Juno Vai

Alter! – Die Midlife-Kolumne Was ich wieder neu lernen muss, wenn das hier vorbei ist

Völlig überraschend habe ich einen Impftermin bekommen. Und plötzlich schaue ich wieder nach vorn. Es wird Zeit, sich wieder ein bisschen Normalität zurückzuerobern.
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Yaroslav Danylchenko / Stocksy United

Neulich bin ich mit dem Auto Richtung Süden gefahren. Nicht nach Rom oder Athen, sondern nach Winsen an der Luhe – was ja heutzutage fast einer Reise nach Mallorca gleichkommt. Ich rollte mit 80 Stundenkilometern ausgekuppelt durch den Elbtunnel, als mich plötzlich Angst überkam. Ich hatte einen Geschwindigkeitsrausch, einen unguten.

Die Wände rasten an mir vorbei, überall waren grelle Lichter und Bewegung. Ich fühlte mich wie Jurij Gagarin, der vollgepumpt mit Amphetaminen ins All geschleudert wird.

Kein Wunder, dachte ich, mein Gehirn verkümmert angesichts der totalen Reizarmut, der ich seit einem Jahr in Corona-Isolation unterworfen bin. Sensorische Deprivation – war das nicht auch eine Foltermethode? Ich erinnerte mich an diese irren Wellnessfreaks, die sich freiwillig in Floating-Tanks einsperren lassen.

Was macht diese andauernde Reizarmut eigentlich mit uns?, fragte ich mich und rief den Lübecker Neuropsychologen Erich Kasten an. »Ich habe Patienten mit Angsterkrankungen, die aus Furcht vor einer Covid-19-Infektion ihre Wohnung seit einem Jahr nicht verlassen haben«, sagte Kasten. »Das ist dramatisch, denn je seltener wir etwas tun, desto größer wird die Angst davor.« Diese Menschen entwickelten zu den bestehenden noch neue, pandemiebedingte Ängste, was die Therapie oft um Monate zurückwerfe.

Ich überlegte: Weil ich zuletzt so selten Auto gefahren bin, hat sich also meine ursprüngliche Freude an Geschwindigkeit in Angst gewandelt? »So ungefähr«, sagt Professor Kasten. »Unser Angstzentrum im Hirn, die Amygdala, ist ein recht primitives, nicht besonders kluges Ding, das bei allem, was neu ist, erst mal Alarm schlägt, weil es gefährlich sein könnte.« Die Coronakrise habe neue Bedrohungsszenarien geschaffen: »Wir werden alle nach der Pandemie sehr viel Zeit brauchen, um unsere Angst vor ganz normalen Dingen wieder loszuwerden.«

Gefangen im Nichts

Primitiv ist ein gutes Stichwort. Weil ich meine Bedürfnisse in der Pandemie immer weiter runtergefahren habe, fühle ich mich seit einiger Zeit so nackt, als habe jemand mein Fleisch bis auf die Knochen abgenagt. Und nichts an diesem Zustand ist inspirierend oder lehrreich. Während im Außen große Reden geschwungen werden, welch revolutionäre Umschwünge die Coronakrise bringen werde, eine neue Solidarität, den Wandel von Konsum zu bewusstem Verzicht, von Gier zu Verantwortlichkeit, hat sich in meinem kleinen Leben ein diffuses Grau breitgemacht.

Ein Nichts, ein nihil privativum, die Abwesenheit von vielem. Leider bin ich weder Buddhistin noch Sartre-Anhängerin, ich kann die Freiheit im und durch das Nichts zwar als Idee nachvollziehen, aber nicht spüren. Schlimmer noch: Neuerdings falle ich zurück in eskapistische Erstarrung, wünsche mir nur noch, alles möge bitte genauso sein wie früher. Shoppen, Reisen, Partys – the lush life.

Und während ich diesem Gedanken nachhänge, erfahre ich durch Zufall, dass Menschen mit der Lungenerkrankung COPD zur Impfgruppe 2 gehören und sich zur Impfung anmelden können. Ich habe COPD und andere chronische Erkrankungen, war aber aus irgendeinem Grund fest davon überzeugt, zu Gruppe 3 zu gehören. Ich lasse mir also ein Attest ausstellen, mache einen Impftermin und werde von unbeschreiblicher Euphorie gepackt. Ich fühle mich – Achtung, flache Merkel-Metapher – ans Ende des Elbtunnels gebeamt. Endlich Licht.

Ich fange zögerlich an, Zukunftspläne zu machen, mich von der bleiernen Gegenwart zu befreien, die anfängt, Vergangenheit zu werden. Hat mich die Pandemie etwas gelehrt? Dass ich ganz schön was einstecken kann, vielleicht. Dass ich geduldiger bin als gedacht. Es gab auch überraschende Momente: Gesellschaften sind weltweit in der Lage, ihr soziales und wirtschaftliches Leben auszuknipsen wie eine Nachttischlampe. Das war für mich so unvorstellbar wie früher der Fall der Mauer.

Auch, dass die Proteste gegen Coronarestriktionen und massive Eingriffe in die Bürger- und Grundrechte vergleichsweise gering ausfielen, hat mich erstaunt. Das zeige, wie obrigkeitshörig die Deutschen noch immer seien, sagen viele. Möglich. Aber es zeigt auch, dass Ideale der Aufklärung verinnerlicht wurden, dass in Krisenzeiten der pragmatische Menschenverstand abwägt zwischen Schaden und Nutzen – und Konsequenzen zieht.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Ansonsten hat die Pandemie eine Homogenisierung vorangetrieben, die durch Globalisierung und Digitalisierung längst vorbereitet war – zumindest in meiner Welt: Wenn alle auf dieselben Grundbedürfnisse reduziert sind, vor den ewig gleichen Ikea-Möbeln bei Zoom-Konferenzen in die Kamera blinzeln und über dieselben Dinge klagen, dann tritt das Individuum in den Hintergrund.

Die Coronakrise ist eine große Gleichmacherin. Das hat auch sein Gutes. Schein und Sein werden fluide, wenn wir digitale Einblicke in unser Heim und unsere Probleme geben, wenn Privates öffentlich wird. Wir verstehen, dass der Chef, der Politiker oder der Hollywoodstar uns gar nicht so unähnlich sind. Diese Erkenntnis könnte sich perpetuieren in einem neuen Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl.

Wenn aber Poesie, Theater und Kunst aus dem öffentlichen Raum verschwinden, bleiben Extravaganz, Spontanität und Anarchie auf der Strecke. Fantasie nährt sich nicht aus sich selbst. Sie ist kein Selbstgänger, sie will angeregt werden. Wir sind also abhängig von äußeren Reizen, totale Autarkie ist eine Schimäre.

Ich habe also in der Pandemie einiges gelernt, aber noch mehr verlernt. Jetzt ist es Zeit, das Abtrainierte wiederzubeleben und sich ein bisschen Normalität zurückzuerobern. Brauche ich dafür Geimpften-Privilegien? Sicher nicht. Mir reicht die mögliche Abwesenheit von Angst.

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