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Kollateralfragen im Corona-Alltag Warum wir jetzt über die Zeit danach sprechen sollten

Während die einen den Lockdown als Chance sehen, hängen die anderen schon durch. Der Psychiater Jan Kalbitzer erklärt, warum es wichtig ist, die Krise vom Ende her zu denken.
Von Jan Kalbitzer

Es ist erfreulich zu sehen, wie schnell in der Krise Hilfsangebote für Ältere und chronisch Kranke entstanden sind. Wie viele Menschen Optimismus verbreiten, welche Chancen darin liegen können, dass wir jetzt mehr auf uns selbst und unsere Kernfamilie zurückgeworfen sind. Es ist aber illusorisch zu glauben, dass uns diese Stimmung auf Dauer über die Krise trägt.

Was wir jetzt in Deutschland sehen, ist wahrscheinlich nur der Beginn der schwerwiegendsten Probleme, die die meisten Menschen der deutschen Nachkriegsgenerationen je erlebt haben. Das direkt durch Covid-19 verursachte Leid wird nur ein kleiner Teil davon sein. Die ökonomischen Folgen und die massiven Einschränkungen des Alltags, wie wir sie gerade erleben, werden die Struktur der Gesellschaft und das Leben jedes Einzelnen nachhaltig und schwerwiegend verändern. In welche Richtung die Entwicklung geht, hängt davon ab, ob wir die Kraft haben, durchzuhalten und die Chancen der Krise gestalterisch zu nutzen. Oder ob uns die Kraft ausgeht, wir resignieren und nur noch stumpfsinnig und genervt auf das Ende der Maßnahmen warten.

Um in so einer Krise durchzuhalten, braucht es klare Ziele für die Zeit danach

Die Achillesferse unserer Gesellschaft liegt in der Wohlstandsverwöhntheit, der blinden Bedürfnisbefriedigung, der kurzen Aufmerksamkeitsspanne für politische Themen, dem Wunsch nach immer neuer Erregung. Und einer häufig lausigen Frustrationstoleranz, der Unfähigkeit soziales Engagement auch dann noch fortzusetzen, wenn die große öffentliche Aufmerksamkeit abgeklungen ist. 

Um die vor uns liegende Herausforderung meistern zu können, müssen wir uns zunächst einmal der harten Wahrheit stellen, dass wir wahrscheinlich nicht über die besten Voraussetzungen verfügen, um mit dieser Krise, deren Ende und Folgen nicht richtig abzusehen sind, gut umzugehen. Falscher Optimismus macht den Aufprall nur härter und die anschließende Frustphase schlimmer.

Natürlich können Sie jetzt auch den liegen gebliebenen Papierkram sortieren, für den Sie jetzt mehr Zeit haben. Doch es führt kein Weg umhin, sich jetzt einzugestehen, dass vor uns eine brutal harte Zeit liegt, die nicht nach Ostern, nicht im Sommer und wahrscheinlich auch nicht im Herbst vorbei sein wird. Nach diesem Eingeständnis wird es nötig sein, sich mit den Menschen, die einem wirklich wichtig sind, zusammenzusetzen und zu überlegen, was die Werte sind, an denen sich unser Leben orientiert. 

Was sind jenseits der aktuellen Pandemie Ihre persönlichen und politischen Ziele? Welches Engagement wollen Sie jetzt beginnen und auch nach der Zeit des Lockdowns noch fortsetzen? Wer gehört zu dem Kreis derer, dem Sie vertrauen und mit denen Sie sich austauschen, wenn es Ihnen jetzt nicht gut geht? Wie wollen Sie diese Beziehungen auch langfristig gestalten, wenn Sie nicht mehr so notwendig darauf angewiesen sind? 

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Trainieren Sie in der Krise jeden Tag, ein "Social Prepper" zu werden

Wir werden nicht in ein paar Monaten blinzelnd in eine Welt taumeln, die die Türen und Fensterläden aufschlägt und wieder so ist wie vorher. Beginnen Sie lieber schon jetzt an Projekten mitzuarbeiten, die sich dann entfalten können.

Vielleicht sind Sie nach der Krise häufiger auf eine Tasse Tee in der Buchhandlung, die Sie zusammen mit Ihren Nachbarinnen und Nachbarn gerettet haben. Vielleicht haben Sie es zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern geschafft, eine Familie durch digitale Angebote zu unterstützen, die mit weniger Sicherheiten und mehr räumlicher Enge durch diese Krise kommen musste. Möglicherweise setzen Sie sich mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen und strukturieren Ihre Arbeit so um, dass Sie auch in Zukunft mehr Zeit mit der Familie haben.

Die wichtigste Lektion der jetzigen Zeit des Verzichts wird aber darin liegen, ein Bewusstsein für die enormen Freiheiten zu entwickeln, die viele von uns bisher sehr selbstverständlich in Anspruch genommen haben. Und im Rahmen dieser Freiheit die Bedeutung des Handelns Einzelner für die Gemeinschaft zu begreifen. Jede einzelne Ansteckung, die wir verhindern, ist jetzt wichtig. Genauso ist es auch jede vermiedene Fahrt mit dem Auto, jede Verpackung - aber auch jeder unnötige Streit mit Menschen, auf die Sie in harten Zeiten angewiesen sind. 

Es steht Ihnen frei, die Zeit des Lockdowns einfach nur durchstehen zu wollen. Serien zu schauen, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, viel zu lesen.

Sie könnten sich aber auch das Ziel setzen, ein "Social Prepper" zu werden: Fähigkeiten zu üben, die Sie in der nahen Zukunft wahrscheinlich noch mehr brauchen werden. Machen Sie sich jetzt jeden Tag wieder bewusst, dass Menschenleben nicht durch schrille Meinungen gerettet werden, sondern durch ein fundiertes Wissen, das sich selbst immer wieder hinterfragt. Verinnerlichen Sie, wie ansteckend vernünftiges Handeln sein kann.

Und wenn Sie dann noch Kraft haben, dann atmen Sie jeden Abend vor dem Essen einmal tief durch, bedanken Sie sich für die guten Dinge, die Ihnen an diesem Tag passiert sind - und trainieren Sie damit die größte aller Tugenden: Demut.