Besuchsverbot im Pflegeheim: Wie ging es Angehörigen und den Alten damit?
Besuchsverbot im Pflegeheim: Wie ging es Angehörigen und den Alten damit?
Foto: Juan Moyano/ Stocksy United

Besuchsverbot für Pflegeheime "Nach dem Lockdown hat mein Vater mich nicht mehr erkannt"

Um die Bewohner von Pflegeheimen vor Covid-19 zu schützen, durften sie wochenlang keinen Besuch empfangen. Was bedeutet das für die Angehörigen? Leserinnen und Leser berichten von ihren Erfahrungen.

Vier Tage nach ihrem Einzug - die 85-jährige Dame aus Kiel war gerade angekommen in ihrem Leben im Pflegeheimzimmer - ordneten die Ministerpräsidenten der Länder ein Besuchsverbot für Pflegeheime an.

Ab Mitte März durften Angehörige ihre Tanten, Brüder, Schwestern und Eltern in Heimen nicht mehr besuchen. Das sollte alle, die dort leben, vor einer Ansteckung schützen. Was ist mit Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern passiert, während sich Deutschland im Lockdown befand?

Drei Geschwister haben dem SPIEGEL erzählt, wie es sich für sie anfühlte, draußen bleiben zu müssen. Ausgerechnet, als sich das Coronavirus immer schneller ausbreitete, konnte ihre demente Mutter, die 85-Jährige aus Kiel, nicht mehr ohne ständige Hilfe leben, musste in ein Pflegeheim. Nach vier Tagen kam das Betretungsverbot. Die Geschwister versuchten verzweifelt, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen: Können wir unsere Mutter sehen, trotz Corona?

Nachdem der Text erschienen war, meldeten sich viele Leserinnen und Leser bei uns. Sie teilten ihre Gedanken über die Situation der Familie, ihre sehr persönlichen Erfahrungen. Sie lassen erahnen, dass Heimbewohner, Pflegekräfte und Angehörige in ganz Deutschland wohl erst im Laufe der kommenden Zeit, vielleicht erst nach der Coronakrise, verstehen und aufarbeiten werden.

Wie sehr haben die alten Menschen in den Heimen und deren Angehörige gelitten? Inwiefern hat diese Zeit sie verändert?

Edeltraud T., 69, schrieb uns von einer kräftezehrenden Tortur. Ihr Mann sei, schrieb sie, dement und seit anderthalb Jahren im Heim. Doch während des Besuchsverbots habe sie ihn nur am Gartenzaun der Einrichtung treffen können:

Er wollte mich immer berühren und verstand nicht, warum er das nicht durfte. Vorher bin ich drei- bis fünfmal die Woche zu ihm gefahren. Wir haben noch kleine Ausflüge gemacht, was jetzt alles nicht mehr ging.

Peter Funck aus München schrieb uns, wie sich die Kontaktbeschränkungen für ihn und den in einem Heim lebenden Vater anfühlte. Der Vater sei 101 Jahre alt und lebe seit mehreren Jahren in einer Einrichtung für Demenzkranke.

Als ich ihn nach dem Lockdown wiedersehen durfte, hat er mich nicht mehr erkannt. Es war klar, dass das einmal passieren würde, aber die Corona-Maßnahmen haben sicherlich dazu beigetragen, dass es so schnell ging.

Ein Leser, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, beschrieb, wie er das Besuchsverbot zu umgehen versuchte:

Sind in der exakt selben Situation und haben das Besuchsverbot mit einem Tablet und Besuchen unterm Balkon respektive Fenster unterlaufen können. Ja, das tut sicher weh, aber einen Angehörigen an Covid-19 zu verlieren, tut sicher noch mehr weh, zumal wenn weitere Heimbewohner gefährdet sind. Keiner hat gesagt, dass eine Pandemie ein Zuckerschlecken ist - keiner will sich einschränken, viele wollen weitermachen wie bisher, als sei nichts gewesen. 

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Für wen gelten Ausnahmen?

Welche Ausnahmen vom Besuchsverbot möglich waren, konnten die Gesundheitsämter der Länder und die Einrichtungen selbst mitbestimmen. In vielen Bundesländern etwa galt: Betretungsverbot - aber, in Ausnahmefällen und unter Schutzmaßnahmen, maximal ein Besucher pro Tag und Bewohner. Das war es, was sich schwer begreifen ließ: Wer ist dieser maximal eine? Wer darf rein?

Peter Funck:

Unser Vater war schon über zwei Jahre im Heim, als der Lockdown kam. Was dann geschah, wie überall in den Heimen, ist wider die Menschenrechte. Dieses rigorose Nein, ohne einen Gedanken an Alternativen zu verschwenden, das darf nie wieder passieren. Was ist das für eine Lebensqualität, tagein, tagaus lediglich seine Grundbedürfnisse zu erfüllen - ohne menschliche Nähe zur Familie? Da wird der Patient zum hilflosen Objekt in einem pflegerischen Apparat, das durch regelmäßige Mahlzeiten als lebensverlängernde Maßnahme am Laufen gehalten wird. Das aber entspricht nicht der Patientenverfügung, die mein Vater schon vor vielen Jahren im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten unterschrieben hat.

Jasper A., 28, schrieb von einer inneren Zerrissenheit: Was tut mehr weh, den Angehörigen nicht sehen zu dürfen oder viele Menschen dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen?

Wir haben verstanden, dass es wichtiger ist, dass die ganze Einrichtung nicht gefährdet wird. Das ist hart, es tat uns auch enorm weh. Die Frage "Wird sie uns noch erkennen?" ist grausam. Aber noch grausamer ist es, wenn der eigene Besuch Hunderte Menschen dahinrafft.

Man macht es sich zu einfach, wenn man auf die Pflegeheime einschlägt. Die sind und waren überfordert mit der Situation, aber nicht aus eigener Schuld heraus. Ich kenne engagierte Pfleger und Pflegerinnen, die dieses Jahr mehrere Wochen in den Heimen gelebt haben - getrennt von der eigenen Familie und im Dauerdienst - um ihre Bewohner zu schützen. Und die gleichzeitig übergriffige Verwandte abwehren mussten, die versucht haben, auf das Gelände einzudringen. Das ist die andere Seite der Medaille.

Was bedeutet es, wenn die Krankheit im Pflegeheim ausbricht?

Auch ein Pfleger schrieb uns. Als solcher habe er, Jan P., 40, den Ausbruch der Pandemie mitbekommen, und vielleicht kamen ihm beim Lesen unseres Artikels über die drei Geschwister und ihre Mutter auch deswegen die folgenden Gedanken:

Was die Mitarbeiter täglich geleistet haben und leisten und mit welcher Sorge sie konfrontiert sind, kann man sich kaum vorstellen. Natürlich hätte man den Dialog mit entsprechenden Angehörigen empathischer und verständnisvoller führen können, sodass vielleicht ein Kompromiss hätte möglich gemacht werden können (zum Beispiel der Kontakt über Fenster, Balkone, etc.).

Nur schwebt über allem die unmittelbare Gefahr eines Ausbruchs der Krankheit innerhalb eines geschlossenen Bereichs wie einer Pflegeeinrichtung. Insofern habe ich sicherlich Verständnis für die Notlage etwaiger Angehöriger und deren Situation, nur darf man dabei nicht vergessen, was es bedeutet, falls die Krankheit tatsächlich ausbricht.

Mal angenommen, Frau Bernsdorf [die Betroffene im SPIEGEL-Artikel, Anm. d. Red.] erkrankt und stirbt aufgrund von Covid-19, weil verantwortliche Entscheidungsträger des Heims bei einem anderen Bewohner und dessen Angehörigen nicht regelkonform gehandelt hätten. Das will man dann sicherlich auch nicht hören.

Inzwischen wurde das Besuchsverbot gelockert. Es ist seit einigen Wochen nun vielerorts wieder möglich, Angehörige zu besuchen, unter Schutzvorkehrungen. In manchen Einrichtungen bedeutet das: Für ein Treffen gibt es 15 Minuten Zeit, es muss unter Aufsicht stattfinden, eine Plexiglaswand trennt Verwandte voneinander.

Doch die individuell empfundene Ungerechtigkeit, die in den vergangenen Monaten durch die Auslegung der behördlichen Regeln entstand, sitzt bei manchen tief. Was, wenn eine zweite Welle kommt? Wie lässt sich das Danach gestalten? Peter Funck schrieb:

Danach fragt man sich natürlich, ob das alles nicht auch humaner gehen könnte. Es verliert sonst jeglichen Sinn. 

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