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Mehr Sensibilität wagen Wir sind verwundbar - und das ist auch gut so

Der Mensch ist verletzlich, das führt die Corona-Pandemie uns vor Augen. Doch diese Verwundbarkeit macht uns auch sensibel für das Leid anderer. Darin steckt eine Chance, sagt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth.

"Die Pandemie zeigt uns: Ja, wir sind verwundbar. Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht. Aber das war ein Irrtum."

Diese Sätze stammen von Bundespräsident Walter Steinmeier. Tatsächlich: Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass wir alle verletzlicher sind, als wir uns zuvor gefühlt hatten. Dabei ist die extreme Vulnerabilität eine anthropologische Tatsache, die uns Menschen auszeichnet. Sie bezieht sich sowohl auf den Körper als auch auf die Psyche und die sozialen Beziehungen, kulturellen Werke und gesellschaftlichen Organisationsformen. 

Betrachten wir zunächst die Vulnerabilität auf der körperlichen Ebene. Die Verwundbarkeit des menschlichen Körpers wird an der Nacktheit der Haut besonders sinnfällig. Während die nächsten genetischen Verwandten des Menschen, die Menschenaffen, ein Fell besitzen und die meisten anderen Tiere sich durch Schuppen, Hornpanzer, eine sehr dicke Haut oder ein Federkleid vor schädlichen Umwelteinflüssen schützen, ist die enorm empfindliche menschliche Haut den Einflüssen von Wind und Wetter, Hitze und Kälte und den Attacken von Feinden fast schutzlos ausgeliefert. Diesen enormen Nachteilen in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Natur müssen weit größere evolutionäre Vorteile gegenüberstehen. Die Evolutionsbiologen führen hier die zahlreichen Schweißdrüsen an, die auf der nackten Haut eine sehr effiziente Temperaturregulierung und damit eine hohe Dauerbelastung ermöglichen.

Aus psychologischer Sicht stellt die nackte, weiche, empfindliche, empfindsame und reizsensible Haut des Menschen ein Organ dar, das den kommunikativen, emotionalen und sinnlichen Austausch mit den Mitmenschen exponentiell steigert. Wie wir heute durch zahlreiche Untersuchungen wissen, hat der emotionale, spielerisch kommunikative und körperlich-zärtliche Austausch zwischen Eltern und ihrem Baby einen nachhaltigen und tief gehenden Einfluss auf die psychische, kognitive und körperliche Entwicklung des Kleinkindes. Er befördert die seelische Reifung und das Gehirnwachstum. Aber die Sensibilität der nackten Haut stellt nicht nur in der Kleinkindphase eine enorme Steigerung der Sinneswahrnehmung und der Oberflächensensibilität dar, sondern spielt auch für die zärtlichen und die sexuellen Beziehungen von Erwachsenen eine zentrale Rolle.

"Es ist keineswegs nur die Folgsamkeit gegenüber staatlichen Anordnungen, die die meisten Menschen zur Befolgung der Distanzregeln motiviert"

Auch unser psychisches Erleben ist enorm störanfällig. Die Vulnerabilität zeigt sich hier als psychisches Trauma. Schwere psychische Beeinträchtigungen, Störungen und Krankheiten gehen häufig auf traumatische Erlebnisse zurück, also auf Gewalt, sexuellen oder narzisstischen Missbrauch, Verlassenwerden oder Vernachlässigung. Aber auch bei weniger drastischen seelischen Verletzungen, beispielsweise bei narzisstischen Kränkungen unseres Selbstwertgefühls, bei Erfahrungen von Zurückweisung, Entwertung, Enttäuschung und Beziehungsabbruch, zeigt sich, wie verletzlich, fragil und sensibel unsere psychische Ausstattung konstruiert ist.

Diese psychische Verletzbarkeit hat eine Kehrseite, und zwar eine positive: Sie stellt die Sensibilität für die eigene psychische Innenwelt und für die emotionalen, kognitiven und motivationalen Zustände anderer Menschen dar. Die menschliche Fähigkeit, Mitgefühl, Sympathie und Mitleid für andere zu empfinden, ist nur auf der Basis der Doppeldeutigkeit von Vulnerabilität und Sensibilität denkbar. Wir können uns umso sensibler in andere Menschen einfühlen, je mehr wir einen Zugang zu unserer eigenen Verletzlichkeit haben.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

In der Coronakrise spielt das Mitgefühl mit dem Leiden anderer Menschen eine zentrale Rolle - mit denen, die krank sind, die sterben, die einsam sind oder in eine dauerhafte Selbstisolierung gezwungen, weil sie zu einer Risikogruppe gehören. Es ist ja keineswegs nur die nackte Angst um die eigene Gesundheit und auch nicht nur die Folgsamkeit gegenüber staatlichen Anordnungen, die die meisten Menschen zur Befolgung der Distanzregeln motiviert, sondern vor allem auch die Einfühlung in das Leid wildfremder Menschen oder auch die Vorstellung, man könnte anderen Menschen - ungewollt - Leid zufügen.

Nicht nur auf körperlicher und psychischer Ebene konfrontiert uns die Pandemie mit unserer existenziellen Vulnerabilität, sondern auch die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Prozesse erweisen sich als fragil, störanfällig und verwundbar. Mancherorts zeigt sich schon die Vertiefung bereits bestehender gesellschaftlicher Polarisierungen, die Suche nach Sündenböcken und die Bestrebung autoritärer Regime, im Schatten der Coronakrise die politische Opposition zu unterdrücken. Aber auch auf der gesellschaftlichen Ebene gilt, dass die Wandlungsfähigkeit menschlicher Gemeinschaften die Möglichkeit eröffnet, die weltweite Krise zu nutzen, um das zukünftige Zusammenleben auf ganz neue Weise zu gestalten - Basis könnte die Erfahrung sein, dass wir aufgrund der individuellen Verletzlichkeit eine kollektive Verantwortung füreinander haben.