Musikschülerinnen und -schüler der Violinistin Kristīne Balanas, die am Ende der Onlineworkshops ein gemeinsames Konzert per Video einspielten
Musikschülerinnen und -schüler der Violinistin Kristīne Balanas, die am Ende der Onlineworkshops ein gemeinsames Konzert per Video einspielten

Kunst und die Pandemie Video skilled the Radio Star

Sie unterrichten auf Zoom, ziehen wieder zu den Eltern oder wechseln ganz den Job: Musikerinnen und Musiker ohne Auftrittsmöglichkeit leiden besonders unter Corona. Fünf erzählen, warum sie das dennoch als Chance begreifen.
Protokolle aufgezeichnet von Christina zur Nedden

Abgesagte Tourneen, Festivals und Konzerte – Musiker und andere Kulturschaffende hat es in der Pandemie besonders hart getroffen. Allein durch gestrichene Livemusik-Veranstaltungen kam es laut dem Branchenmagazin »Pollstar« weltweit zu Verlusten von über 30 Milliarden US-Dollar.

Hinter dieser Zahl stehen zahlreiche Musiker, die sich von klein auf darauf vorbereitet hatten, um die Welt zu reisen und vor Publikum aufzutreten. Wegen des Coronavirus waren ihre Terminkalender auf einen Schlag leer, das stellte sie vor die Frage, wie sie mit dieser schwierigen Situation und der Ungewissheit umgehen sollen – und wann diese sich wohl ändern wird.

Dass Kunst und Kultur in vielen Ländern nicht als systemrelevant eingestuft wurden, stürzte einige Künstler in eine regelrechte Sinnkrise: Wenn die Welt keine Kunst braucht, hat das, was sie tun, überhaupt einen Wert? Andere fanden neue Wege, Musik zu machen und Menschen in der Pandemie Hoffnung durch Musik zu schenken, online oder an ungewöhnlichen Orten wie einem Kaufhaus-Schaufenster.

Der SPIEGEL hat fünf junge Musiker und Musikerinnen aus den USA, Deutschland, Lettland und Südafrika gefragt, wie sie die Pandemie erleben.

Sophia Bacelar, 25, Cellistin in New York

»Ende Januar 2020 saß ich als Gast bei den Grammy Awards, weil ich gerade Botschafterin des zugehörigen Musikbildungsprogramms geworden war. Kurz darauf sollte ich mit dem Komponisten Hans Zimmer auf Tour gehen, und mein Debüt in der Carnegie Hall war für Dezember angesetzt. Meine Karriere ging also gerade steil bergauf, als die Pandemie mit einem Schlag meinen Terminkalender leerfegte. Als entschieden wurde, dass Musik nicht systemrelevant ist, stellte ich meinen bisherigen Lebensweg komplett infrage. Ich spiele Cello, seit ich zwei Jahre alt bin, mit 10 begann ich an der Juilliard School in New York klassische Musik zu studieren, mit 20 spielte ich ein Solokonzert in der Berliner Philharmonie. Wenn Menschen ohne Musik leben können, hatte das, was ich tat, überhaupt einen Wert oder war es vielleicht überflüssig? Ich war deprimiert und entschied, auch aus finanziellen Gründen, für eine Zeit zurück zu meinen Eltern zu ziehen.

Ende Oktober trat ich das erste Mal wieder vor einem ›Publikum‹ auf, der Filmcrew des Violin Channel, für den ich ein Online-Konzert aufnahm . Ich merkte, wie sehr mir das gefehlt hatte, weil Musik meine Art ist, mit Menschen zu kommunizieren. Im März dieses Jahres durfte ich als Teil einer Konzertreihe im Schaufenster des Kaufmann Cultural Center  in New York spielen.

DER SPIEGEL

Es war sehr kalt und trotzdem gab es viele Zuschauer auf der Straße. Ein kleiner Junge hielt seine Hände ans Fenster. Ich dachte: So etwas wäre bei einem herkömmlichen Konzert nicht möglich gewesen und freute mich. In den nächsten Tagen ziehe ich nach Kalifornien. Ich habe im letzten Jahr Filmwissenschaften studiert und möchte nun meine Musik mit modernem Tanz in Kurzfilmen ausprobieren. Die Pandemie hat mich also auch gezwungen, kreativ zu werden und das hat sicher auch etwas Gutes.«

Florian Brettschneider, 24, Gitarrist in Frankfurt am Main

Foto: Anika Maierhöfer

»Die Pandemie hat mich eigentlich erst vor einem Monat emotional erwischt. Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wie lange ich noch darauf warten werde, mein früheres Leben als Gitarrist, Produzent und Komponist wieder aufnehmen zu können. Vor der Pandemie hatte ich jährlich um die 150 Auftritte mit verschiedenen Ensembles, auf Open Airs, als Begleitung von Sängern, aber auch auf Hochzeiten und Firmenveranstaltungen. Ich spielte in Europa und Südamerika. Zum Glück habe ich dabei viel gespart und konnte im letzten Jahr davon leben, denn mir fehlen durch die abgesagten Live-Auftritte 90 Prozent meines Einkommens. Obwohl ich bis zum letzten Jahr klassische Musik an der Musikhochschule Frankfurt studiert habe, liebe ich es, verschiedene Genres wie Jazz, Pop oder Klassik zu mischen.

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Da ich jetzt mehr Zeit habe, habe ich mir ein Schlagzeug gekauft und bringe mir selbst das Spielen bei. Auch produziere ich viel mehr in Studios als sonst und kann so ab und zu einige Gitarrenspuren verkaufen. Natürlich vermisse ich das Publikum. Das spürte ich auch, als ich vor einem Monat in einem Ferienklub auf Fuerteventura auftrat. Noch mehr fehlt mir allerdings, mit anderen gemeinsam Musik zu machen. Ich kann mir heute kaum vorstellen, dass ich mal mit Stars wie Jazzklarinettist Giora Feidmann auf einer Bühne stand. Für Menschen, die gar keine Musik mehr hören, muss es noch schlimmer sein. Im Februar dieses Jahres nahm ich ein Video-Konzert mit meinem Kollegen Christian Hoeper auf. Es wurde in einem Wohnheim für geistig Behinderte gezeigt. Nach der Pandemie gehen wir wieder selbst vorbei.«

Kristīne Balanas, 30, Violinistin in Riga

»2020 war ein ungewöhnliches Jahr für mich. Vor der Pandemie spielte ich als Solistin mit den führenden Orchestern der Welt und drehte eigene Musikvideos . Ich war ständig unterwegs, oft mit meinen Geschwistern Margarita und Robert, die Cello und Violine spielen. Plötzlich hatte ich nur noch wenige Konzerte, die ungewöhnlich abliefen. Im Mai spielte ich einmal in Deutschland dasselbe Konzert dreimal hintereinander, jeweils für 200 Leute, damit die zugelassene Personenanzahl nicht überschritten wurde. Einmal spielte ich mit einem Orchester in Madrid und musste dabei Maske tragen, das war gewöhnungsbedürftig. Irgendwann hing ich in Lettland fest und ein Solist, der mit dem Nationalen Symphonieorchester Lettlands auftreten sollte, erkrankte an Corona. Ich wurde gebeten, ihn zu ersetzen und hatte 24 Stunden Zeit, das Violinkonzert von Tschaikowsky einzustudieren. Natürlich hatte ich auch noch viele Fernsehauftritte , aber das ist nicht dasselbe wie live aufzutreten.

Im Dezember erfüllten meine Geschwister und ich uns einen Traum. Wir boten 50 jungen Musikern und Musikerinnen umsonst Workshops an, um sie zu ermutigen, trotz der Pandemie weiter Musik zu machen. Da wir sie nicht zusammen unterrichten konnten, trainierten wir sie einzeln. Die Workshops wurden online als Livestream gezeigt und über 100.000 Mal angesehen. Am Ende spielten wir mit ihnen allen ein Stück, jeder für sich zu Hause, aber doch alle zusammen. Bildung ist mir und meinen Geschwistern sehr wichtig, wir wollten mit dem Projekt etwas zurückgeben.

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Die Pandemie ist hart, aber nichts im Vergleich zu dem, was ich vorher erlebt habe. Wir wuchsen sehr arm auf und spielten als Kinder auf der Straße. Selbst als ich an der Royal Academy of Music in London studierte, arbeitete ich nebenher als Straßenmusikerin. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, hart zu arbeiten und niemals aufzugeben.«

Hannah Valentin, 31, Elektropop-Künstlerin in Berlin

»Meine Karriere begann erst so richtig im Februar letzten Jahres, also kurz bevor die Pandemie losging. Ich mache schon mein ganzes Leben Musik und bin von ihr umgeben. Meine Eltern und meine Schwester sind klassische Sänger, und ich bin Klarinettistin und ausgebildete Popsängerin. Anfang 2020 begann ich unter dem Namen VALENTIN elektronische Tanzmusik zu produzieren. Ich mische dabei Klarinettenspiel, Gesang und elektronische Musik. Diese Art von Musik ist dafür ausgelegt, live in Klubs gespielt zu werden. Diese Möglichkeit hatte ich dann aber gar nicht mehr, die Klubs sind seit Monaten geschlossen. Ich hatte trotzdem Glück, denn obwohl viele Musiker um die limitierten Auftritte konkurrieren, trat ich fast jedes Wochenende von Mai bis Oktober bei Open-Air-Festivals auf. Es fehlte jedoch das echte Bühnengefühl, denn die Publikumszahl war begrenzt und es musste Abstand eingehalten werden. Dabei kam keine echte Stimmung auf.

Ich nutzte die Zeit auch, um Musikvideos zu produzieren, was gar nicht so einfach war. Wir konnten ja keine Szenen mit Menschenmassen im Klub drehen und mussten sehr viele Hygienekonzepte einhalten. In einem Video thematisierte ich auch die Pandemie, weil ich neben meinem Beruf noch Unternehmerin im Gastronomiebereich bin und sah, wie diese Menschen litten. Ich bat für das Video Menschen auf der ganzen Welt, positive Botschaften auf Schilder zu malen, um so einander Hoffnung zu machen.

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Diese Hoffnung verlor ich Ende des Jahres selbst kurzzeitig. Ich zweifelte daran weiterzumachen, auch weil ich eine Familie und eine kleine Tochter zu ernähren habe. Jeder Künstler weiß jedoch, dass man niemals aufhören kann zu erschaffen und sich ohnehin ständig die Frage nach dem Sinn stellt – auch ohne eine Pandemie. Letztes Jahr sollte ich eigentlich mit der Band ›Mia‹ auf Tour gehen. Diese ist nun auf Anfang 2022 verschoben. Bis dahin nutze ich die Zeit, um weiter Musik zu produzieren. Auch wenn ich seit fünf Monaten kein echtes Konzert mehr gespielt habe, will ich vorbereitet sein, wenn es wieder richtig losgeht.«

Ralf Schmitt, Chorleiter Ndlovu Jugendchor, Moutse, Südafrika

»Der Ndlovu Jugendchor wurde 2009 gegründet, um Waisenkindern und Kindern aus schwieriger sozialer Herkunft eine Alternative zu einem Leben auf der Straße zu bieten. Viele von ihnen hatten ihre Eltern an Aids verloren und gingen nicht zur Schule. Der Chor sollte ihnen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Heute hat sich der Chor professionalisiert, ist weltbekannt und trat sogar als erster Chor weltweit im Finale von ›America's Got Talent‹ auf.

2020 wären wir eigentlich auch viel auf der ganzen Welt getourt, doch Südafrika hat es in der Pandemie besonders schwer getroffen. Der Chor muss zu Hause bleiben und spielt stattdessen internationale virtuelle Shows, durch die wir auch ein ganz neues Publikum erreichen. Wir nahmen auch viele Musikvideos auf, unter anderem einen Corona-Song, der die Menschen dazu animieren soll, sich an die Hygienemaßnahmen zu halten, ein Video darüber, wie man seine Hände ohne Zugang zu fließendem Wasser waschen kann und eines, das die Zuschauer zum Impfen aufruft. Wir wollen die Welt mit positiver Energie inspirieren, bis wir wieder reisen und auftreten können.

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Natürlich ist es trotzdem schwer für die Choristen, nicht mehr auf einer richtigen Bühne zu stehen. Wir verdienen auch weniger durch die ausgefallenen Shows. Die Einnahmen unserer virtuellen Shows ermöglichen es uns jedoch, die Choristen und unsere Mitarbeiter trotz Pandemie normal zu bezahlen.«