Leben unter Hochspannung: Wie das Borderline-Syndrom Beziehungen belasten kann

Nicht nur Betroffene können von Methoden profitieren, die Beziehungen einfacher und stabiler machen.

Dieser Beitrag wurde am 22.09.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Laras* Augen sind gerötet, sie sieht erschöpft aus. Am Vorabend hat sie einen großen Streit mit ihrem Freund gehabt. Am Ende schrie sie, sie wolle die Trennung, konnte sich nicht beruhigen und schlug ihren Kopf gegen die Wand. Dabei war kurz zuvor noch alles anders gewesen: Ihr Freund und sie hatten einen entspannten Urlaub verbracht, sich sehr gut verstanden. Bis sie an diesem Abend über eine Kleinigkeit sprachen, dann diskutierten, schließlich stritten.

Lara hat noch keine Beziehung geführt, die anders lief, früher war es noch extremer als heute. Hochs und Tiefs kommen in ihren Partnerschaften in schnellen Wechseln, und das ist anstrengend. Sie ist Ende zwanzig, macht seit Jahren eine Verhaltenstherapie und weiß mittlerweile, dass sie emotional instabile Persönlichkeitsanteile hat. Damit ist sie nicht allein: Ungefähr drei Prozent  der Bevölkerung weisen borderline-strukturierte Anteile auf, jüngere Gruppen sogar noch mehr . Die Diagnose wird in dem internationalen Krankheitsverzeichnis "ICD-10" als "emotional instabile Persönlichkeitsstörung mit neurotischen und psychotischen Symptomen" eingeordnet – daher der Name, der auf Deutsch "Grenzlinie" bedeutet.

 Starke Überflutung und Kontrollverlust

"Das Leitsymptom sind plötzlich einschießende, intensive bis unangenehme Anspannungs- und Gefühlszustände. Aber auch insgesamt herrscht eine hohe Grundspannung", erklärt die Potsdamer Verhaltenstherapeutin Dr. Susanne Helfert . "So geraten Betroffene durch alltäglichen Stress – beispielsweise einen Streit – schnell in starke Gefühle oder heftige Stimmungswechsel. Wir sprechen hier auch von Hochspannung."

Diese Hochspannung begleiten oft selbstschädigende, impulsive Verhaltensweisen wie Drogenkonsum, extremes Kauf-, Ess- oder Sexualverhalten, Selbstverletzungen, selbstabwertende Gedanken, Katastrophenphantasien, Suizidversuche. Alles Versuche, übermäßige Anspannung in den Griff zu bekommen, so die Psychotherapeutin.

Frühkindlicher Stress als Ursache

Da Diagnosen nie ein ganzheitliches Abbild einer Persönlichkeit liefern, sind Bezeichnungen wie "Borderline" oder "Borderlinerin" umstritten. In der Psychologie spricht man manchmal davon, dass Borderline Teil von einer entwicklungsbezogenen Traumafolgestörung sein kann. Susanne Helfert bestätigt: "Neben Genetik spielt oft frühkindlicher Stress durch Traumata eine Rolle, also zum Beispiel Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt. So entsteht die Grundlage für eine besondere Empfindlichkeit. Auf Stress wird mit starken Gefühlen reagiert – was auch die Hirnforschung belegen kann. Man könnte sagen: Unser Gehirn setzt alles daran, eine weitere schreckliche Erfahrung mit allen Mitteln zu verhindern. Daher lösen zum Teil kleinste Trigger das Notfallprogramm aus, auch wenn die Situation vielleicht von außen harmlos erscheint."

Wer als Kind traumatisiert wurde, kann bestimmte charakteristische Ansammlungen von psychischen Problemen und Verhaltensproblemen entwickeln. Sicherheit in der Kindheit ist eine wichtige Bedingung, um als Erwachsene sozial zugewandt und selbstsicher handeln zu können. Dass Lara schon früh Missbrauchs- und Verlusterfahrungen gemacht hat, könnte ein Grund für ihre heutigen Symptome und die damit verbundenen Probleme in Beziehungen sein.

Anspannung herunterfahren, Affektregulation üben

"Das wichtigste Ziel ist, neue, unschädliche Wege zu finden, um Anspannung herunterzuregeln", so Helfert. Hochspannung besser aushalten oder abbauen, darauf setzt auch die Dialektisch-Behaviorale Therapie, die Marsha M. Linehan in den 1980er-Jahren entwickelt hat. Hier werden sogenannte Skills erlernt, Verhaltensweisen, die kurzfristig helfen und langfristig nicht schaden – wir alle wenden sie an, ohne es zu merken. Und uns allen können sie helfen, wenn in Beziehungen Spannungen auftreten. Denn auch weniger heftige Verletzungen durch Bindungspersonen in der frühen Kindheit können mildere Bindungs- und Verlassensängste verursachen.

Es gibt endlos viele Skills, oft sind es Alltagsdinge wie ein Ortswechsel, achtsames Essen oder Trinken, Atemtechniken, Bewegung, Dinge sortieren, eine eiskalte Dusche oder leichte Schmerzreize, beispielsweise durch eine Stachelmatte. Im Internet finden sich Listen von Skills . Auch das Zusammenstellen eines sogenannten Notfallkoffers ist eine gute Idee: einer Kiste, in der sich Hilfsmittel und aufgeschriebene Skills-Abfolgeketten befinden.

Offen kommunizieren und hinterfragen lernen

Wichtig ist zudem, zu erkennen, dass hinter ungesunden Verhaltensmustern in vielen Fällen Verletzungen aus der Vergangenheit stecken, für die Betroffene keine Verantwortung tragen und die nicht mehr umkehrbar sind. "Betroffene haben oft Verletzungen durch wichtige Bezugspersonen erfahren, die das Vertrauen – auch in andere Menschen – nachhaltig erschüttern. Es entsteht einerseits eine tiefe Angst vor Nähe, weil Verletzung drohen könnte, und gleichzeitig eine große Furcht, verlassen zu werden. So schwanken sie oft zwischen den beiden Extremen von Nähesuchen und Rückzug", so Helfert. Typisch seien Beziehungen, die sehr intensiv, aber instabil und von wiederkehrenden Streitigkeiten geprägt sind.

Wer den Partner oder die Partnerin über vorhandene Ängste und Gedankenspiralen aufklärt, kann Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren und begründen. Mit einer transparenten, ehrlichen Kommunikation und festen Regeln fällt es auch in Konflikten leichter, Überflutungszustände zu enttarnen und zu hinterfragen, ob die starken Gefühle der Situation angemessen sind. Lara und ihr Freund schaffen das mittlerweile immer öfter. Im ersten Jahr ihrer Beziehung haben sie noch viel mehr gestritten, langsam spüren sie eine Verbesserung, die sie vor allem Laras Fortschritt in der Verhaltenstherapie zuschreiben. Denn Trigger und Ursachen unterscheiden sich, das war für Lara eine wichtige Erkenntnis, die heilsam und in vielen Fällen deeskalierend wirkte.

Borderline-strukturierte Persönlichkeitsanteile haben auch gute Seiten. Laut Dr. Susanne Helfert liegen in ihnen große Stärken der Betroffenen. Sie können sich gut in ihre Mitmenschen einfühlen und besitzen eine starke Intuition, sie haben "feine Antennen", wie es die Therapeutin nennt.

 

*Name auf Wunsch der Protagonistin von der Redaktion geändert

 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.