Sorgearbeit bedeutet meist Multitasking (Symbolbild)
Sorgearbeit bedeutet meist Multitasking (Symbolbild)
Foto: Maskot / DEEPOL by plainpicture

Kinder, Küche, Pflege Was Ihre Care-Arbeit wert ist (und warum Sie niemand bezahlt)

Die Wirtschaft funktioniert nur, weil ständig jemand putzt, kocht und Kinder großzieht. Ist es wirklich utopisch, dass diese Sorgearbeit entlohnt wird?
Von Lou Zucker

Was wäre, wenn Sie einen Stundenlohn dafür bekämen, bei sich zu Hause zu putzen, zu kochen, einzukaufen? Was wäre, wenn Sie dafür bezahlt würden, sich um Ihr Kind, die Tochter Ihres besten Freundes oder um Ihren alten Vater zu kümmern? Sagen wir: Mindestlohn. Wie viel mehr hätten Sie am Ende des Monats auf dem Konto? Würden Sie mehr oder weniger verdienen als Ihr Partner oder Ihre Partnerin?

Die App WhoCares kann genau das ausrechnen. Sie misst die Zeit, die Nutzer*innen für unbezahlte Sorgearbeit aufbringen – und rechnet gleich aus, wie viel sie verdienen würden, wenn diese bezahlt wäre. Wählen kann man dabei zwischen Mindestlohn, einem durchschnittlichen deutschen Stundenlohn und dem eigenen Stundenlohn, den man in seiner bezahlten Lohnarbeit verdient.

»Wir wollen die Leute anregen, sich zu fragen: Was wäre, wenn?«, sagt Lina Schwarz, die die neue App mitentwickelt hat. Die App soll Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass auch Sorgearbeit Arbeit ist – und zwar eine essenzielle. Um jeden Tag aufs Neue acht Stunden bezahlte Arbeit leisten zu können, müssen wir nämlich alle regelmäßig etwas essen. Dieses Essen muss eingekauft und gekocht werden. Wir müssen uns irgendwo von der bezahlten Arbeit erholen, am besten in einem halbwegs einladenden Zuhause. Wenn wir krank werden, muss sich jemand um uns kümmern, wenn wir einen stressigen Tag hatten, hilft es, wenn uns jemand zuhört, uns Mut macht, uns den Rücken massiert.

Wäre Sorgearbeit entlohnt, dann würde sie jährlich weltweit dreimal so viel umsetzen wie der IT-Sektor.

All diese Tätigkeiten sind notwendig, damit wir am nächsten Tag wieder frisch und leistungsfähig in einem Unternehmen erscheinen können. Das Unternehmen, für das wir arbeiten, profitiert also indirekt von all den Stunden, die wir oder jemand anders damit verbringt, sich um uns und unseren Haushalt zu kümmern. Sorgearbeit, auch Care-Arbeit genannt, ist ein bisschen wie unverschmutzte Luft oder sauberes Trinkwasser: Firmen und Fabriken brauchen sie, müssen aber nichts dafür bezahlen.

Genau genommen ist unser ganzes Wirtschaftssystem abhängig von dieser unbezahlten Arbeit: Wenn nämlich keine Kinder mehr geboren und aufgezogen würden, gäbe es bald auch keine Arbeitskräfte mehr. Schon jetzt herrscht in Deutschland Fachkräftemangel, weil immer weniger Kinder geboren werden. Die Wirtschaft – man könnte sagen, unsere ganze Gesellschaft – funktioniert also nur, weil ständig jemand putzt, kocht und Kinder großzieht.

Zu dem Gedankenexperiment, das die App WhoCares anregen will, gibt es Studien. Wäre Sorgearbeit entlohnt, dann würde sie jährlich weltweit dreimal so viel umsetzen wie der IT-Sektor. Das errechnete die Hilfsorganisation Oxfam in einem Bericht von 2020 . In Deutschland wird ungefähr ein Drittel mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit geleistet, heißt es in einem Bericht  des Statistischen Bundesamts von 2016; selbst bei einer vorsichtigen Schätzung würde ihr Wert rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts  betragen. Der Gedanke, Hausarbeit und Kindererziehung zu entlohnen, erscheint allein schon aufgrund dieser Zahlen völlig unvorstellbar. Ähnlich unvorstellbar wäre es jedoch, wenn niemand mehr diese Arbeiten verrichten würde. Wir sind also fundamental darauf angewiesen, dass Menschen sie unbezahlt machen. Und diese Menschen sind immer noch überwiegend Frauen.

Viereinhalb Stunden verbringen Frauen in Deutschland täglich damit, sich um Haushalt und Familienangehörige zu kümmern – Männer jedoch nur zweidreiviertel Stunden. Das fand die International Labour Organization , eine Sonderorganisation der Uno, 2019  heraus. Der zweite Gleichstellungsbericht  der Bundesregierung errechnete 2015 einen »Gender Care Gap« von 52 Prozent, das heißt, Frauen verbringen im Durchschnitt anderthalbmal so viel Zeit mit Sorgearbeit  wie Männer. Besonders groß ist der Unterschied bei der Verteilung der unbezahlten Arbeit in Heteropaarhaushalten mit Kindern; dort liegt er bei 83 Prozent. Sogar sonntags verbringen Mütter von kleinen Kindern laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vier Stunden mehr Zeit mit Haushalt und Kinderbetreuung als ihre männlichen Partner. Und auch wenn beide Eltern in Vollzeit arbeiten, erledigen die Frauen immer noch 41 Prozent mehr unbezahlte Arbeit. All die Milliarden, die nicht als Lohn für essenzielle Sorgetätigkeiten gezahlt werden, fehlen also vor allem auf den Girokonten, beim Vermögen, bei den Renten von Frauen.

»Lohn für Hausarbeit würde unser ganzes System aus den Angeln heben.«

Professorin Uta Meier-Gräwe

Stefka Klose entschuldigt sich mehrmals, weil sie erst zwei Stunden nach unserem vereinbarten Telefontermin anruft. Im Hintergrund schreit ein Baby. Klose ist in Elternzeit, sie hat zwei kleine Kinder, das jüngere ist erst vier Monate alt. Seit Kurzem nutzt sie die App WhoCares. »Das war ein Erkenntnisflash«, sagt sie. Auf der Benutzeroberfläche gibt es Buttons für unterschiedliche Tätigkeiten wie Wäschewaschen, Einkaufen, sich um Kinder kümmern. Auch »Management« und »Reparieren« gehören dazu. Klickt man auf einen Button, wird die Zeit gestoppt, bis man ihn ein zweites Mal drückt. »Immer, wenn ich eine Sache ausmache, mache ich die nächste an, oft laufen auch mehrere gleichzeitig«, erzählt Klose. »Es hat mich schockiert zu sehen, dass ich quasi permanent am Arbeiten bin und wie oft ich dabei multitaske«. Pausen mache sie kaum. »Mir ist bewusst geworden, dass man in Angestelltenverhältnissen oft bessere Arbeitsbedingungen hat als zu Hause.«

An einem Tag zeigte die App Klose an, dass sie 253 Euro verdient hätte, wenn sie Mindestlohn für ihre Tätigkeiten bekäme. Sorgearbeit kennt keine Wochenenden, monatlich würde sich aus einem solchen Tagessatz also ein Bruttolohn von 7590 Euro ergeben.

Kloses Partner, der im Homeoffice arbeitet, wende die App nicht an. »Er könnte sie eigentlich auch mal benutzen«, fällt ihr im Gespräch ein. Nach nur zehn Minuten muss sie das Telefonat abrupt beenden. Die Arbeit ruft.

WhoCares knüpft an eine internationale feministische Kampagne aus den Siebzigerjahren an. Sie hieß »Wages for Housework« und forderte genau das: Lohn für Hausarbeit. Was würde es für unsere Gesellschaft bedeuten, wenn diese Forderung heute durchgesetzt würde? »Lohn für Hausarbeit würde unser ganzes System aus den Angeln heben«, sagt Uta Meier-Gräwe, emeritierte Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienforschung an der Uni Gießen. »Die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft beruht darauf, dass Care-Arbeit unbezahlt oder unterbezahlt genutzt wird.« Das zu ändern, wäre »eine Revolution«.

Eine Forderung nach Lohn für Hausarbeit lehnt die Ökonomin dennoch ab. Sie erinnert sich, wie sie damals von der Kampagne hörte: »In der DDR konnten wir nur den Kopf schütteln, Erwerbstätigkeit war für uns und auch für unsere Mütter selbstverständlich.« Meier-Gräwe befürchtet, dass Lohn für Hausarbeit dazu führen würde, dass noch mehr Frauen zu Hause bleiben. Auch Lina Schwarz, die die App WhoCares mitentwickelt hat, fordert keinen nach Stunden berechneten Lohn für Hausarbeit, sondern möchte vor allem zu einer Diskussion über unsere öffentliche Daseinsvorsorge anregen.

»Lohn für Hausarbeit würde Frauen mehr Verhandlungsmacht geben.«

Selma James, »Wages for Housework«-Aktivistin der ersten Stunde

Wer hingegen sehr ernsthaft Lohn für Hausarbeit fordert, und zwar sei 50 Jahren, ist Selma James. Die 90-jährige Aktivistin aus Brooklyn, New York, hat die Kampagne »Wages for Housework« mitgegründet und kämpft noch immer als Teil eines internationalen Netzwerks dafür, dass Hausarbeit finanziell anerkannt wird. Meier-Gräwes Befürchtung teilt sie nicht. »Es ist nicht zu viel eigenes Geld, das Frauen in Abhängigkeit hält, sondern ein Mangel an eigenem Geld«, sagt James über Zoom aus London, wo sie seit Jahrzehnten lebt. Im Hintergrund stapeln sich Bücher, Papiere quellen aus Schubladen.

Die Gießener Professorin Meier-Gräwe sorgt sich dagegen um die gut ausgebildeten Frauen, die ihre Karrieren für die Familie aufgeben: »Wir haben die am besten ausgebildete Frauengeneration aller Zeiten. Es ist ganz wichtig, dass Perspektiven von Frauen, Queers, Migrant*innen mit in die Arbeitswelt integriert sind.«

Die »Wages for Housework«-Veteranin James kommt aus der Arbeiterklasse, kellnerte als junge Frau und Mutter, arbeitete in kleinen Fabriken. Sie sagt, sie hätte Lohn für Hausarbeit damals sehr gut gebrauchen können. »Ein großer Teil der häuslichen Gewalt wäre beendet, wenn Frauen das Geld hätten, ihren Männern zu sagen, sie sollen zur Hölle fahren«, sagt James. Sie ist der Meinung, dass sich Lohn für Hausarbeit auch positiv auf die Lohngleichheit und auf die Verteilung der Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern auswirken würde. »Es würde Frauen mehr Verhandlungsmacht geben«, sagt sie. Sie hätten die Freiheit, nicht mehr jeden Job zu allen Bedingungen annehmen zu müssen, und wären in einer besseren Position, mit ihren männlichen Partnern die Verteilung der Sorgearbeit auszuhandeln. Auch wenn James viel von Frauen spricht, hat sie die Kampagne mit Absicht »Wages for Housework« und nicht »Wages for Housewives« genannt, um sich an Menschen zu richten, die Sorgearbeit machen, egal welchen Geschlechts. »Care-Arbeit würde mehr Respekt erfahren, wenn Geld dahinter wäre«, davon ist James überzeugt.

Die Ausbeutung unbezahlter Care-Arbeit ähnelt der Ausbeutung der Natur.

Mehr Anerkennung für Sorgearbeit fordert auch Meier-Gräwe. Für sie hängen die unbezahlte Care-Arbeit im Haus und die schlecht bezahlte Care-Arbeit in Kitas und in der Pflege zusammen. Sie findet es wichtig, dass Phasen der Sorgearbeit im Lebenslauf für alle Geschlechter abgesichert sind, beispielsweise durch Rentenpunkte. Das Ehegattensplitting – ein weiterer Anreiz für Frauen, zu Hause zu bleiben – müsse abgeschafft werden, ebenso die Minijobs, die sich katastrophal auf die Renten von Frauen auswirkten. Stattdessen sollten mehr Anreize geschaffen werden, die Monate des Elterngeldes gleichmäßiger unter beiden Eltern aufzuteilen. Auch eine 32-Stunden-Woche als Normalarbeitszeit hält sie für sinnvoll, um allen Geschlechtern mehr Zeit für Sorgearbeit zu ermöglichen.

Lohn für Hausarbeit oder eine bessere soziale Absicherung für Care-Zeiten – woher soll das Geld kommen? Wenn es nach James ginge, würde eine ausreichende Grundsicherung für Care-Arbeitende aus dem Verteidigungsetat bezahlt werden. Meier-Gräwe findet stattdessen eine Care-Abgabe für Unternehmen sinnvoll: »Ohne Care-Arbeit können keine Fachkräfte bei Siemens arbeiten.« Sie stellt sich das ähnlich wie die CO₂-Steuer vor.

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Worin sich nämlich die Expertinnen James in London und Meier-Gräwe in Gießen einig sind: Die Ausbeutung unbezahlter Care-Arbeit ähnelt der Ausbeutung der Natur. Der Glaube, diese Ressourcen seien unbegrenzt verfügbar, sei in beiden Fällen falsch, beide Ressourcen kämen derzeit an ihre Grenzen. Die Pandemie habe das im Falle der Care-Arbeit noch einmal besonders deutlich gemacht. Deshalb befürwortet Selma James auch eine jüngere Kampagne, »Green New Deal for Europe«. Diese fordert ein »Care Income«, das jegliche Form von Sorgearbeit absichern soll, sowohl Sorge für andere Menschen als auch die für die Umwelt.

Was ebenfalls für beide Frauen feststeht: Care-Arbeit ist essenziell. Sie ist die Basis der Gesellschaft und des Wirtschaftskreislaufs und muss als solche anerkannt werden – auch finanziell.

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