Demonstration gegen rassistische Anfeindungen (in Berlin): Angriffe im öffentlichen Raum
Demonstration gegen rassistische Anfeindungen (in Berlin): Angriffe im öffentlichen Raum
Foto: Florian Boillot / SZ Photo

Antiasiatischer Rassismus seit Corona »So einen Hass, den habe ich vorher noch nicht erlebt«

Wegen zunehmender Angriffe auf asiatisch aussehende Menschen hat der US-Kongress jüngst ein Gesetz zu ihrem Schutz verabschiedet. Auch hierzulande berichten Betroffene von einer neuen Schärfe der Anfeindungen.
Von Philipp Löwe

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Es sind drei Attacken, derentwegen Daniel Reberg gemerkt hat, dass der Hass auf ihn anders geworden ist, schärfer. Der in München lebende Grafikdesigner ist Rassismus gewohnt. Er wurde schon früher wegen seiner koreanischen Wurzeln angefeindet. »Das ist die Geschichte meines Lebens«, sagt der 35-Jährige, der als Kind adoptiert wurde und eigentlich anders heißt, »aber so einen Hass, den habe ich vorher noch nicht erlebt.«

Da war zum Beispiel der Abend im Sommer 2020. Reberg ist gerade mit seiner Freundin auf dem Nachhauseweg. Als sie aus der U-Bahnstation kommen, sieht er einen Mann, wie er eine Bierflasche zerschlägt und in Richtung des Paares im Vorbeigehen sagt, Asiaten solle man alle »zu Katzenfutter verarbeiten«. Den abgebrochenen Flaschenhals hält er dabei in der Hand.

Reberg wurde früher auch noch nie als »Massenmörder« beschimpft, oder als »Sars«, wie es ihm in den vergangenen Monaten passiert ist. Sars wie in Sars-CoV-2, dem »China-Virus«. So hat Donald Trump den Krankheitserreger oft genannt. Der ehemalige US-Präsident hetzte, andere handelten: Die Organisation »Stop Asian American and Pacific Islander Hate« verzeichnet eine steigende Zahl von Übergriffen. Von März 2020 bis April 2021 registrierte sie mehr als 6600 Übergriffe .

Geschubst, geschlagen, getreten

Eine landesweite Recherche der »New York Times« dokumentierte 110 Angriffe auf asiatisch gelesene Menschen seit Ausbruch der Coronapandemie. Und das waren nur die Fälle, die eindeutig rassistisch motiviert waren. Die Menschen wurden geschubst, geschlagen, getreten, bespuckt oder verflucht, einfach nur, weil sie asiatisch aussehen. »Die Gewalt kannte keine Grenzen, zog sich durch alle Alters- und Einkommensschichten und Regionen«, heißt es in der Auflistung . Der US-Kongress hat wegen des Problems jetzt ein Gesetz gegen antiasiatische Hassverbrechen verabschiedet.

Auch in Deutschland deutet einiges darauf hin, dass antiasiatischer Rassismus seit Corona zugenommen hat. Die Anfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes haben sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt; etwa jede vierte Anfrage hatte einen Bezug zu Corona  – und dann häufig gegen Menschen mit einer vermeintlich asiatischen Herkunft. Die Pandemie sei zum »Brandbeschleuniger« für Rassismus geworden, schreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

»Antiasiatischen Rassismus gibt es nicht erst seit Corona, er ist nur salonfähig geworden«, sagt Yen Souw Tain. Der Sohn chinesischer Eltern ist in Deutschland aufgewachsen und betreibt in Köln einen Supermarkt. Er kennt das Problem seit seiner Kindheit. Schon damals sei er »Schlitzauge« genannt worden. Und damals wie heute werde antiasiatischer Rassismus entweder negiert oder verharmlost. So sei etwa das N-Wort inzwischen gesellschaftlich weitestgehend geächtet, doch Beschimpfungen wie die seiner ehemaligen Mitschüler würden häufig immer noch als »Spaß« gerechtfertigt.

Tain hat auch nicht das Gefühl, jemals komplett Teil der deutschen Gesellschaft sein zu können, »ganz egal, wie sehr ich mich integriere«. Auch wenn das Problem für ihn nicht neu ist, stellt der Unternehmer doch eine Veränderung fest: Seit der Pandemie hätten sich die Anfeindungen verstärkt. Tain führt dies auch auf die Äußerungen des ehemaligen US-Präsidenten zurück. Trump hätte den Menschen einen Grund gegeben für ihre Ablehnung. »Das hat die Leute angestachelt«, sagt er und bezweifelt, dass bei tätlichen Angriffen wie in den USA hierzulande jemand eingreifen würde.

Es gibt hierzulande bislang wenig Forschung zu Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen. Doch die ersten Ergebnisse des Forschungsprojekts »Soziale Kohäsion in Krisenzeiten – Die Corona-Pandemie und antiasiatischer Rassismus in Deutschland« der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung sind alarmierend: Jede zweite befragte Person mit asiatischem Migrationshintergrund gab an, während der Coronapandemie Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben.

»Die Coronapandemie hat bestehende Ablehnung gegenüber als asiatisch wahrgenommenen Menschen neu ans Tageslicht gebracht«, sagte der Politikwissenschaftler Christoph Nguyen dem Mediendienst Integration . Nguyen hat zusammen mit anderen Forschenden in dem Projekt gearbeitet.

Elf Prozent haben körperliche Gewalt erlebt

Häufig sind die Angriffe verbal, so wie im Fall von Reberg. Oft drückt sich der Rassismus auch in ablehnender Körpersprache oder Mimik aus. Doch vom Gedanken zur Tat ist es manchmal nur ein kurzer Weg: Elf Prozent haben körperliche Gewalt erlebt, so die Erkenntnis des Forschungsprojekts. Die meisten Angriffe fanden im öffentlichen Raum statt, zum Beispiel auf der Straße oder im öffentlichen Nahverkehr. Es gab aber auch Angriffe in Geschäften und Bildungseinrichtungen.

Für die Studie wurde auch abgefragt, wie verbreitet antiasiatische Einstellungen in der Bevölkerung sind. Dazu befragten Teams der drei Kooperationspartner etwa 4500 Personen. Die Umfrage ist nur teilweise repräsentativ, da es keine Zufallsstichprobe gab, es wurde aber nach Alter, Geschlecht und Bundesländern quotiert. Brisant sind sie allemal: Von rund 800 Befragten gaben 15 Prozent Asiaten die Schuld »für die rasante Ausbreitung der Coronapandemie in Deutschland«. Und jeder Sechste glaubte, dass Asiaten ihren Kindern Werte beibringen würden, die in Deutschland unnütz sind.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

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»Diese Entwicklung steht dabei in engem Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung, die vielfach klischeebeladen und stereotyp an kolonial-rassistische Diskurse anknüpft, Emotionen weckt und Schuldzuweisungen vornimmt«, steht auf der Website des Forschungsprojekts . Diese These ist schwer zu beweisen, klingt aber plausibel: Gerade zu Beginn der Pandemie griffen Medien tatsächlich häufig auf Bilder asiatisch aussehender Menschen zurück, wenn es um das Thema Corona ging. Es gibt zahlreiche Beispiele  dafür. Auch der SPIEGEL stand in der Kritik. Unter anderem wegen eines Titelbildes, auf dem ein asiatisch aussehender Mann in Schutzanzug zu sehen war. Überschrieben war die Ausgabe mit »Corona-Virus: Made in China«.

Zwar vermuten immer noch viele Experten, dass die Krise ihren Ausgang in der chinesischen Stadt Wuhan hatte, zweifelsfrei belegt ist der fernöstliche Ursprung des Virus aber nicht. Und selbst wenn, für Menschen wie Daniel Reberg ändert sich dadurch nichts. »Es ist anstrengend, immer wieder auf die eigene Identität und das Anderssein aufmerksam gemacht zu werden«, sagt er. Es ist eine Anstrengung, die er auch nicht mehr leisten will: »Ich bin einfach deutsch, ich möchte mich nicht immer rechtfertigen müssen. Ich musste mich in Deutschland immer schon für mein anderes Aussehen rechtfertigen.«

Yen Souw Tain aus Köln wünscht sich für die Zukunft zunächst einmal, »dass die Menschen das Problem anerkennen« und »mehr Zivilcourage« zeigen, »damit könnten wir dann gemeinsam konstruktiv an einer Lösung arbeiten«.

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