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Kollateralfragen zur Coronakrise Würde es helfen, jetzt Optimist zu werden?

Es wäre naiv, sich in einer so tiefen Krise die Welt rosa zu pinseln. Wie man die richtige Balance zwischen Optimismus und Pessimismus hinbekommt, erklärt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth.

"Sehen Sie den kommenden 12 Monaten mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?" Was würden Sie antworten, wenn jemand Ihnen diese Frage heute stellen würde? Und können Sie sich noch vorstellen, was Sie im Januar darauf geantwortet hätten?

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat genau diese Frage gestellt. Im Januar sahen 49 Prozent mit Hoffnung ins Jahr, 17 Prozent mit Befürchtungen. Im März wiederholte das Institut die Umfrage. Ergebnis: 30 Prozent waren optimistisch, 35 Prozent pessimistisch.

Die Corona-Pandemie drückt, wenig überraschend, auf die Stimmung im Land. Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland waren die Deutschen noch nie so pessimistisch. Warum aber blickt immerhin ein Drittel trotzdem noch hoffnungsvoll in die Zukunft?

Wie man Krisen durchsteht, ist abhängig davon, wie man diese erlebt und bewertet. Optimismus ist eine grundsätzliche Lebenseinstellung, sie führt zu höherer Zufriedenheit, zu besserer Stressbewältigung, Optimisten sind sozial anpassungsfähiger als Pessimisten. Optimisten verlieren auch dann den Mut nicht, wenn sich die  Lebensumstände verdüstern. Wäre es also hilfreich, wenn wir in der Corona-Pandemie alle zu Optimisten würden?

Das führt natürlich zu der immer diskutierten und nie ganz zu klärenden Frage, ob man das überhaupt kann. Ist Optimismus eine fixe Persönlichkeitseigenschaft, entsteht er aus der Situation, oder ist er eine Einstellung, die man auch verändern kann? Klar ist: Unter günstigen Bedingungen groß zu werden, in einer Familie aufzuwachsen, in der man sich geborgen fühlte, gefördert und ermuntert wurde - das vermittelt erst einmal Selbstvertrauen. Wer das Glück einer solchen Kindheit hat, der entwickelt eher eine optimistische Lebenseinstellung, der hat eher den Mut zu handeln, Kontakt zu anderen Menschen zu suchen und Probleme anzupacken.

Der Grad des Optimismus – oder des Pessimismus – bestimmt, mit welcher Einstellung wir auf andere zugehen: Halten wir die anderen erstmal für gut oder für böse? Der Philosoph Thomas Hobbes sprach vom Menschen als des Menschen Wolf, und es liegt in der Einstellung des Betrachters, ob Hobbes ein Misantroph war oder ein Realist. Allen psychologischen, soziologischen Theorien, der Philosophie und allen Weltanschauungen liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde, in das optimistisch oder pessimistisch getönte Wertungen einfließen.

Man braucht beides, Hoffnung und Befürchtung

Optimismus ist aber auch situativ bedingt, das zeigt die Allensbach-Umfrage. Natürlich drückt die Corona-Katastrophe auf die Stimmung. Und zu glauben, dass Optimismus immer besser sei als Pessimismus, wäre sowieso zu kurz gesprungen. Sich in einer so tiefen Krise die Welt rosa zu pinseln, ist naiv und führt zur Unterschätzung von Gefahren. Weder sollte man niedergeschlagen zu Hause sitzen und sich schon sicher sein, irgendwann eine schlimme Corona-Infektion zu durchleiden, noch sollte man darauf vertrauen, dass das persönliche Ansteckungsrisiko bei 30 oder 80 Infizierten auf 100.000 Menschen zu vernachlässigen sei.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Wie also kommt man durch die Krise? Man braucht beides, Hoffnung und Befürchtung. Es ist sinnvoll, bei der theoretischen Analyse einer bedrohlichen Situation eher etwas mehr Skepsis und Pessimismus walten zu lassen, damit man keine Gefahr übersieht oder verharmlost. Anschließend geht es darum, dem theoretischen Pessimismus mit praktischem Optimismus zu widersprechen. Nach dem altbewährten Motto: Du hast keine Chance, aber nutze sie.

Sowohl theoretischer Pessimismus als auch praktischer Optimismus dienen dazu, ein realistisches Bild der Situation zu gewinnen. Der theoretische Pessimismus leuchtet die äußere Gefahr, die uns widerfährt, bis in alle Winkel aus. Hier führen momentan die Virologen das Wort. Mit der Haltung des praktischen Optimismus kann es uns gelingen, die Realität auch aktiv zu gestalten. Erst beide Haltungen zusammen ergeben einen vollständigen Realismus. 

Mit einem solchen vollständigen Realismus sollten uns auch die Politiker begegnen. Die Kunst der Politiker besteht in dieser Krise darin, dass sie uns reinen Wein einschenken sollten, was die gesundheitlichen Gefahren, die wirtschaftlichen Bedrohungen und den zeitlichen Horizont der Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen anbelangt - und uns gleichzeitig durch ihr praktisches politisches Handeln vorleben, dass die Krise letztlich zu meistern ist. Wenn denn die Politik, aber auch jeder einzelne dazu seinen Beitrag leistet.

Wie die Allensbach-Umfrage zeigt, hat die Bevölkerung den Ernst der Lage verstanden. Der enorme Pessimismus ist eine angemessene emotionale Reaktion auf die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und psychologischen Gefahren und Belastungen, denen wir momentan ausgesetzt sind und die noch kommen werden. Die Gelassenheit und Ernsthaftigkeit, mit der die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit inzwischen akzeptiert werden, zeigen aber auch, dass die Menchen mehrheitlich bereit sind, die Spannung zwischen dem Pessimismus, den die medizinischen Analysen vermitteln, und dem praktischen Optimismus in der Waage zu halten.