Jan Kalbitzer

Psychiater zu Corona-Protesten Die wahren Gräben gehen durch die Mitte der Gesellschaft

Kann es sein, dass die Ausgrenzung der Corona-Protestler der kleinste gemeinsame Nenner der bürgerlichen Milieus ist? Warum wir lernen müssen, mehr Unterschiede auszuhalten.
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Kkgas/ Stocksy United

Was muss das für ein Kick sein? Über ein Geheimwissen zu verfügen, mit dem man renommierten Corona-Experten locker das Wasser reichen kann. In einer Gemeinschaft zu demonstrieren, die durch alle "Lager" zu reichen scheint. Und dann, angefeuert von Mitstreitern, verboten nah an Polizisten heranzutreten, die nur Ihretwegen am Wochenende eine Extraschicht einlegen. Und in das Meer von Kameras, Mikrofonen und filmenden Mobiltelefonen laut Ihre Meinung zu sagen, die dann abends vielleicht die Tagesschau sendet; oder zumindest von einem Journalisten oder Influencer auf Twitter empört mit seinen vielen Followern geteilt wird. 

Die Corona-Proteste lenken von einer falschen Harmonie in der gesellschaftlichen Mitte ab

Es ist bereits viel darüber diskutiert und geschrieben worden, dass diesen extremen und wirren Meinungsäußerungen keine Bühne geboten werden sollte. Nicht nur weil sie dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung überrepräsentiert werden und unnötig an Einfluss gewinnen. Sondern auch weil durch soziale Belohnung in Form öffentlicher Aufmerksamkeit solches Verhalten und damit die verbundene Spaltung verstärkt wird. Warum geschieht es dann trotzdem weiter?

Eine mögliche Antwort: Weil durch diese Abgrenzung nach außen eine Harmonie-Illusion im Inneren aufrechterhalten wird. Die öffentlichen Versammlungen derer, die meinen, aufgrund kruder Theorien und Überzeugungen gegen Unterdrückung und für ihre Freiheit zu demonstrieren, sind ein kleines Problem - verglichen mit den Gräben, die die Maßnahmen zum Infektionsschutz in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft gerissen haben und noch weiter reißen werden. 

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Bereits unter dem Druck des Shutdowns wurden schnell unterschiedliche Auffassungen von Verantwortung und Gemeinwohl deutlich, etwa bei der Einhaltung des Mindestabstands in der Öffentlichkeit, der Maskenpflicht oder der Beurteilung persönlicher Bedürftigkeit bei der Inanspruchnahme von Fördermitteln oder Kinderbetreuung. 

Die Hoffnung, zusammen mit dem Virus etwa gleich noch den Kapitalismus loszuwerden, stand der Forderung gegenüber, den Schutz der Gesundheit nicht uneingeschränkt über wirtschaftliche Interessen zu stellen. Ganz zu schweigen von der Diskussion über die psychische Gesundheit von Kindern gegenüber der Angst vor Kitas und Schulen als Hort der Infektionen.

Politikern wie Donald Trump wird immer wieder unterstellt, den inneren Zusammenhalt durch Abgrenzung nach außen stärken zu wollen. Aber steckt hinter dem Spott über die "Hygienedemonstrationen", dem Lästern über "Ken und Attila" nicht ein ähnlicher Versuch: das Zerbrechen einer gefühlten Meinungsmitte durch Abgrenzung nach außen zu verhindern?  

Diejenigen, die lästern, sind die wahren Impfgegner

Durch das Coronavirus sind gesellschaftliche Gräben sichtbar geworden, die in Zeiten des unbesorgteren Wohlstands besser überspielt werden konnten. Doch es wäre naiv und verantwortungslos, vorschnell zu einem Zustand vermeintlicher Harmonie zurückkehren zu wollen. Denn die Unterschiede, die gerade zwischen Familienmitgliedern, Freunden und in der Nachbarschaft zu beobachten sind, sind echt. 

Nicht erst seit der aktuellen Pandemielage stehen wir vor enormen globalen Herausforderungen. Die größte Hoffnung liegt weiterhin auf den wohlhabenden westlichen Demokratien, diese Probleme zu lösen. Doch gerade die bürgerlichen Milieus dieser Gesellschaften, die, die das Geld und die Bildung hätten, um nach Lösungen zu suchen, scheitern daran, sich den echten Herausforderungen zu stellen.

Der Grund dafür liegt in ihrer Form der "Impfverweigerung": nicht der Impfung gegen Krankheiten wie Röteln oder Masern, sondern einer Impfung, die das diskursive Immunsystem stärkt. durch Konfrontationen mit Ungewohntem, Unerwünschtem. In der aufrichtigen Auseinandersetzung mit den vielen Bruchlinien im Innern, die durch Corona zutage treten. 

Denn diese Gräben, die sich gerade auftun, bedeuten nicht, dass die Gesellschaft zerbricht. Aber erst, wenn wir lernen, diese Unterschiede zu akzeptieren und auszuhalten, werden wir stark genug sein, uns gemeinsam und in echter Vielfalt den Herausforderungen zu stellen.