party" bezeichnet der Wiener Sozialforscher Lukas Sustala die Lage der jungen Generationen in seinem gleichnamigen Buch, und schreibt dazu: "Die unter 35-Jährigen haben in vielen Fällen kaum Vermögen und weniger sichere Erwerbsbiografien, um eben jenes aufzubauen – da sind Netflix oder die effizienten asiatisch-europäischen Wertschöpfungsketten, die uns günstige Konsumartikel bescheren, oft nur ein schwacher Trost." 

Kurz: Wir haben allen Grund, uns in die Ecke gedrängt zu fühlen und betäuben uns deswegen mit Binge-Watching und Bestellorgien. 

Vielleicht sind deshalb auf TikTok und Instagram die arbeitslosen, depressiven, desillusionierten GenY- und GenZ-ler längst zur galgenhumorigen Selbstzuschreibung geworden. Die Karikatur einer Generation, in der Menschen mit Mitte 20 wieder (oder noch) bei den Eltern leben, trotz gutem Abschluss im FastFood-Restaurant aushelfen und sich ironisch einen schnellen Tod herbeiwünschen, um der Qual der mickrigen Rente zu entgehen. 

Wie kommen wir da raus?

Im Englischen gibt es für das vorherrschende Gefühl mit "Anxiety" (gesprochen: "eng-sei-itti") einen passenden Sammelbegriff, der von Psychologen und Teenagern gleichermaßen genutzt wird. Im Deutschen wird Anxiety zwar mit "Angst" übersetzt, bedeutet aber nicht passgenau dasselbe:

"Angst" ist in der Umgangssprache vorbelastet, da sie oft als Mutlosigkeit oder Zeichen von Schwäche ("Angsthase") gesehen wird und weniger als Reaktion auf äußeren Druck. "Anxiety" wird im Englischen weniger wertend verstanden und ihr Vorhandensein daher auch eher bei Freunden und Verwandten angesprochen.

Gerade in Deutschland verstehen viele die Unfähigkeit, mit überhöhten Mietzahlungen, unbezahlten Überstunden oder unsicherer Familienplanung umzugehen, bisher aber vor allem als individuelle Schwäche. Man arbeite nicht hart genug, gebe sich nicht genug Mühe oder mache sich zu viele Sorgen. Die Perspektive, dass nicht das erdrückte Individuum, sondern der immer weiter steigende Druck die Ursache des Problems sein könnte, ist bisher bei zu wenigen angekommen. 

Dabei muss sich niemand schämen, der Angst hat. Das bestätigt Professor Peter Zwanzger, Psychiater und Vorstand der Gesellschaft für Angstforschung. Er kann die Sorgen der jungen Menschen sogar nachvollziehen: "In den letzten Jahrzehnten war gefühlt viel Sicherheit gegeben, diese Gewissheit schwindet nun immer mehr, durch die steigende internationale Vernetzung und wirtschaftliche Unwägbarkeiten", sagt Zwanzger zu bento. Und: "Wir wissen nicht, wo es hingeht. Das sind wir nicht gewöhnt. Angst ist hier absolut nachvollziehbar." 

Angst ist kein Zeichen von Schwäche, schwächt aber auf Dauer

Angst sei ein Gefühl, das mit körperlichen Reaktionen einhergehe, von Schweißausbrüchen und Verspannung über Schlaflosigkeit bis hin zu Konzentrationsproblemen und chronischer Erschöpfung, erklärt Zwanzger. Das heißt: Wer an langanhaltender Angst leide, dem gehe es konstant mies. 

Wer in dieser Situation gute Miene zum bösen Spiel macht und sich nichts anmerken lassen will, kann dadurch für noch mehr Angst sorgen. Bei sich selbst, weil Anspruch und Realität auseinanderklaffen – und bei anderen, die die Illusion für bare Münze nehmen und sich selbst für weniger erfolgreich, glücklich oder zufrieden erachten. Ein Teufelskreis. 

Erst, wer offen ausspricht, Angst vor der ungewissen Zukunft und dem unfairen System zu haben, kann merken: Nicht nur mir geht es so, sondern vielen. Vielleicht sogar der Mehrheit, vor der man ironischerweise bisher Angst hatte, darüber zu sprechen. Erst, wenn dieses öffentliche Geheimnis der allumfassenden Anxiety gelüftet wird, kann man gemeinsam etwas dagegen tun.

"Wir alle haben Angst"

Diese Idee stammt aus einem anonym veröffentlichten Essay der US-Gruppe "Institute for Precarious Consciousness", das zur Anarchoszene gehört, Kapitalismuskritik veröffentlicht und Aktionen dazu plant. In dem Essay "We Are All Very Anxious " (PDF) wird die These aufgestellt, dass jede Phase des Kapitalismus ein gemeinsames, vorherschendes Gefühl in der Gesellschaft auslöse, das diese fälschlicherweise zunächst als individuelles Problem erachte. 

Erst die Aufklärung und Kommunikation darüber hätten schließlich für das Erkennen des geteilten Problems gesorgt, dessen Ursache eben nicht beim Individuum, sondern beim System läge. 

Ende des 19. Jahrhunderts sei das vorherrschende Gefühl "Leid" gewesen, als Reaktion auf Ausbeutung, was schließlich zu Aufständen und zur Gründung von Gewerkschaften geführt habe. In den 1960ern folgte durch repetitive Jobs und strikte Geschlechtertrennung die "Langeweile", die von anti-spießigen Studentenprotesten, für Selbstbestimmung kämpfenden Feministinnen und der experimentierfreudigen Drogenkultur bekämpft wurde. Heute (beziehungsweise 2014, als der Aufsatz veröffentlicht wurde) sei es nun vor allem die Angst. Mit dem besonderen Twist, dass Angst – anders als die anderen Probleme früherer Phasen des Umbruchs – es Betroffenen besonders schwer mache, aktiv zu werden.

Gemeinsam kann es klappen

Seit 2014 ist viel geschehen: Fridays for Future etwa zeigte eindrücklich, was passiert, wenn man Angst verbalisiert und die Diskussion vom sich schuldig fühlenden Individuum ("Fahre ich zu viel Auto?") auf die gesamtgesellschaftliche Ebene ("100 Firmen sind für weltweit 70 Prozent der Emissionen verantwortlich!") hebt. Die gemeinsame Angst vor der Klimakatastrophe diente hier als Triebfeder für Aktionen, Zusammenarbeit und Vernetzung. 

Auch Angstforscher Peter Zwanzger sieht in Angst eine Chance: "Angst ist an sich etwas Gutes! Sie soll uns vor Gefahren schützen und Reaktionen ermöglichen. Das gilt nicht nur für die Urzeit, sondern ist auch heute noch so. Wenn wir Angst vor Dingen haben, die unsere Stabilität bedrohen, dann können wir etwas dagegen tun. Die Angst motiviert und treibt an."

Im englischsprachigen Teil von TikTok organisiert sich derweil Widerstand der jungen Generationen. Antikapitalistische Aufklärerinnen, Trump hassende K-Pop-Fans (New York Times ), die Black-Lives-Matter-Bewegung, LGBTQ-Aktivistinnen, Comedians und viele mehr bieten eine Melange aus kurzen, prägnanten Clips, die immer wieder die Systemfrage stellen, ihre Follower politisieren und gleichzeitig zeigen, dass niemand mit den Zukunftssorgen allein ist. 

Bei der Klimakrise war es eine einzelne junge Frau, die durch ihren Protest und das Sprechen über ihre Angst vor der Katastrophe eine Welle der globalen Solidarität ausgelöst und erste Schritte in Richtung Wandel eingeleitet hat. Die faire Verteilung von Kapital und Wohlstand, die politische und wirtschaftliche Chancengleichheit sowie das Versprechen einer lebenswerten Zukunft: All das wird gerade schon von Tausenden jungen Leuten neu verhandelt. 

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