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Alltagsfragen in der Coronakrise Warum muss ich mich an Regeln halten, die ich für falsch halte?

Der Psychiater Jan Kalbitzer beschreibt, warum Meinungsfreiheit nicht Handlungsfreiheit bedeutet, woher dieses Missverständnis kommt - und warum niemand sicher sein sollte, auf der richtigen Seite zu stehen.
Von Jan Kalbitzer

Ist der Zorn derer, die sich über Verstöße gegen die Maßnahmen zum Infektionsschutz aufregen, gerechtfertigt? Immerhin geht es um Menschenleben, die in Gefahr sind. Oder bricht da gefährliches Spießertum durch, macht sich in Deutschland gerade unter den bürgerlichen Gutmenschen eine fatale Sehnsucht nach einer harten Autorität breit? Wer hat recht? Und wie sollten wir mit solchen Konflikten umgehen? Oft geht es dabei um zwei sehr unterschiedliche Dinge: zum einen um ein sehr einfaches Missverständnis - und zum anderen um eine Fähigkeit, auf die wir zukünftig bei der Erziehung mehr achten müssen.

Das Missverständnis liegt darin, dass Menschen, die sich nicht an die allgemeinen Regeln halten, das immer wieder mit ihrem Recht auf Meinungsfreiheit begründen: Sie würden sich im Park mit Freunden auf ein Bier treffen, weil sie eben anderer Meinung seien, was die Regeln angehe. Man sehe ja am Beispiel Schweden, dass es auch anders laufen könne. Und die Studienlage sei doch widersprüchlich, das sagten selbst die Experten!

Was diese Menschen nicht richtig verstehen, ist, dass sie das volle Recht auf eine freie Meinung haben. Auch auf die Meinung, dass die Regeln, die für alle gelten, falsch sind. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich deshalb nicht an diese Regeln halten müssen. Weil das demokratische System eben nicht funktioniert, wenn alle immer nur das tun, was ihrer Privatmeinung entspricht. Und einigen fehlt jetzt die Fähigkeit, sich trotz ihrer eigenen Meinung an die für alle geltenden Vorgaben anzupassen. 

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Meinungsfreiheit bedeutet nicht Handlungsfreiheit

Hier zeigt sich möglicherweise ein Erziehungsfehler, den sich viele Eltern in Deutschland in unbeschwerten Zeiten leisten konnten, der aber jetzt fatale Folgen bei vielen mittlerweile Erwachsenen hat: eine unzureichende Trennung von Meinungs- und Handlungsfreiheit.

Lange Jahre war es in Deutschland möglich, auch abstrusen Wünschen von Kindern aufgrund eines außerordentlichen allgemeinen Wohlstandes und großer Bewegungsfreiheit nachzukommen. Gerade bei Konflikten um materielle Dinge, um Süßigkeiten und um Medienkonsum wichen einige Eltern lieber den Konflikten mit ihren Kindern aus und kamen Bedürfnissen schneller nach - um nur das Gequengel zu beenden.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Schon im Umgang mit digitalen Medien wurde deutlich, was damit über viele Jahre versäumt wurde: die zu vermittelnde Fähigkeit, mit Beschränkungen klarzukommen; auszuhalten, dass man ein Bedürfnis nicht immer sofort befriedigen kann. Dass es wichtig ist, unmittelbare Impulse kontrollieren und zugunsten eines größeren Ziels zurückstecken zu können. 

Deshalb fehlt jetzt einigen die Frustrationstoleranz, eine eigene Meinung zum Lockdown zwar jederzeit haben und auch lautstark überall vertreten zu dürfen. Sich aber trotzdem an die Regeln halten zu müssen, die andere für die Allgemeinheit festgelegt haben. Weil diese anderen, die Entscheider, von der Mehrheit der Menschen demokratisch gewählt wurden, um genau solche Regeln für alle zu erlassen.

Der Frust jener, die sich jetzt im Recht wähnen, könnte groß sein, wenn sich die Regeln ändern

Trotzdem müssen diejenigen aufpassen, deren Privatmeinung momentan sehr stark mit den Regeln, die für alle gelten, übereinstimmt. Und sich selbst kritisch hinterfragen, ob sie wirklich heldenhafte Kämpfer für das Gemeinwohl sind oder nicht auch ein bisschen Glück dabei hatten, dass die aktuelle Entscheidungslage einfach gut zu dem passt, was sie ohnehin fühlen und denken. 

Denn der Frust jener, die sich jetzt im Recht wähnen, könnte umso größer sein, wenn sich die Regeln ändern. Es ist etwa zu vermuten, dass es Überschneidungen zwischen der Gruppe gibt, die auf der Straße penibel auf Abstandsregeln achtet, und der, die die Öffnung von Schulen boykottieren will.

Wenn Sie also gerade sehr einverstanden mit den einschränkenden Maßnahmen sind, dann sollten Sie diesen emotionalen Wohlstand nutzen, um für schlechtere Zeiten zu trainieren, die mit einer Lockerung sicher auf Sie zukommen. Stellen Sie sich jetzt Ihren Ängsten und Herausforderungen, die nichts mit einem Infektionsrisiko zu tun haben. Zwingen Sie sich, zu üben, immer wieder aus Ihrer Komfortzone zu kommen.

Zum Beispiel, indem Sie Ihre Angst vor Auseinandersetzungen und Konfrontationen überwinden und mit den Menschen telefonieren, die völlig anderer Meinung sind als Sie. Und diesen Menschen noch einmal freundlich, aber bestimmt erklären, warum sie mit ihren Regelverstößen im Park, die sie als die ihnen zustehende Freiheit betrachten, auf sehr unfaire Weise die Freiheit anderer einschränken. Anderen wie Ihnen, deren Privatmeinung gerade zwar mehr mit den allgemeingültigen Regeln übereinstimmt. Was aber nicht heißt, dass Sie sich nicht auch unterordnen müssen, wenn es dann mal andersherum ist.