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Corona-Zeit und Depressionen Wie ertrage ich meine Familie?

Unser Autor hat Depressionen - daran ändern auch die "Corona-Ferien" nichts. Er muss nun wochenlang mit seiner Familie zu Hause ausharren. Kann das gut gehen?
Von Benjamin Maack

Und plötzlich ist passiert, was sich alle Eltern immer gewünscht haben: Endlich haben wir mal richtig viel Zeit für die Familie. Corona-Ferien.

Gut, so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Die Schulen und Kindergärten geschlossen. Erst für zwei Wochen, dann bis zum 19. April. Praktisch zweite Sommerferien, nur ohne Sommer und ohne Ferien. Fünf Wochen gemeinsam auf engem Raum. Zwei davon verbringen meine Familie und ich in Quarantäne, weil wir in Österreich waren.

Endlich mal Zeit für die Familie. Ich merkte schnell, dass ich es nur schwer ertrage, für so lange Zeit auf so engem Raum mit meiner Frau Friederike, Theo (7) und Wolf (3) zu leben. Und ich merkte, dass mich das nicht nur nervt, sondern an den Rand von Depressionen trieb.

In den letzten Jahren war ich wegen Depressionen drei Mal in der Klinik, zuletzt im Herbst 2019. Eine ziemliche Belastungsprobe für unsere Familie. Und jetzt sollte es schon wieder losgehen? Fuck.

Meine fiesesten Stolperfallen in die Depression sind Scham, Angst, nicht gut genug zu sein, schlechtes Gewissen. Diese Gefühle führen bei mir leicht zu Selbstvorwürfen, die sich ebenso leicht zu Selbstverachtung und Selbsthass steigern. Immer wieder drohe ich unmerklich von diesen Gefühlen überschwemmt zu werden oder in Gedankenschleifen zu geraten, die mich erbarmungslos runterziehen.

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26.11.2022 20.32 Uhr

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Seit dem letzten Klinikaufenthalt ging es ziemlich gut. Dann kamen Corona und Quarantäne. Wir schlitterten von schlechter Nachricht zu schlechter Nachricht über das Virus. Wir planten von Tag zu Tag, weil keiner wirklich vorhersagen kann, was morgen los ist. So fühlte es sich in den ersten Tagen zumindest an.

Wann endet die Homeoffice-Lösung? Wann gehen wir wieder zum Arbeiten ins Büro? Wann werden die Kinder wieder betreut? Wird die Lage sich verbessern oder verschlechtern? Wir taumelten durch die ersten Tage.

Ich sah das alles und merkte, dass ich meine Kinder nicht ertrug. Oder eben nur kurz. Normallang vielleicht, wenn man einen normalen Alltag mit Arbeit, Schule, Hobbys, Freunden hat. Aber viel zu kurz, wenn man für Wochen gemeinsam in einer Wohnung leben muss.

Das ist natürlich für alle eine Herausforderung. Für Friederike, die ihren Job vom Homeoffice aus erledigen muss und wütend und frustriert ist, weil über das Internet alles so unglaublich lange dauert. Für die Kinder, die plötzlich ihre Freunde nicht mehr sehen können, die ganze Tage miteinander auskommen und sich sehr viel allein beschäftigen müssen.

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Schon unter normalen Umständen springen die Emotionen von Kindern ja manchmal herum wie hundert Flummis auf einem Trampolin. Die Corona-Ferien machten Theo und Wolf immer wieder ziemlich dünnhäutig. Sie wussten nicht genau, was da mit ihnen und um sie herum passierte. Sie stritten, wüteten, weinten. Und ich weiß, dass sie das nicht böse meinen. Aber ich hielt das ganze Kreischen, Brüllen, Heulen, Nörgeln manchmal nicht aus.

Nicht eine Sekunde. Manchmal schrie ich im Affekt zurück - und verachtete mich sofort dafür. Manchmal gelang es mir, mich zusammenzureißen, dann versuchte ich die weinenden oder wütenden Kinder durch Kuscheln oder beruhigende Worte zu besänftigen. Und wenn das nicht klappte, pumpten ihre Ausbrüche mich mit Stress voll.

Bis ich irgendwann so ausgefüllt davon war, dass es sich anfühlte wie Säure in meinen Adern. Ich wollte schreien, fies sein, betteln, dass sie aufhören. Aber am meisten wollte ich weglaufen, mich irgendwo vor ihnen verstecken. Eigentlich stimmt das gar nicht. Eigentlich wollte ich mich vor mir verstecken. Vor dem schlechten Vater, der ich für sie bin.

Vor lauter schlechtem Gewissen machte ich einen großen Fehler: Ab der zweiten Woche im Homeoffice hatte ich frei. Immer mehr hatte ich das Gefühl, dass ich alles schlecht mache, dass ich schlecht bin. Dass ich Friederike nicht genug entlaste und nicht nur ein mieser Vater bin, sondern der schlechteste Vater der Welt. Also, auf jeden Fall der schlechteste Vater jener Welt, die sich in meinem Kopf breitmachte. Deshalb sagte ich: "Wenn ich Urlaub habe, kann ich ja die Kinder übernehmen, während du arbeitest."

Klingt doch nach einer richtig guten Sache. Der Partner, der unterstützt und hilft, wo er kann. Das wollte ich gern für meine Frau sein. Das Problem: Ich konnte das gar nicht. Und das wusste ich schon, während ich es sagte. Ich behielt es für mich. Aber mein Wissen darum, dass ich versagen würde, zog mich so sehr herunter, dass es mir noch schneller noch schlechter ging.

So schlecht, dass ich noch weniger mit den anderen zusammen sein konnte, so schlecht, dass ich manchmal kaum sprechen konnte, so schlecht, dass ich anfing, wieder tagsüber im Bett zu liegen. Ich sah das alles und konnte nichts tun. Ich wollte keine Last sein und wusste, dass ich das schon längst war. Und das machte alles noch schlimmer.

Ich zwang mich dazu, viel Hausarbeit zu machen. Da konnte ich nützlich sein, ohne die anderen zu sehen. Ich nahm mir Projekte vor: eine neue Sandkiste bauen, einen Dämmerungsschalter für die Lampe am Hauseingang installieren, eine Babydecke für das Neugeborene eines Kollegen häkeln, das Klo im Keller vertäfeln. Alles, um mein Leben auf einfache To-do-Listen, auf ein machbares Schritt-für-Schritt zu reduzieren. Um noch ein wenig länger zu funktionieren. Oder wenigstens so zu wirken. Und um meiner Familie aus dem Weg zu gehen. Ich schlief immer mehr, abends trank ich zu viel.

Auf WhatsApp posteten unterdessen stolze Eltern, was für coole Sachen sie gerade mit ihren Kindern basteln, spielen, lernen. Ich war oft schon froh, wenn ich es schaffte, mit meinen in einem Raum zu sein.

Ich rasselte direkt in eine Depression. Das konnte ich erkennen, aber nicht stoppen. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Und als ich eine Möglichkeit sah, traute ich mich nicht, Friederike darauf anzusprechen.

Es dauerte ein paar weitere Tage, bis es so schlimm war, dass ich wagte, meiner Frau zu sagen, was ich brauchte, um nicht weiter auseinanderzufallen: Ich bat sie um Freiräume, ich sagte ihr, was sie schon längst gemerkt hatte: Dass ich mein Versprechen, mich um die Kinder zu kümmern, nicht erfüllen konnte. Ich dachte, dass ich noch wertloser werden würde.

Eine Woche nach Beginn unserer Quarantäne setzten Friederike, die Kinder und ich uns gemeinsam hin und machten einen Tagesplan. Uhrzeiten fürs Zähneputzen und Anziehen, für die Mahlzeiten, fürs Arbeiten im Homeoffice und für die Schule. Auch ich bekam morgens Homeoffice-Zeit, die ich mit Theo, der seine Schulsachen macht, in meinem Kellerbüro verbringe. Außerdem jeden Tag eine Stunde Mittagsschlaf. Ja, kein Witz. Und: Nein, ich bin nicht 72, ich bin 42.

"Wir brauchen noch eine Quatschzeit!", schlug Theo vor, "da können wir Quatsch mit Papa machen!" Das war mit Abstand die beste Idee. Wir machten eine Stunde aus, in der ich für die Kinder da sein würde und wir gemeinsam Unfug machen. Das würde ich hinbekommen.

Und dafür, dachte ich, würde ich vielleicht für den Rest des Tages ein weniger schlechtes Gewissen haben. Habe ich wirklich.

Seit ein paar Tagen halten wir den Tagesplan akribisch ein. Heute Morgen ging alles sehr gut. Zähneputzen, anziehen, Frühstück, dann mit Theo in meinen Arbeitsraum. Er löst seine Schulrätsel, ich löse das Text-Rätsel, das Sie gerade lesen. Und es ist gerade sehr schön.

Gestern sind Friederike und ich trotzdem noch einmal aneinandergeraten. Sie sagte, ich hielte die Kinder nicht gut genug davon ab, sie beim Arbeiten zu stören. Ich hatte daraufhin einen Totalabsturz. Ich nahm ein sehr starkes Beruhigungsmittel, kuschelte mich mit den Kindern auf das Sofa und wir sahen die Tierdoku "Unsere Erde" an. Es war sehr schön.

Abends vertrugen Friederike und ich uns wieder. Herrje, dachte ich, wir üben ja noch. Wir sind ja noch Anfänger. Wir üben und reden miteinander und werden von Tag zu Tag ein wenig bessere Urlauber in unseren Corona-Ferien.

PS: An den Rändern der Nachrichten höre ich in letzter Zeit immer wieder, wie schwer diese Zeit für Menschen mit psychischen Problemen ist. Das kann ich bestätigen. Wenn Sie einer dieser Menschen sind, ich denke gerade oft an Sie. Ich wünschte, ich hätte eine Lösung für jeden und alles. Eine, die ich in diesen Text schreibe und plötzlich geht es allen gut. Wie Sie eben gelesen haben, habe ich das leider nicht. Aber vielleicht steht hier ja irgendwas, das hilft.

Ich wünsche Ihnen alles Gute. Sehen Sie zu, dass Sie sich Hilfe holen, wenn Sie Hilfe brauchen. Das Sie mit den Menschen um sich in Kontakt bleiben. Denn Sie sind prima Leute, nur Ihr Kopf liegt manchmal super falsch, was Sie selbst betrifft. Das glaube ich nicht, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Alles Liebe und Gute. Passen Sie auf sich auf.

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