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Mittelschicht in der Coronakrise Heult leise!

Das Coronavirus trifft viele Menschen hart, doch es jammern vor allem die, die eigentlich wenig Grund dazu haben. Eine Beschwerde über die neue Homeoffice-Elite.
Von Jochen-Martin Gutsch

Vor ein paar Tagen sprach ich am Telefon mit einem Freund, der allein lebt und gerade im Homeoffice arbeitet. "Wie geht's dir?", fragte ich.

"Ganz okay", sagte der Freund. Aber die Einsamkeit gehe ihm auf die Nerven. Die Kontaktarmut. Er fühle sich zurzeit wie eingesperrt. Wie im Gefängnis.

Ich habe ihm dann Mut zugesprochen, Trost. Aber wenn ich ehrlich sein soll, dachte ich auch: Gefängnis, echt? Dein Gehalt läuft weiter, obwohl du coronabedingt gerade weniger arbeitest. Du sitzt in einer sehr komfortablen Wohnung, du hast viel Tagesfreizeit und keinerlei existenzielle Sorgen. Gut, die Langeweile. Aber du fühlst dich, nach zwei Wochen Ausgangsbeschränkung: wie im Gefängnis?

Anscheinend verlieren wir in der Krise gerade ein bisschen die Relation. Das Gefühl für das eigene, sehr privilegierte Leben. "Wir" - das sind all die fest angestellten, gut abgesicherten, deutschen Mittelschichtmenschen. Eine Art neue Homeoffice-Elite, zu der auch viele Journalisten gehören und der es gerade an wenig bis gar nichts fehlt, außer dass wir zu Hause sitzen müssen. In unserem warmen Homeoffice, von dem wir vor Corona gern geträumt haben. "Ich arbeite freitags im Homeoffice" - das war eben noch ein Satz von großer Schönheit. Jetzt jammern wir gern.

Ich meine auch mich selbst. Zurzeit bin ich oft auf dem Land und schreibe in einem kleinen, alten Haus. Vor ein paar Tagen habe ich dort schnell noch Internet installieren lassen, weil meine große Corona-Sorge war: Ohne Internet, ohne Netflix, das wird echt hart, jetzt in der Krise. Es ging also: um absolut nichts. Außer der lächerlichen Angst vor mangelnder Zerstreuung. Davor, mal zwei, drei oder vier Wochen ein wenig auf mich selbst zurückgeworfen zu sein.

Krise in der Wohlstandsvariante

Soweit wir nicht in "systemrelevanten" Berufen arbeiten, wird von uns in dieser "größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg", wie es die Kanzlerin nannte, gerade recht wenig verlangt. Zu Hause bleiben. Hände waschen. Kein Klopapier hamstern. Die Kinder im Zaum halten. Nicht durchdrehen. Machbar, oder?

Klar, mit den Kindern ist es gerade schwierig. Tägliches Homeoffice plus Ersatzkita/Ersatzschule in einer Wohnung, das ist Stress. Trotzdem möchte ich manchmal sagen: Bitte nicht jammern oder beschweren. Heult leise.

Jammern dürfen gerade, in nicht vollständiger Aufzählung: Restaurantbesitzer ohne Gäste. Friseure ohne Kunden. Kleinkünstler ohne Auftritte. Soziale Hilfsprojekte ohne Helfer. Ladenbesitzer, die nicht wissen: "Wie zahle ich die nächste Miete?" Krankenschwestern, Krankenpfleger, Ärzte im Dauerstress. Verkäuferinnen im Supermarkt, täglich virenumweht. Menschen in existenziellen Nöten.

Für uns andere gilt: Einfach mal Klappe halten. Corona-Beschwerdepause. 

Was man in diesen Wochen merkt: Wir leben in einem Land ohne jüngere echte Krisenerfahrung. Ostdeutschland ausgenommen. Wir sind gewohnt, dass unser Leben frei von großen gesellschaftlichen Erschütterungen verläuft. Katastrophen kennen wir nur aus Filmen. Oder Fernsehserien. Dann schauen wir "Chernobyl" oder "Narcos" und denken: Krass, was die Menschen da alles durchmachen müssen. Wie halten die das nur aus? Und schenken schnell noch etwas Rotwein nach und freuen uns wohlig-schaudernd auf die nächste Folge.

Jetzt ist hier eine Krise bei uns angekommen - für uns natürlich nur in der Wohlstandsvariante mit guten Krankenhäusern, guter Wirtschaftslage und gutem Sozialsystem -, und wir haben sofort Angst, dass der Klopapiernachschub zusammenbricht, oder verzweifeln an der existenziellen Frage: Was machen wir jetzt nur mit den Kindern zu Hause? Brettspiele? Und wie strukturiere ich bloß meine Arbeit im Homeoffice?

Tja. Um diese Krisenprobleme beneidet uns vermutlich gerade die halbe Welt.

Frische Luft, nach einem aufreibenden Homeoffice-Tag

Ironischerweise war ja der Traum vom reduzierten Leben zuletzt in Deutschland sehr en vogue. Vor allem bei uns, die wir schon fast alles hatten. Weniger Konsum! Fasten! Entschleunigen! Weniger fliegen! Urlaub zu Hause! Mehr Zeit für Familie und Kinder! Jetzt wird all das plötzlich Realität, und wir merken: Was für ein anstrengender Scheiß.

Also hören wir nun, zur Beruhigung und Stärkung der Moral, den neuen Durchhalte-Song der Ärzte. Oder wir schauen schnell noch ein ZDF-Spezial. Oder wir stehen abends auf dem Balkon und applaudieren unseren tapferen Krankenhauskräften und Verkäuferinnen und Lkw-Fahrern, denn das fühlt sich so wohlig-solidarisch an, und wir müssen natürlich auch mal an die frische Luft nach unserem aufreibendem Homeoffice-Tag. Wir Helden.

Vor ein paar Tagen traf ich dann meine Eltern. Sie machen gerade keine leichte Zeit durch. Meine Mutter muss demnächst wohl ins Krankenhaus, wegen eines Tumors. Sie ist 83 Jahre alt und gehört damit zur Corona-Risikogruppe. Zwei Wochen müsste sie im Krankenhaus bleiben, ohne Besuch. Vor allem für meinen Vater, 86, ist das schwer. Und natürlich haben sie beide Schiss. Ich sehe es ihnen an. Aber sie beschweren sich nicht über die Lage. Kein Wort. Meine Mutter sagt nur: "Ach Junge, andere Leute haben jetzt auch Probleme."

Und das ist krisenmäßig, haltungsmäßig, der verdammt noch mal beste Satz, den ich seit Langem gehört habe.

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