Jan Kalbitzer

Soziale Gerechtigkeit Warum Egoismus in der Pandemie verständlich ist

Jan Kalbitzer
Ein Gastbeitrag von Jan Kalbitzer
Jeder kennt jemanden, der sich die Coronaregeln ein bisschen nach den eigenen Bedürfnissen zurechtgebogen hat. Und fast jeder hat es selbst getan. Die Gemeinschaft hält das erstaunlich gut aus.
Foto: Malte Mueller / fStop / Getty Images

Die Zahl der Neuinfizierten sinkt, die Impfquote steigt stetig, die Tage werden zwar nicht wärmer, aber zumindest heller, und in Deutschland macht sich zunehmend Hoffnung auf ein baldiges Ende dieser Pandemie breit, die die Welt seit über einem Jahr in Atem hält. Doch Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn einem tiefen Luftholen nicht auch regelmäßig eine Diskussion über soziale Gerechtigkeit folgt.

Ist es gerecht, dass ältere Menschen Termine verfallen lassen und auf mRNA-Impfstoffe warten, während junge Mütter in systemrelevanten Berufen, die seit einem Jahr zum Schutz auch dieser älteren Menschen bis weit über die Erschöpfung hinaus gefordert wurden, sich gezwungen sehen, die freibleibenden AstraZeneca-Slots zu nehmen? Somit zum Schutz auch dieser »impfarroganten Rentner« auf eine Vakzine zurückzugreifen, die gerade bei jungen Frauen ein deutlich ungünstigeres Nutzen-Risiko-Profil hat? Ist es legitim, dass sich auch Journalistinnen, die problemlos vom Homeoffice aus arbeiten können, in einer Gruppe mit Menschen impfen lassen, deren Impf-Immunität wirklich relevant für das System ist – Verkäufer in Supermärkten etwa?

In jedem Fall ist es bemerkenswert, zu sehen, wie schnell einige Menschen während der Corona-Pandemie eine Privatmoral entwickelt haben, eine »Lex Ego«, mit der sie sich und anderen erklären, weshalb genau ihre Abkürzung gerechtfertigt ist, warum ihre private Einschätzung zur Legitimität des eigenen Verhaltens über dem steht, was allgemein als moralisch richtig betrachtet wird oder legal ist.

Niemand kann unter solchen Bedingungen dauerhaft unfehlbar bleiben

Viel bemerkenswerter jedoch ist, wie wenig all das der Gemeinschaft ausmacht. Denn sieht man von Hahnenkämpfen in den sozialen Medien ab, die mittlerweile fast schon unabhängig vom Thema mit großer Härte und Verbitterung geführt werden, dann fällt auf, dass fast jeder in seinem Umfeld Menschen hat, die in den vielen anstrengenden Pandemie-Monaten hin und wieder egoistisch gewesen sind. Dass aber weder massive Verbitterung noch die stetig drohende Spaltung zu spüren sind, sondern meistens vor allem Verständnis und Mitgefühl. Weil jeder das eben auch von sich kennt. Und weiß, dass unter solchen Bedingungen niemand dauerhaft unfehlbar bleiben kann. Dass das aber noch lange nicht heißt, dass man sich nicht grundsätzlich auch für die Gemeinschaft einsetzt und sozial engagiert ist.

Entgegen aller Sorgen, dass die aufgebrochenen Differenzen und die kleinen Verfehlungen Einzelner nachhaltigen Schaden an der Gemeinschaft verursachen könnten, zeigt sich aktuell meist eher das Gegenteil: Es ist zwar deutlich geworden, dass einige Menschen um einen herum ganz anders denken und das eigene Handeln nach anderen Maximen ausrichten. Nichtsdestotrotz finden gerade in den vergangenen Tagen und Wochen erschöpfte Menschen wieder mehr zueinander, nehmen einander kleine Verfehlungen nicht krumm, können trotz Differenzen auch wieder Spaß miteinander haben und freuen sich, sich endlich wieder häufiger von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

Unser vielfältiger, bunter Staat ist nicht an der Corona-Pandemie gescheitert. Dieser Staat hat sich durch die unterschiedlichen moralischen, sozialen und politischen Vorstellungen und Haltungen seiner Bürgerinnen und Bürger auch nicht spalten lassen. Die meisten Menschen in dieser Gemeinschaft reagieren auf kleinere Fehlbarkeiten ihrer direkten Mitmenschen in der Regel mit Verständnis oder doch zumindest mit der ausreichenden Gelassenheit.

Und deshalb sollte man sich durch plakative Geschichten von »Impfdränglern« oder etwa von Eltern, die ihren Kindern trotz eines harten Lockdowns nach individueller Risikoabwägung eine Geburtstagsfeier ermöglicht haben, nicht davon ablenken lassen, dass die Bürger dieses Staates unter dramatischen Bedingungen gezeigt haben, dass er ihretwegen, mit all ihrer Streit- und Fehlbarkeit, ein Erfolgsmodell ist.

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