Von den seelischen Folgen der Pandemie sind vor allem jüngere Menschen betroffen
Von den seelischen Folgen der Pandemie sind vor allem jüngere Menschen betroffen
Foto: Julio Calvo/ Millennium/ plainpicture

Umfrage zu den Folgen des Lockdowns Corona-Maßnahmen drücken aufs Lebensglück

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit? Der Soziologe Martin Schröder hat britische Daten ausgewertet, die zeigen: Vor allem der Lockdown hatte extreme Auswirkungen.

Ein Interview von Maren Keller

SPIEGEL: Herr Schröder, die Corona-Pandemie ist nicht nur eine Gefahr für die körperliche Gesundheit, sondern hat auch Auswirkungen auf die Psyche. Wie groß sind diese Auswirkungen?

Martin Schröder: Insgesamt kann man sagen, dass die Pandemie einen extremen Effekt hatte, den ich so nicht erwartet hätte.

SPIEGEL: Damit wir uns das besser vorstellen können - womit wäre das Ausmaß dieses Effekts vergleichbar?

Schröder: Stellen Sie sich vor, sie wären arbeitslos geworden. Das fühlt sich wahrscheinlich nicht gut an – und das ist kein Zufall. Denn arbeitslos zu werden, ist objektiv messbar einer der größten negativen Einflussfaktoren auf die Lebenszufriedenheit. Und insgesamt sehen wir bei der Pandemie einen genauso großen negativen Effekt. Vereinfacht ausgedrückt kann man also sagen, dass der persönliche psychologische Effekt der Pandemie genauso schlimm ist wie der Effekt von Arbeitslosigkeit. 

SPIEGEL: Woher wissen Sie das?

Schröder: In Deutschland gibt es das Sozio-oekonomische Panel. Das ist eine Befragung, die seit 1984 jährlich wiederholt wird und bei der immer dieselben Personen befragt werden. Deshalb ist das eine der aufschlussreichsten Datenquellen. In acht anderen Ländern gibt es ähnliche Befragungen, darunter England, das die "Understanding-Society"-Befragung macht. Aus der haben wir nun die ersten Daten zur psychischen Verfassung der Befragten während der Pandemie. 

SPIEGEL: Aber es gab doch schon vorher Untersuchungen und Umfragen, die teilweise sogar zu dem Schluss kamen, dass es den Menschen ganz gut geht.

Schröder: Es gab bislang vor allem viele Internetumfragen von einzelnen Professoren oder Instituten, bei deren Ergebnissen man verschiedene Effekte beachten muss. Bei einer Panel-Befragung, die jedes Jahr mit den gleichen Personen durchgeführt wird, habe ich die Möglichkeit, die Daten zu vergleichen. Ich sehe dann zum Beispiel, dass die Wahrscheinlichkeit für Schlafstörungen zugenommen hat. Normalerweise sagt einer von sechs Befragten in der britischen Studie von sich, dass er besondere Schwierigkeiten hat, einzuschlafen. Jetzt ist es einer von vier.

SPIEGEL: Ist das die stärkste Auswirkung?

Schröder: Nein, den größten Unterschied zu anderen Jahren sieht man in der Frage, ob Menschen unbeschwert ihren Alltagsaktivitäten nachgehen können. Der Anteil der Personen, die sagen, sie können ihre Alltagsaktivitäten nicht mehr genießen, ist auf 45 Prozent gestiegen. Das ist wirklich drastisch. Vor der Pandemie lag dieser Wert bei nur 17 Prozent. Gerade bei diesem Indikator wäre ich allerdings vorsichtig, direkt auf psychische Probleme zu schließen.

SPIEGEL: Warum?

Schröder: Die Befragung wurde vom 24. bis zum 30. April vorgenommen. Da war England in der Hochphase des Lockdowns. Da war es ja einfach nicht möglich, vielen Alltagsaktivitäten nachzugehen, einfach, weil diese erheblich eingeschränkt waren.   

SPIEGEL: Gibt es denn andere Indikatoren, die deutlicher auf psychische Probleme hinweisen?

Schröder: Ja, ziemlich besorgniserregende, zum Beispiel diesen: Manchmal fühlt man sich ziemlich nutzlos, das Gefühl hat ja fast jeder mal. Doch unter all jenen, die dieses Gefühl manchmal kennen, ist die Chance derselben Person, sich nutzlos zu fühlen, während der Pandemie 3,2-mal so hoch wie sie zuvor war. Die Chance derselben Person, besonders stark an Konzentrationsproblemen zu leiden, ist 2,4 mal so hoch wie vor der Pandemie, und die Chance, unzufrieden oder sogar depressiv zu sein, war in der Pandemie verdoppelt. Und es sind auch mehr Menschen, die das betrifft: Normalerweise geben ungefähr zwanzig Prozent der Bevölkerung an, dass sie sich gerade besonders depressiv fühlen. In der Pandemie sind es fast 30. 

SPIEGEL: Sind es vor allem die Risikogruppen, die betroffen sind?

Schröder: Nein. Und das ist wirklich erstaunlich. Besonders krass waren die Ergebnisse bei den Jungen. Die älteren Befragten und die klinisch durch Covid-19 besonders Gefährdeten waren sogar weniger betroffen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Schröder:  Da kommen wir in den Bereich der Interpretation. Es könnte damit zusammenhängen, wie sehr sich das Leben durch den Lockdown verändert hat. Die Auswirkungen haben die Jungen sicherlich mehr eingeschränkt als die Alten, von denen viele vielleicht ohnehin viel Zeit zu Hause verbringen, kein so aktives Sozialleben mehr haben und in ihrer Freizeit auch normalerweise lieber spazieren gehen als in Bars. Wenn diese Interpretation stimmt, würde das bedeuten, dass es vor allem die Maßnahmen gegen die Pandemie wären, die einen Einfluss auf die psychische Gesundheit hatten, statt die Gefahr durch Covid-19 selbst. 

SPIEGEL: Gab es noch mehr Ergebnisse, die sie überrascht haben?

Schröder: Es hieß ja häufiger, dass die Pandemie auch eine Schichtfrage sei und die Wohlhabenden in ihren großen Dachterrassen-Wohnungen viel leichter durch den Lockdown kommen. Das lässt sich aus den Daten aber nicht ablesen. Für die Auswirkungen auf die Psyche macht es offenbar keinen Unterschied, ob jemand arm oder reich ist. Genauso wenig macht es einen Unterschied, ob jemand schulpflichtige Kinder oder einen Partner hat. Die Zufriedenheit von Frauen ist jedoch etwas stärker gesunken als von Männern.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass man die Ergebnisse auf Deutschland übertragen kann?

Schröder: Ich gehe davon aus, dass die Situation insgesamt in Deutschland ähnlich ist. Ganz sicher wird man das erst sagen können, wenn das DIW die entsprechenden Daten für Deutschland veröffentlicht. Diese wurden bereits erhoben. Doch hier lässt man sich offenbar etwas mehr Zeit mit dem Prüfen als in England. Normalerweise liegen zwischen Erhebung und Veröffentlichung der Daten gut zwei Jahre. So lange dauert es normalerweise, die Daten zu checken und auszuwerten. Aber wegen der besonderen Umstände haben die Engländer sich entschlossen, die Daten jetzt schon herauszugeben. Diese Einschränkung gilt übrigens auch für meine eigene Arbeit: Würde ich ein Paper über diese Daten schreiben, würde das etwa zwei Monate dauern und bis zur Veröffentlichung inklusive Peer Review vergehen gut und gerne zwei Jahre. Jetzt habe ich in vier Tagen die Statistiken berechnet. Damit geht man natürlich immer das Risiko ein, dass ein Fehler unterläuft. Aber das ist es wert, denke ich, weil es nun einmal wichtig ist, dass wir so schnell so viel wie möglich etwas über diese Pandemie lernen, also verstehen, wie schlimm sie ist und ob sie bestimmte Personen besonders getroffen hat. Um jedoch gewissermaßen das Peer Review zu ersetzen, habe ich alle Ergebnisse nicht nur auf meinem Blog veröffentlicht, sondern dort auch den Code hinter der Berechnung offengelegt. Damit kann jeder mit dem entsprechenden Datensatz nachrechnen, wie ich zu den Ergebnissen gekommen bin und wo ich gegebenenfalls Fehler gemacht habe.