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Kollateralfragen im Corona-Alltag Bisher war Selbstoptimierung der Maßstab - und nun?

Die Corona-Pandemie macht deutlich, wie wenig wir unser Leben unter Kontrolle haben. Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth erklärt, was dies für Selbstoptimierer bedeutet. 

Noch fitter, gesünder, leistungsstärker, resilienter und sogar noch entspannter: In den vergangenen Jahren haben wir in der Selbstoptimierungsgesellschaft ein Leben im Komparativ geführt. Unterstützt hat uns dabei die Industrie mit digitalen Angeboten zur Selbstvermessung: Apps, die unsere Gesundheitsdaten erfassen, die Zusammensetzung unserer Nahrung, die Qualität unseres Schlafes erfassen. Alles wird quantifiziert, geplant und vor allem auch einer Bewertung unterworfen.

Selbstoptimierung ist Teil unserer Leitkultur. Selbstoptimierer wollen das Maximum aus ihrem Leben herausholen, in allen Bereichen. Man kontrolliert seine persönlichen Werte und vergleicht diese mit Normwerten, die von Gesundheits- oder Ernährungsexperten empfohlen werden, mit den Werten seiner Alters- oder Freundesgruppe oder auch mit den eigenen Werten vom Vortag. Bin ich wieder besser geworden? 

Die Corona-Pandemie ist ein kollektiver wie auch individueller Kontrollverlust. Das Virus und die Gefahr, die von ihm ausgeht, lassen sich nicht mit Apps in den Griff bekommen. Für den Selbstoptimierer ist das eine völlig neue, beunruhigende Erfahrung. Er vermisst und überwacht den eigenen Körper, die eigene Psyche, das eigene Verhalten, ja das eigene Selbst, als handele es sich um eine komplizierte Maschine, die man dazu bringen kann, dass sie wie geschmiert läuft. Im Extremfall handelt es sich um eine Selbstinstrumentalisierung - man macht sich zum Objekt der Self-Tracking-Apps und unterwirft sich deren versteckten Wertungen, ohne die damit verbundene Selbstentmündigung zu erkennen. 

Immanuel Kants Selbstzweckformel gebietet, dass ich andere und mich selbst nie ausschließlich als Mittel gebrauchen darf. Kant bezieht das Verbot der Instrumentalisierung ausdrücklich nicht nur auf die Reduzierung des anderen zum bloßen Mittel, sondern auch auf das Verhältnis zum eigenen Körper, zur eigenen Psyche, zur eigenen Persönlichkeit. Nicht um seiner selbst willen geachtet zu werden, sondern nur als Mittel zum Zweck instrumentalisiert zu werden, beschädigt die Würde und den Selbstwert des Menschen, und darum wird er krank. Das gilt genauso für die Selbstinstrumentalisierung. 

Der Selbstoptimierer versucht sich und zugleich seinen Ausschnitt der Welt kontrollierbar, vorhersehbar und planbar zu machen. Das Coronavirus steht dem diametral entgegen: Es ist sehr mächtig, es bestimmt gegenwärtig unser aller Leben in einem vor Kurzem noch unvorstellbaren Ausmaß, seine Ausbreitung und seine Auswirkungen auf das Kollektiv wie auf den Einzelnen sind unberechenbar. Es wirft alle Planungen über den Haufen. Sowohl individuelle Reisepläne, Heiratspläne als auch Fahrpläne von Bahn und Flugverkehr, Wirtschaftspläne, Olympia-Pläne.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Die Coronakrise ist für Selbstoptimierer damit zu einer Welt- und Selbstkrise geworden. Sie bedeutet Kontrollverlust, Entschleunigung, ein Zurückgeworfensein auf sich selbst, die Lebenspartner und die Familie, die eigene Wohnung. Die Einsamkeit. Doch diese Entschleunigung, das Zurückgeworfensein auf den Kontakt zu wenigen Menschen oder gar nur auf sich selbst, können nicht nur Selbstoptimierer als Chance zur Besinnung, zur introspektiven Selbsterforschung nutzen.

Psychologisch geht es vor allem darum, die eigene Verletzlichkeit, das eigene Leiden zu akzeptieren. Auch die eigene Sterblichkeit, gegen die man sonst mit Fitness-Apps antrainiert, rückt gedanklich, emotional - und auch real - näher. Wir werden geboren, ohne dass wir gefragt worden wären, ob wir das überhaupt wollen; und mit dem Sterben verhält es sich genauso.  

Das Lernziel für Selbstoptimierer in der Coronakrise ist also: anzuerkennen, dass wir sehr vieles passiv erleiden müssen, dass es uns widerfährt. Allenfalls im zweiten Schritt können wir versuchen, das passiv Erlittene aktiv in unser Leben zu integrieren, unser Leben partiell zu verändern und auch nur sehr partiell und ausschnitthaft zu kontrollieren und zu steuern.

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