Auf Abstand: Die Coronakrise lehrt uns Geduld
Auf Abstand: Die Coronakrise lehrt uns Geduld
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NACHO DOCE/ REUTERS

Kollateralfragen in der Coronakrise Warum ist Geduld so eine unterschätzte Tugend?

Die Corona-Pandemie zwingt uns zur Entschleunigung. Das ist die Chance, eine vergessene Fähigkeit zu aktivieren, sagt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth: die Langmut.

Schnell, schneller, noch schneller: Vom Jenaer Soziologen Hartmut Rosa stammt die Diagnose, dass wir im Zeitalter der Beschleunigung leben. Die Digitalisierung hat die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass alle gesellschaftlichen Prozesse immer schneller ablaufen, dass sich der soziale Wandel in immer größerer Geschwindigkeit vollzieht und dass auch unser Lebenstempo enorm an Fahrt aufgenommen hat.

Wir versuchen durch Verdichtung und Verkürzung immer mehr Aktivitäten in immer kürzere Zeiteinheiten zu pressen. Fast Food, Speed-Dating, Power-Nap oder Multi-Tasking sollen Zeit einsparen. Doch statt dadurch mehr an frei verfügbarer Zeit zu haben, hetzen wir atemlos und letztlich unzufrieden von Termin zu Termin. Denn dem Imperativ der Beschleunigung ist die Steigerung inhärent. Die Konsequenz: Das Optimum ist nie erreichbar. Es bleiben immer unendliche viele Lebenschancen ungenutzt.

Von der Fähigkeit des Kriegers, auf die günstige Gelegenheit zu warten

Bei diesem hohen Lebenstempo bleibt jedoch eine psychische Eigenschaft auf der Strecke, die mal als Tugend hoch geachtet war: die Geduld. Die Corona-Zwangs-Entschleunigung erlegt uns jedoch auf, dass wir uns wieder darin üben, wahrscheinlich noch für längere Zeit. Bundeskanzlerin Angela Merkel bat die Deutschen vor Kurzem um Geduld, ebenso der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, er sagte im SPIEGEL: "Ich würde meine Enkel auch so gern mal wiedersehen. Aber ich kann nur um Geduld bitten."

Das Wort Geduld geht auf zwei unterschiedliche Ursprünge zurück: Früher sagte man zu Geduld auch Langmut. Dies meint die Fähigkeit des Jägers und Kriegers, seinen Mut, seine Tatkraft, sein Jagdfieber oder auch seine Angriffslust so lange im Zaum zu halten, bis die günstige Gelegenheit zum Angriff gekommen ist. Geduld in diesem Sinne ist also die Fähigkeit, die eigenen aggressiven Affekte im Zaum zu halten - insbesondere Zorn, Hass, Rachewunsch, Angriffslust, Wagemut und Empörung.

Die andere Bedeutung von Geduld geht auf erdulden zurück. Sie bezeichnet die Fähigkeit, zu warten oder etwas zu ertragen. Geduldig ist, wer frustrierende Situationen, Krankheiten, körperliches oder seelisches Leiden, ambivalente Gefühle oder unauflösbare Beziehungskonflikte mit Gelassenheit, Gemütsruhe und unerschütterlichem Gleichmut aushalten und ertragen kann.

Die Nervosität entlädt sich nach innen oder außen

In der Corona-Pandemie wird die Fähigkeit zur Geduld auf eine harte Probe gestellt. Dies gilt nicht nur für diejenigen, die in häuslicher Quarantäne, im Pflegeheim oder im Krankenhaus von elementaren sozialen Kontakten abgeschnitten sind, sondern auch für diejenigen, die im Homeoffice arbeiten oder in systemrelevanten Berufen, an der Kasse im Supermarkt zum Beispiel.

Wir alle sind durch die geschlossenen Läden und das Versammlungsverbot in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und fühlen uns unserer fundamentalen Freiheitsrechte beraubt. Dies führt fast automatisch zu Gemütszuständen der Ungeduld, der Gereiztheit und der Nervosität, die sich dann entweder in Form der Verzweiflung aggressiv nach innen oder als Entrüstung und Empörung aggressiv nach außen richten können.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Die erzwungene Entschleunigung als Chance

Drei Reaktionsmuster stechen hervor: Diejenigen, denen die Beschleunigung aller Prozesse Lebenselixier ist, leiden zwar auch unter den Einschränkungen ihrer äußeren Bewegungsfreiheit, können aber ihre ohnehin vorhandene Betriebsamkeit im Internet noch weiter steigern. Sie antworten auf die Zumutungen der Coronakrise mit einer zusätzlichen Beschleunigung ihrer Aktivitäten. Nur kein Innehalten, keine Verunsicherung, keine Angst zulassen.

Diejenigen, die sich den Anforderungen der Beschleunigungsgesellschaft nicht gewachsen fühlen, ziehen sich entweder resigniert in die Isolation ihrer häuslichen Quarantäne zurück oder suchen und finden im staatlich verordneten Kontaktverbot ein neues Objekt für ihre Dauerempörung. Sie spielen die gesundheitliche Gefahr der Pandemie herunter oder verleugnen sie gar. Sie sehen die eigentliche Bedrohung in der Expertenmacht der Virologen und den Zwangsmaßnahmen des Staates.

Und schließlich diejenigen, die sich mit Geduld und Gelassenheit auf die Ausnahmesituation einstellen. Die erzwungene Entschleunigung kann als Chance genutzt werden, die Fähigkeit des geduldigen Ertragens zu entwickeln. Sich in Geduld zu üben, könnte im Idealfall sogar heißen, innezuhalten und sich auf die Aspekte des Lebens zu besinnen, die sonst vernachlässigt werden, wie lesen, malen, musizieren, schreiben. All diese Fähigkeiten kann man nämlich nur entwickeln, wenn man über Zeit und Muße verfügt und auch sich selbst gegenüber geduldig ist.

Und auch auf kollektiver Ebene könnte ein Nachdenken einsetzen über die Frage: Ist es wirklich so erstrebenswert, unsere gesellschaftlichen Ziele so einseitig auszurichten an den Maximen der Beschleunigung, des Wirtschafts- und Wohlstandswachstums und der technologischen Verfügbarmachung der Welt?