Marc Pitzke

Blutiger US-Nationalfeiertag Die kaputten Staaten von Amerika

Marc Pitzke
Die Midlife-Kolumne von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Ich wollte an dieser Stelle schreiben, warum ich mich in meiner Wahlheimat USA immer heimatloser fühle. Dann kamen die Horrornachrichten aus Highland Park. Auf diese Bestätigung hätte ich gern verzichtet.
Land am Rand: Zerfleddertes US-Sternenbanner

Land am Rand: Zerfleddertes US-Sternenbanner

Foto: Getty Images

Montag, July Fourth. Während die meisten Amerikaner freihaben, um ihre an diesem Tag anno 1776 erklärte Unabhängigkeit zu feiern, setze ich mich mittags an den Computer, um eine Kolumne darüber zu schreiben, warum mir diesmal so gar nicht zum Feiern zumute ist. Ich bin fast fertig mit meinem Traktat über die morsche US-Demokratie, als die Horrornachrichten aus Highland Park  auf meinem Handy summen: Sechs Menschen erschossen – bei einer Parade zum 4. Juli.

Schon wieder ein Massaker, ausgerechnet an diesem Datum. Lange nicht mehr hat sich ein US-Nationalfeiertag so verlogen und zugleich doch so symbolträchtig angefühlt. Trotz der sonst meist friedlichen Rituale (Paraden, Partys, Hotdogs) ist Amerika tief verunsichert, tief verwundet – und tief gespalten, eine Nation im Krieg mit sich selbst.

Schon vor Highland Park, beim Grillfest unserer Brooklyner Freunde am Vorabend, war die Feierlaune gedämpft. Während nebenan obligatorisch gebölllert wurde, fragte sich unsere eklektische Runde aus gebürtigen Amis und europäischen Exilanten, ob es nicht an der Zeit sei, die kaputten USA aufzugeben und zu verlassen – oder ob man jetzt erst recht kämpfen müsse. (Es blieb vorerst beim Unentschieden.)

Relikt eines weiteren Massakers: Zurückgelassenes Kinderrad in Highland Park

Relikt eines weiteren Massakers: Zurückgelassenes Kinderrad in Highland Park

Foto: Max Herman / REUTERS

Terrorisiert von Amokläufern, Neonazis und radikalen Richtern, zerbrechen die Vereinigten Staaten gerade in die Un-Vereinigten Staaten, mit unversöhnlichen Werten und Wünschen, gesellschaftlich, kulturell, politisch. Auf der einen Seite die liberalen Küsten, wo auch ich lebe, und ein paar Inseln im Mittleren Westen. Auf der anderen die Landmasse der konservativen – oder zumindest konservativ regierten – Bundesstaaten dazwischen: Immer ruckartiger driften die beiden Amerikas auseinander, wie tektonische Kontinentalplatten, die auf den großen Knall zutreiben, das historische, unheilbare Jahrhundertbeben.

Zweifel an der Wahlheimat

Die Vorbeben lassen sich nicht länger ignorieren. Schüsse in immer kürzerer Abfolge, ein mögliches Comeback des Autokraten Donald Trump sowie die jüngsten Schockurteile des Supreme Courts, der die Grundfesten der US-Gesellschaft scharf nach rechts verschoben hat, beschleunigen nur, was lange gärte. Zum 246. Geburtstag dieses »großartigen Experiments Amerika«, wie es Präsident Joe Biden an diesem Tag sagt, als lebe er in einer parallelen Realität, scheint alles auseinanderzubrechen. Über nichts ist man sich mehr einig: Waffen, Abtreibung, Klima, Bürgerrechte, Bildung, Geschichte, Medien, selbst die Anerkennung von Wahlergebnissen – das Fundament des Systems.

Auch meine eigenen Zweifel an der Wahlheimat, in der ich nun fast die Hälfte meines Lebens verbracht habe, brodeln nicht erst seit den jüngsten Ereignissen. Die Gründe sind ja nicht neu: die gedankenlose Gewalt, die grassierende Armut, die willkürliche Todesstrafe, die welthöchste Inhaftierungsrate, die Macht der Oligarchenklasse, der als Patriotismus getarnte Extremismus. Und, im Spiegel, Amerikas surreal überzogenes Selbstverständnis als »großartigste Nation der Welt«.

Lange habe ich das geschluckt, als Preis für ein Leben der Superlative. Habe in West Texas mit Revolverhelden gescherzt, in Südflorida mit Exilkubanern getanzt, in South Carolina mit Bibelpredigern geschmaust, habe über die rot-weiß-blau kostümierten Fanatikerinnen und Fanatiker auf den Parteitagen gelacht und mich über die ideologischen Verrenkungen der schwulen Log Cabin Republicans amüsiert. Die meisten, die ich auf meinen Recherchen und Roadtrips traf, waren nett, umgänglich und äußerst zuvorkommend, ganz gleich, welchem Politkult sie huldigten.

Lange ist's her. Meinen ersten Fourth of July erlebte ich als Teenager in Plymouth, Massachusetts, »Amerikas Heimatstadt« , ausgerechnet. Der Kolonialort war ein Flaggenmeer, an den Veranden wehten Rüschen in den Nationalfarben – ein naiv-gutmütiger Patriotismus, wie er sich fünf Jahre zuvor auch im Bicentennial ausgedrückt hatte, der Zweihundertjahrfeier der USA. Fürs Plymouther Feuerwerk wanderte ich mit Freunden hinaus auf den Jetty, eine lange Mole, die wie ein Säbel in die Hafenbucht ragt. Wir tranken Buds, räkelten uns auf dem Stein und zeigten kichernd in den explodierenden Nachthimmel.

Zum Mythos verkitscht: Die »Mayflower II« in Plymouth, Massachusetts

Zum Mythos verkitscht: Die »Mayflower II« in Plymouth, Massachusetts

Foto: Charles Krupa / AP

Plymouth Harbor ist bis heute von der »Mayflower II« beherrscht, einem Nachbau des Zweimasters, mit dem die Pilger 1620 angelandet waren in der Hoffnung, die religiösen Fesseln Englands abzuwerfen – nicht ahnend, dass ihre Nachfahren vier Jahrhunderte später ähnliche Fesseln nun eifrig wieder anlegen würden. Im Souvenirshop kann man für 5,95 Dollar Reproduktionen des »Mayflower Compact«  kaufen, jenes Vertrags, mit dem die Siedler ihre persönlichen Wünsche dem »Allgemeinwohl« unterordneten – ein lobenswertes Ziel, auch wenn es von 41 weißen Männern formuliert war, die das Land anderen stahlen.

Schon bei meinem Austauschjahr, bevor ich später ganz in die USA zog, war Plymouths Geschichte zum Mythos verkitscht. Doch die alten Ideale zogen sich damals noch durch den Alltag. Meine Gastfamilie war erzkonservativ und streng religiös, die Mutter trällerte am Herd Choräle und betete in der Mayflower Church, deren Holzturm die Main Street ziert. Trotzdem nahmen sie mich mit offenen Armen auf – mich, den agnostischen, alles andere als konservativen und ganz offensichtlich schwulen Nerd. Das prägte mein Amerikabild.

Als Memento der Gastfreundschaft, die mir vor so vielen Jahren entgegengebracht wurde, stellte ich mir lange ein Mini-Sternenbanner auf den Schreibtisch, ob in Berlin oder New York. Heute ist das US-Sternenbanner kein Symbol der Gastfreundschaft mehr, sondern das aggressive Banner der Rechtspopulisten, vor allem (und gerne im Verbund mit der Konföderiertenflagge) in den Südstaaten, die es ironischerweise nach dem Bürgerkrieg als Yankee-Fahne abgelehnt hatten. Früher flatterte es am 4. Juli auch bei uns in Brooklyn noch überall, diesmal war es nur noch vereinzelt zu sehen, fast verschämt.

So sind wir nicht, sagen sie

Amerika macht es denen schwer, die es mal mochten. Es ist eine Nation am Rande des Kollapses. Dieser Kollaps wurde nicht von Invasoren oder Immigrantinnen herbeigeführt, wie es einem die Rechten vorgaukeln, sondern von Feinden im Inneren, die so aussehen wie sie, siehe 6. Januar 2021 . Brutal, herzlos, gleichgültig gegenüber der Klimakatastrophe, der Verelendung von Millionen, dem Massentod in Uvalde, Buffalo, Highland Park. »That's not who we are«, sagen sie reflexartig, so sind wir nicht. Aber genau so sind zu viele von ihnen eben doch, und das immer wieder.

Nun hat die religiös-reaktionäre Mehrheit des Obersten Gerichtshof begonnen, die Pfeiler der US-Demokratie zu kippen, vom Grundrecht auf Abtreibung bis zur Freiheit der Bundesstaaten, den Waffenwahn vernünftig einzuschränken. Als Nächstes ist das freie Wahlrecht dran.

Grundrecht auf Abtreibung gekippt: Protest am Supreme Court

Grundrecht auf Abtreibung gekippt: Protest am Supreme Court

Foto: Jose Luis Magana / AP

Dass die meisten das hier ablehnen, ist dem Supreme Court gleichgültig. Die Handlanger der rechtsextremen Republikaner hätten keine Schamgrenze mehr, warnte mich die Juraprofessorin Mary Ziegler, mit der ich vergangene Woche darüber sprach . Eines Tages würden sie sich das Recht auf Empfängnisverhütung vorknöpfen, nicht biblischen Sex und die Ehe für alle. Willkommen im Mittelalter.

Ich fürchte um meine Rechte

Als der Supreme Court, in seiner alten Balance vor Trump, also 2015, die gleichgeschlechtliche Ehe zum Verfassungsrecht erhob, heulte ich wie ein Kind. Vor dem Gericht in Washington sangen sie die Nationalhymne, drei Tage später feierte ich mit Hunderttausenden bei der Pride Parade in Manhattan. Mein Partner und ich heirateten 2020, selbst die Coronapandemie konnte uns nicht abschrecken.

Vorletztes Wochenende marschierten erneut Tausende zur Gay Pride durch Manhattan, doch die Stimmung war spürbar anders. Es wurde weniger gefeiert und mehr protestiert, ganz vorne marschierten die Vertreterinnen und Vertreter von Planned Parenthood, der größten US-Familienplanungsorganisation. Wir standen ernüchtert am Rande. Ich hatte nicht erwartet, dass ich noch mal um die Rechte fürchten muss, die ich mir mein Leben lang erkämpft hatte, nur um sie nun vielleicht wieder zu verlieren. Schon freuen sich  die rechten US-Staaten auf die legale Re-Diskriminierung von LGBTQ-Gruppen.

Mehr Protest als Feier: Gay Pride Parade in New York 2022

Mehr Protest als Feier: Gay Pride Parade in New York 2022

Foto: Charles Sykes / AP

Viele Frauen hat's bereits erwischt. Das Urteil des Supreme Courts wirft sie um Generationen zurück . Wer eine Schwangerschaft abbrechen muss oder will, muss nun gefährliche Reisen unternehmen – aus Regionen, wo das unter Strafe steht, in Regionen, wo das noch erlaubt ist. Eine neue »Underground Railroad« bietet den Betroffenen Logistik und Schutz, wie einst das Netzwerk, das im 19. Jahrhundert vielen Sklavinnen und Sklaven half, aus den Südstaaten in die Nordstaaten zu fliehen.

Die liberalen Küsten stehen gegen die Landesmitte, New York und Kalifornien sind auf einmal gesellschaftliche Sicherheitszonen, die das Abtreibungsrecht und die Waffenkontrolle selbstständig verankern . Gilt das demnächst auch für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transpersonen? Was, wenn man uns unsere Rechte wieder raubt? Wenn mein Mann und ich durch Texas oder Arizona fahren wollen?

Oder Florida. Dort besaß ich mal eine Wohnung, als der Sonnenstaat noch als lila galt – halb rot (republikanisch), halb blau (demokratisch). Jetzt dürfen Lehrer dort nicht mehr »gay« sagen, weil sich Gouverneur Ron DeSantis rechts von Trump Hoffnungen aufs Weiße Haus macht.

Später Abend, July Fourth. Durchs offene Fenster kann ich aus der Ferne die fünf synchronisierten Feuerwerke über dem East River knallen hören. In einem meiner Browserfenster flimmern dazu die Bilder, die live übertragen werden. Auf den Bühnen am Fluss, vor der Skyline von Manhattan, singt ein Chor »Born in the USA«, »America The Beautiful« und »God Bless America«. Ich schalte den Computer aus.

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