Weltweite Studie So sehr hat Corona Depressionen und Angststörungen verstärkt

Einer aktuellen Studie zufolge führte Corona weltweit zu mehr als 125 Millionen zusätzlichen Fällen von Depressionen und Angststörungen. Frauen und junge Menschen sind besonders betroffen.
Die am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder sind auch mit der größten psychischen Belastung konfrontiert

Die am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder sind auch mit der größten psychischen Belastung konfrontiert

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FG Trade / Getty Images/iStockphoto

Ein Forscherteam beziffert in einer aktuellen Studie das Ausmaß von psychischen Erkrankungen, die auf die Coronapandemie zurückzuführen sind. Demnach haben allein im ersten Jahr der Pandemie die Fälle von Depressionen und Panikattacken weltweit um mehr als ein Viertel zugenommen.

Der Studie zufolge erkrankten durch die Pandemie vergangenes Jahr weltweit 52 Millionen mehr Menschen an depressiven Störungen. Parallel kam es zu 76 Millionen zusätzlichen Fällen von Angststörungen, die es ohne die Pandemie nicht gegeben hätte. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift »The Lancet«  erschienen.

Für die Untersuchung analysierte das Team Daten aus unter anderem Nordamerika, Europa und Ostasien und erstellte ein Modell für das erwartete Auftreten von Depressionen und Angstzuständen. Den Ergebnissen zufolge waren die am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder auch mit der größten psychischen Belastung konfrontiert. Dabei bestand ein enger Zusammenhang zwischen hohen Covid-Fallzahlen, Einschränkungen wie Schulschließungen oder Lockdowns und erhöhten Raten von Depressionen und Angstzuständen.

Frauen besonders stark betroffen

Jüngere Menschen und Frauen sind der Studie zufolge unverhältnismäßig stark von der Zunahme der beiden psychischen Leiden betroffen. Die Pandemiemaßnahmen verschärften in den meisten Ländern bestehende gesundheitliche und soziale Ungleichheiten, interpretieren die Forschenden das Ergebnis. Die zusätzlichen Betreuungs- und Haushaltspflichten wurden demnach hauptsächlich von Frauen übernommen. Frauen seien in der Pandemie zudem weitaus häufiger Opfer häuslicher Gewalt geworden.

Schon vor der Pandemie litt ein enormer Anteil der Bevölkerung unter Depressionen und Angststörungen. Wäre die Pandemie nicht aufgetreten, hätten die Forschenden weltweit mit 193 Millionen Fällen von Depressionen gerechnet. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr 246 Millionen Fälle beobachtet. Bei den Angstzuständen sagten die Modelle 298 Millionen Fälle weltweit ohne Covid-19 voraus, während die tatsächliche Zahl der Fälle der Studie zufolge im vergangenen Jahr 374 Millionen erreichte. Der relative Anstieg der beiden Erkrankungen betrug demnach 28 beziehungsweise 26 Prozent.

Allerdings schränken die Forschenden selbst ein, dass die Situation in vielen ärmeren Ländern nur unzureichend erfasst ist und ihre Ergebnisse für diese Teile der Welt deshalb auf Schätzungen beruhen. Die Datenlage müsse verbessert werden, heißt es in der Studie.

Die Ergebnisse machten deutlich, dass die psychosozialen Dienste »dringend gestärkt werden müssen, um die wachsende Belastung durch schwere Depressionen und Angststörungen weltweit zu bewältigen«, sagte der Hauptautor der Untersuchung, Damian Santomauro, von der School of Public Health der University of Queensland in Australien.

Selbst in Deutschland dauert es in der Regel lange, bis Menschen therapeutische Hilfe finden. Schon vor Corona fehlten in Deutschland etwa 2400 psychotherapeutische Angebote. In der Coronakrise hat sich die Situation für Hilfesuchende noch mal verschärft, da psychotherapeutische Praxen zum Teil keine neuen Patientinnen und Patienten aufnahmen und Präsenztermine aussetzten. Gleichzeitig ist der Bedarf groß: Etwa jeder siebte Mensch in Deutschland hat eine Angststörung (mehr dazu lesen Sie hier ).

Auch Kinder und Jugendliche besonders gefährdet

Viele Forscherinnen und Forscher sehen zudem Kinder als durch die Pandemie besonders gefährdet an. Einer aktuellen Umfrage des Uno-Kinderhilfswerks Unicef zufolge fühlt sich jeder fünfte Mensch im Alter zwischen 15 und 24 Jahren häufig deprimiert oder hat wenig Interesse, etwas zu unternehmen. In Deutschland gab dies sogar einer von vier der befragten jungen Menschen (24 Prozent) an.

Unicef stellt dabei einen direkten Bezug zu den Auswirkungen der Pandemie her: »Nach den neuesten verfügbaren Daten von Unicef ist weltweit mindestens eines von sieben Kindern direkt von Lockdowns betroffen, während mehr als 1,6 Milliarden Kinder einen gewissen Bildungsverlust erlitten haben.« Die Unterbrechung von Routinen, Bildung und Erholung sowie Sorge um das Familieneinkommen und die Gesundheit hätten bei vielen jungen Menschen Angst, Wut und Sorge um ihre Zukunft zur Folge.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL (hier finden Sie das komplette Interview ) schildert auch der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen eine Zunahme an Depressionen und Suizidgedanken bei seinen jungen Patientinnen und Patienten. »Wir mussten unsere gesamte Arbeitsweise umstellen, um die vielen Notfälle versorgen zu können«, sagt er. Vielen Betroffenen mangele es an Hoffnung, Freude, Lebendigkeit und Antrieb. Warnzeichen seien, wenn sich Kinder in der Schule verschlechtern, nicht mehr in den Sportverein wollen, schlecht schlafen, weniger essen oder stark zunehmen.

irb/AFP
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