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Kollateralfragen Ich, der Schlunz

Wer nicht mehr an den Arbeitsplatz darf, muss umdenken. Tipps vom Psychoanalytiker, wie man es schafft, nicht in einen unstrukturierten Tagesablauf hineinzuschlittern.
Von Hans-Jürgen Wirth

Morgens zur Arbeit fahren, vielleicht vorher noch die Kinder in die Kita bringen oder eine Runde ins Fitnessstudio, so sah bisher der Alltag vieler Menschen aus. Unsere deutsche Normalität, seit Jahrzehnten. Doch die gibt es nicht mehr. Stattdessen zwingt uns die Corona-Pandemie dazu, eine neue Normalität in unserem Leben zu finden. Seit einigen Tagen ist Homeoffice für viele zum Alltag geworden. Wir sitzen zu Hause mit unseren Laptops und Smartphones und versuchen, uns auf die Aufgaben zu konzentrieren, die wir sonst an unserem Arbeitsplatz erledigt hätten. Waren es im Büro die Kolleginnen und Kollegen, die uns vom konzentrierten Arbeiten abgehalten haben, sind es zu Hause die Partnerin oder der Partner oder auch die Kinder. Oder auch: Man ist es selbst. 

Manche, die allein leben, können sich jetzt zu Hause besser konzentrieren, weil sie nicht laufend abgelenkt oder unterbrochen werden. Anderen mag es im Homeoffice schwerer fallen, bei der Sache zu bleiben, weil die sanfte soziale Kontrolle wegfällt, die einen daran hindert, alle paar Minuten in die Küche zu gehen, um etwas zu essen oder zu trinken, mit dem Handy zu spielen, oder aber zu putzen und aufzuräumen - bevor man dann richtig anfängt zu arbeiten. 

Die Prokrastination, eine Tendenz, den Beginn der konzentrierten Beschäftigung mit einer Arbeit laufend vor sich her zu schieben, kennen manche noch aus ihrem Studium – hatten aber diese Aufschieberitis im Arbeitsleben, gezwungenermaßen, überwunden. Und nun ist sie wieder da in der Abgeschiedenheit des Homeoffice, diese Neigung, alles Lästige, Anstrengende auf später zu verschieben.  

Wer sowieso schon gestresst ist, kommt mit der neuen Situation zu Hause und mit der allgemeinen Verunsicherung vielleicht an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit. Wenn man sich eine Familie mit zwei Kindern vorstellt, kam es ja in der alten Normalität nur am Wochenende und in den Ferien zu der Situation, dass alle Familienmitglieder gleichzeitig zu Hause waren. In der neuen Normalität ist das Büro zu Hause eingezogen. Homeoffice bedeutet keineswegs Ferien und wird auch nicht so empfunden. Doch die Struktur, die der Büroalltag dem Leben gegeben hat, ist nicht mit eingezogen. Deshalb kann es leicht passieren, dass man in einen unstrukturierten Tagesablauf hineinschlittert. Speziell wenn man meint, sich fortlaufend über den neuesten Stand der Corona-Pandemie auf dem Laufenden halten zu müssen; dann zerfleddert der Tag, die Zeit verstreicht. Resultat: Man wird unzufrieden mit sich selbst, mit der eigenen Leistung, ist genervt von den anderen in der Familie, die nun stören. Und weil sie einem emotional näher stehen, ist man über sie noch mehr verärgert als in der alten Normalität über die lästigen Kollegen. 

Es ist klar: Man muss jetzt in eine neue Normalität finden. Man muss die Zeit im Homeoffice selbst strukturieren. Das ist anstrengender und anspruchsvoller, als wenn man sich am Arbeitsplatz befindet, weil dort die Erwartungen und Anforderungen von den Vorgesetzten an einen herangetragen werden, weil es um 12.30 Uhr zur gemeinsamen Mittagsrunde in die Kantine geht und nicht vorher schon siebzehnmal in die eigene Küche. Es ist deshalb notwendig, dass man jetzt für sich selbst und mit den anderen Familienmitgliedern Routinen entwickelt, die helfen, den Alltag zu strukturieren. Man sollte den Tag wie üblich beginnen, also nicht länger schlafen als sonst, und danach konzentriert mit der Arbeit starten. Falls Kinder zu betreuen sind, müssen sich die Eltern abwechseln. Dass man auch arbeitsfreie Phasen gezielt einplant, in denen man spielt, sich entspannt, miteinander kommuniziert, kocht und isst, ist gerade deshalb besonders wichtig, weil die sonstigen angenehmen sozialen Kontakte mit Freunden, die Kino- oder Restaurantbesuche etc. nicht mehr möglich sind. 

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Es ist wichtig, dass man über diese ungewohnte Nähe und Gemeinsamkeit zu Hause miteinander spricht und diese Situation explizit zum Thema macht: Alle Familienmitglieder sollen formulieren dürfen, wie sie sich fühlen und welche Vorstellung sie davon haben, wie man die gemeinsame Zeit in den nächsten Wochen miteinander verbringen sollte. Es kann auch eine neue und gute Erfahrung sein, dass man in dieser Weise das Familienleben, das sich bisher so eingeschliffen hatte, aber nicht konzipiert war, nun mal bewusst strukturiert. 

Sozialpsychologisch betrachtet zeichnet sich das Familienleben ja gerade dadurch aus, dass es im Vergleich zum Arbeitsleben oder zum Sich-Bewegen in der Öffentlichkeit informell organisiert ist. Das macht eine Schwierigkeit dieser neuen Situation aus, dass nun gleichzeitig und am selben Ort, nämlich zu Hause, zwei verschiedene Verhaltensmuster unter einen Hut gebracht werden müssen. 

Die Schriftstellerin J.K. Rowling hat anfangs "Harry Potter" im Café geschrieben. Viele, die kreativ arbeiten, haben das getan, sie haben sich von der Atmosphäre im Café anregen lassen – und sich gleichzeitig ganz auf die Arbeit konzentriert. Es ist gerade der Kontrast zwischen der leichten, aber unaufdringlichen Beschwingtheit des Cafés, die einen in eine gute Grundstimmung versetzt, welche wiederum ermöglicht, sich beschwingt in den kreativen Prozess zu vertiefen.  

Wenn man sich also das Homeoffice als eine Art Café vorstellt, dann könnte man das sanfte Gewusel in der Wohnung positiv umdeuten – vorausgesetzt, die Privatheit des Cafétischs wird von den anderen respektiert. Kleineren Kindern ist das nicht zu vermitteln, da bleibt nur die abwechselnde Betreuung. Älteren Kinder aber schon, für eine definierte Zeit jedenfalls. 

Darüber hinaus könnte diese Arbeitsweise auch ein Modell dafür sein, wie die Kinder sich ihren eigenen Aufgaben widmen. Es sind alle in einem Zimmer, zumindest in einer Wohnung, und jeder beschäftigt sich konzentriert mit sich selbst und der Arbeit, die man gerade vor sich hat. Man erlebt die Anwesenheit und konzentrierte Ruhe der anderen als angenehmen Hintergrund, der einen motiviert, sich selbst ebenfalls ruhig und konzentriert seinen Aufgaben zu widmen. Die von Corona erzwungene Heimarbeit gibt genug Gelegenheit, dieses neue Verhalten einzuüben.

Und das wäre eine neue Normalität, die man gut auch in der Zeit nach der Pandemie weiterleben könnte.