Alltagsfragen in der Coronakrise Was ist verzichtbar - und was hat wirklich Bedeutung?

Die Pandemie führt uns vor Augen, dass unsere Lebenswelt vergänglich ist. Das erschüttert unser Urvertrauen - aber es kann uns auch zeigen, was wirklich wichtig ist, sagt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth. 
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Der Frühling ist da - mit einer Wucht, fast als ob die Natur uns provozieren wollte. Ihre Kraft steht jedenfalls in krassem Gegensatz zu den Einschränkungen, die uns zur Eindämmung der Corona-Pandemie auferlegt sind. Der Sommerurlaub steht infrage, Verwandtenbesuche fallen aus und das Angrillen mit Freunden bei schon sommerlichen Temperaturen ebenfalls. Cafés und Restaurants bleiben weiterhin geschlossen. Wer zu jenen gehört, die sich positives Denken auferlegen, könnte sagen: Immerhin dürfen wir uns an diesen Sonnentagen zu zweit oder als Familie auf einen Spaziergang begeben.  

Sich an der Schönheit der aufblühenden Natur zu erfreuen, will unter den Pandemie-Bedingungen aber nicht so recht gelingen. Störend mischt sich ein Gefühl der Sinnlosigkeit und der Vergeblichkeit ein. Uns wird schmerzlich die Vergänglichkeit bewusst, der sowohl die Schönheit der Natur als auch unser eigenes Leben und alles menschliche Tun unterliegen.  

Freud sah einen Sinn in der Vergänglichkeit

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sich 1916 - also während des Ersten Weltkriegs  – in seinem Essay "Vergänglichkeit" mit den möglichen Reaktionen auf dieses Phänomen beschäftigt. Entweder man empfindet schmerzlichen Weltüberdruss, Melancholie und Verzweiflung, oder man reagiert mit, wie Freud schrieb, "Auflehnung gegen die behauptete Tatsächlichkeit. Nein, es ist unmöglich, dass all diese Herrlichkeiten der Natur, der Kunst und Kultur wirklich in Nichts zergehen sollten. Es wäre zu unsinnig und zu frevelhaft, daran zu glauben. Sie müssen in irgendeiner Weise fortbestehen können, allen zerstörenden Einflüssen entrückt". 

Freud kritisierte beide Reaktionsmuster: "Ich konnte mich weder entschließen, die allgemeine Vergänglichkeit zu bestreiten, noch für das Schöne und Vollkommene eine Ausnahme zu erzwingen. Aber ich bestritt..., dass die Vergänglichkeit des Schönen eine Entwertung desselben mit sich bringe. Im Gegenteil, eine Wertsteigerung! Der Vergänglichkeitswert ist ein Seltenheitswert in der Zeit." 

Die Chance auf eine neue Gelassenheit

Menschen, die erfahren, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leiden und in absehbarer Zeit sterben werden, entwickeln nicht selten eine unerwartete Motivation, ihre noch verbleibende Lebenszeit in für sie sinnvoller und kreativer Weise zu nutzen. Während im Alltag häufig ein Tag vergeht wie der andere und man während des größten Teils der Woche hofft, das Wochenende möge bald kommen, erfährt für den todkranken Menschen die ihm verbleibende Zeit eine Wertsteigerung. Er regelt noch seinen Nachlass, führt Gespräche mit Menschen, die ihm wichtig sind, und klärt vielleicht sogar lange verschleppte Beziehungskonflikte.  

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Vielleicht macht dieser Mensch auch noch die Erfahrung, dass die familiären und freundschaftlichen Beziehungen, die er manches Mal vernachlässigt hat, ihm nun besonders wertvoll und bedeutsam sind. Damit geht ein Prozess der Trauer einher, bei dem man Abschied nimmt, gleichzeitig aber auch ein Stück Zukunftsgestaltung vornimmt, die sogar noch über den eigenen Tod hinaus wirksam ist. Die bewusste Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit ermöglicht idealerweise ein Abschiednehmen, das zwar auch von Traurigkeit, aber gleichwohl von Gelassenheit gekennzeichnet ist.   

Die Corona-Pandemie konfrontiert uns ebenfalls mit der Vergänglichkeit. Auch wenn wir für uns persönlich kaum Angst haben mögen, dass wir dem Virus wirklich zum Opfer fallen, erschüttern uns die Nachrichten von den ständig steigenden Opferzahlen. Unser Urvertrauen in die Welt, in die Verlässlichkeit, Stabilität, Planbarkeit unserer persönlichen Lebensumstände, aber auch die unserer Gesellschaft, ist fundamental erschüttert. Das alles erweist sich als fragil, verwundbar und vergänglich.  

An welchen Werten wollen wir uns in Zukunft orientieren?

Wir sollten es mit Freud halten und nun weder in Melancholie und Resignation versinken noch trotzig einfach so weitermachen und die grundsätzliche Chance, die in der Krise liegt, verpassen. Im Bewusstwerden dieser Vergänglichkeit kann nämlich eine Umwertung der Werte stattfinden. Was eben noch unverzichtbar erschien, ein zusätzliches Arbeitstreffen, ein wichtiges Fußballspiel, ein schnelles Bier in der Kneipe, hat seine frühere Bedeutung eingebüßt.

Andere Dinge erhalten hingegen eine neue Wertigkeit: Vielleicht entdecken wir, wie wichtig uns der Kontakt zu Kindern, Eltern und zum Partner eigentlich ist, eine Erfahrung, die wir im stressigen Alltag schon lange nicht mehr in dieser Intensität gemacht haben. Oder wir erleben, wie bei der Lektüre eines Romans unsere übliche Hektik von uns abfällt und einer leicht melancholischen Stimmung weicht, in der uns Vergänglichkeit auch emotional nahekommt. 

Manche prophezeien, einige fordern sogar, dass nach der Pandemie auch die Gesellschaft eine andere sein wird als vorher. Manche unserer gesellschaftlichen Ideale und Werte erweisen sich in dieser Krise als fragil, vergänglich, ja vielleicht auch als gut verzichtbar. Welche Werte das sein mögen, sei dahingestellt.  

Jedenfalls sollten wir die Chance nutzen, eine breite gesellschaftliche Diskussion zu führen, an welchen Werten sich die Gesellschaft nach der Überwindung der Coronakrise orientieren soll. Denn im Gegensatz zum Sterbenden, der endgültig Abschied nehmen muss, wird unsere Gesellschaft weiterleben - und wir können ihre Zukunft gestalten.