Foto: Jovo Jovanovic / Stocksy United

Spinnenangst Könntest du die ganz schnell wegmachen, BITTE?

Wie sieht es denn in diesen Wochen an den Wänden Ihrer Wohnung aus? Auch so viele Spinnen überall, für die Sie so gar nichts übrig haben? Versuch einer Annäherung, unter anderem mithilfe einer App.
Von Eva Lehnen

Es ist ungefähr 22 Uhr, als ich mir die Bettdecke über den Kopf ziehe und zwei sehr dringende Wünsche habe: Der erste: Dass sich bitte, bitte keines der drei Spinnentiere über meinem Bett von der Schlafzimmerdecke abseilt. Der zweite: Dass endlich das verdammte »heute-journal« vorbei ist. Denn erst dann, hatte mein Mann soeben vom Wohnzimmer aus rübergerufen, sei er willens, die tierische Invasion im Schlafgemach zu inspizieren. Früher war höhere Einsatzbereitschaft.

Verschanzt in meiner Bettdeckenburg erinnere ich mich, wie er einst auf einer Myanmar-Reise nach einem spitzen Schrei meinerseits sofort zur Stelle war, um eine haarige Riesenspinne aus der Dusche zu entfernen. Oder an seine furchtlose Vogelspinnenjagd an einem Morgen in unserem Schlafzimmer im Libanon. Was ich ihm bis heute hoch anrechne: Lange ließ er mich in dem Glauben, dass er, ausgerüstet mit einem Schrubber, lediglich einer Kakerlake hinterhergestellt hatte.

Jetzt jedenfalls: Herbst in Deutschland. Heldendämmerung.

»Ach Gottchen«, sagt mein Mann, als er nach dem Wetterbericht endlich im Türrahmen erscheint, hoch an die Decke blickt und keinerlei Anstalten macht, die große Leiter zu holen.

Erinnern Sie sich noch an Linda Evangelista? Genau, das Supermodel aus den Neunzigerjahren, das zuletzt leider traurige Schlagzeilen machte, einst in einem »Vogue«-Interview aber recht prägnant erklärte, unter welchen Voraussetzungen sie und ihre Supermodel-Kolleginnen überhaupt nur antreten: »Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehen wir erst gar nicht auf.« Ganz ähnlich kommt mir die Einstellung meines Mannes vor: »Für weniger als eine tellergroße Spinne erhebe ich mich doch nicht vom Sofa.«

Falls Sie jetzt kurz davor sind, ins Forum unter diesem Artikel zu posten »OMG! Wie wär's damit, einfach selbst auf die Leiter zu steigen?«, sei Ihnen gesagt: Das ist völlig ausgeschlossen. Ich kann eben leider nicht in 3,60 Meter Höhe auf Spinnenjagd gehen. Ich würde vor Schreck abstürzen, sobald eine Spinne loskrabbelt, und mir mehrfache Brüche zuziehen. »Dann hilf dir eben mit einem Staubsauger«, denken sie jetzt augenrollend?

Dazu möchte ich anmerken: Als ich diese Praxis neulich im Kollegenkreis erörterte, wurde ich zu Recht gerügt. Einsaugen geht gar nicht! Tierquälerei! Eine Kollegin empfahl mir dieses Fanggerät , doch leider ist mir der Griff entschieden zu kurz.

Trotzdem werde ich wohl für alle Zeiten von der Staubsaugermethode absehen. Dafür sorgte meine Chefin mit einer Bemerkung: »Weißt du denn nicht: Jede eingesaugte Spinne kommt nachher 800-fach raus, mindestens!« Ein Witz, ich weiß – trotzdem habe ich jetzt dieses sehr lebendige Bild im Kopf. Eine andere Kollegin setzte noch einen drauf und berichtete mir die Tage beim Mittagessen von einer Freundin, in deren Handtasche eine Spinne sehr viele Eier gelegt hatte. Den Rest malen Sie sich bitte selbst aus.

Sie merken, ich gehe gerne offen mit meiner Spinnenangst um, an manchen Tagen versuche ich sie halbwegs humorvoll zu nehmen – vorzugsweise aus sicherem Abstand wohlgemerkt. Ich weiß, dass das Maß meiner Spinnenangst ein Klacks ist, verglichen mit der regelrechten Panik, die rund fünf Prozent der Deutschen (meist Frauen) befällt. Fachsprachlich: Arachnophobie.

Doch woher kommt das mehr oder weniger stark ausgeprägte Unbehagen, das viele Menschen verspüren? Ist die Angst vor Spinnen eine Urangst, hat sie evolutionäre Ursachen? Oder ist die Angst erlernt und setzt sich fest, wenn Kinder etwa merken, dass Vater, Mutter oder andere im Umfeld, erschrecken? Einig ist die Forschung sich nicht.

Was ich mir wünsche: endlich ein entspannteres Verhältnis zu meinen achtbeinigen Mitbewohnern. Ich würde wirklich gerne trittsicher auf eine Leiter steigen können, eine Spinne mit einem Glas oder dem Fanggerät einsammeln und gelassen nach draußen tragen können. Oder noch besser: ihre Anwesenheit einfach aushalten können. Die Sache ist: Es gibt kein Entkommen.

Spinnen kommen nämlich nicht bloß im Herbst von draußen nach drinnen, sondern hocken das ganze Jahr über in Spalten, Ecken und Ritzen. Nun, im frühen Herbst, kommen die fortpflanzungswilligen Spinnenmännchen raus aus ihren Verstecken. Forscher gehen davon aus, dass die nächste Spinne eigentlich nie weiter als drei Meter von uns entfernt hockt.

In meinem Fall sitzt sie sogar neuerdings auf dem Display meines Smartphones. Ich habe mir die von einem Forscher der Universität Basel entwickelte App »Phobys«  runtergeladen. Ich habe eine virtuelle schwarze Spinne über meine Hände krabbeln lassen, habe mit dem Telefon in der Hand eine ganze Spinnenansammlung durchschritten und das Handy auch dann nicht fallen lassen, als mir in Level 9 – dem höchsten – das 3D-Spinnenmodell entgegensprang. Exposition per Augmented Reality. (Wer leichtere Formen der Spinnenangst bekämpfen möchte, kann die App in Eigenregie ausprobieren, Menschen mit ausgeprägter Spinnenangst empfehlen die Macher fachliche Begleitung.)

Außerdem habe ich im Archiv des Deutschlandfunks ein spannendes Gespräch mit dem Spinnenforscher Peter Jäger  gefunden: »Gegen Spinnenangst hilft nur Spinnenwissen«. Inzwischen habe ich also gelernt, dass in unseren Wohnungen und Häusern nur eine kleine Auswahl der etwa tausend in Deutschland vorkommenden Spinnenarten herumkrabbelt: die beachtlich große Netze bauende Zitterspinne mit ihren dünnen acht Beinen, die vor allem aus haarigen Beinen bestehende Hauswinkelspinne, die nachtaktive Speispinne; manchmal verirrt sich auch die schwarz-weiß gestreifte Zebraspinne nach drinnen. Würden sich weltweit alle Spinnen zu einem Streik verabreden und auf einen Schlag all ihre nützlichen Insektenfangtätigkeiten einstellen – wir Menschen könnten binnen eines Tages vor lauter Insekten nicht mehr atmen.

Apropos atmen: Die allermeisten in Europa lebenden Spinnen sind für Menschen ziemlich harmlos. Ein wenig tun mir die Tiere, die ich fürchte, inzwischen sogar leid: Wer im Netz die Webseite der Arachnologischen Gesellschaft  aufruft und sich dort die Liste der Titelträger »Spinne des Jahres« ansieht, wünscht den Achtbeinern dringend ein Rebranding: Listspinne, Fettspinne, Wespenspinne, Grüne Huschspinne, Flussuferwolfspinne, Gemeine Tapezierspinne. Auch der diesjährige Titelträger, der Zweihöcker-Spinnenfresser, klingt leider nicht nach Kumpel.

Ich habe die drei Spinnen an unserer Schlafzimmerdecke nun Mats, Fratz und Lisettchen getauft, wie die Eichhörnchen aus einem Kinderbuch. Ich will nicht sagen, dass mir das Zusammenleben mit den dreien (und den vielen nicht so sichtbaren) leichtfällt, aber ich schaffe es inzwischen, meinen Mann in Ruhe seine Nachrichten schauen zu lassen – und selbst einigermaßen gut einzuschlafen.

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