Foto: Klaus Vedfelt/ Getty Images

Kollateralfragen Warum sind wir plötzlich so bedürftig nach alten Kontakten?

Das Telefon feiert in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen ein Comeback. Mit anderen zu sprechen hilft, die eigenen Gefühle zu sortieren. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen durch und durch.
Von Hans-Jürgen Wirth

Vermutlich haben Sie in letzter Zeit auch das Bedürfnis, Ihre Verwandten und Freunde anzurufen und mit ihnen länger zu reden. Sie vermissen sie, obwohl Sie vor der Pandemie im normalen, hektischen Alltag eigentlich kaum Zeit für sie hatten. Warum ist der Kontakt, der Austausch jetzt so wichtig?

Der Mensch ist ein soziales Wesen durch und durch. Man könnte auch sagen: Er ist ein ultrasoziales Wesen. Der Mensch konstituiert sich überhaupt erst in sozialen Beziehungen in den frühen Eltern-Kind-Beziehungen bis hin zu den komplexen Beziehungen, die wir als Erwachsene zu Familienangehörigen, Arbeitskollegen, Freundinnen und Freunden, Bekannten, Facebook-Freunden, Leuten im Sportverein und so weiter unterhalten.

Das liegt auch daran, dass der Mensch eine Frühgeburt ist. Durch das große Gehirn ist der Schädel des menschlichen Fötus sehr groß und durch den aufrechten Gang der Geburtskanal relativ eng. Deshalb muss der menschliche Fötus relativ früh geboren werden. Das macht das Baby einerseits extrem empfindlich und störanfällig, andererseits folgt daraus, dass die Familie, die Gesellschaft, die Kultur den Menschen von Anfang an sehr stark prägen und formen. Der Mensch verfügt zwar auch über Instinkte, Triebe, angeborene Verhaltensmuster wie alle Tiere, aber der Einfluss der Kultur, der Gesellschaft, der Erziehung, der familiären und sonstigen Beziehungen auf die psychosozialen Fähigkeiten, die Persönlichkeitseigenschaften, emotionalen sozialen und kognitiven Leistungen ist enorm groß.

Das Ich braucht das Du

Eben deshalb ist der Mensch angewiesen auf soziale Beziehungen. Das Ich braucht das Du in der Kindheit, um sich überhaupt erst zu bilden. Und später im Leben, um sich neu zu formen, sich weiterzuentwickeln, um Bestätigung, Anerkennung, Zuwendung, Nähe, Liebe zu erhalten und zu geben.

In Zeiten der Corona-Pandemie verstärkt sich dies. Die privaten Gespräche in der Mittagspause, das Treffen im Café um die Ecke, das gemeinsame Fitnesstraining mit Freundinnen, all das ist weggefallen. Die Daten der Telefonanbieter zeigen, dass die Zahl der Telefonate enorm stark gestiegen ist. Sicherlich hat dies auch viel mit der Arbeit im Homeoffice zu tun. Aber auch die beruflichen Telefonate dienen nicht nur dem Austausch von Informationen, sondern ebenso dem Austausch über Gefühle, Gedanken, Ängste. Wie geht es dir? Wie hat sich dein Leben verändert? Ist es für dich auch so schwer, die Kinder dazu zu bringen, die Schulaufgaben zu erledigen? Hast du Angst davor, dich anzustecken und auf der Intensivstation zu landen?

Solche Gespräche helfen uns, den eigenen Gefühlshaushalt zu regulieren. Wir haben alle an uns selbst beobachten können, wie wir fast jeden Tag eine neue Sicht auf die Pandemie und die mit ihr zusammenhängenden Gefährdungen entwickelt haben. Wir wollen uns ein eigenes Urteil darüber bilden, wie bedeutungsvoll das ist, was man in den Medien über die Pandemie erfahren hat. Ist mein Leben, das Leben meiner Kinder, meiner Eltern jetzt in Gefahr? Oder aber: Der Frühling beginnt, die Sonne scheint, ich fühle keinerlei Krankheitsanzeichen und kenne auch keine einzige Person, die erkrankt ist - und trotzdem soll ich all diese Regeln einhalten? Wie siehst du das?

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Auf sich selbst zurückgeworfen

In dieser Ausnahmesituation ist es wichtig, sich mit Menschen auszutauschen, denen man vertraut, von denen man vielleicht annimmt, dass sie sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen, und von denen man weiß, dass sie besonders verständnisvoll und empathisch reagieren.

Besonders begierig nach Kontakt sind die Menschen, die allein wohnen. Sie sind jetzt auf sich selbst zurückgeworfen, da die Kontakte zu Arbeitskollegen, Freundinnen und Freunden oder auch zu Bekannten wegfallen oder zumindest stark eingeschränkt sind. Und noch härter trifft es Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen, die sich auch nach einem Ende der offiziellen Ausgangsbeschränkungen weiterhin isolieren müssen. Großeltern treffen ihre Kinder und Enkelkinder nicht mehr. Bewohner von Altenheimen und Pflegeheimen erhalten nicht mehr die üblichen Besuche.

Ich habe das große Bedürfnis nach Nähe und Austausch auch bei mir selbst festgestellt. Ich telefoniere viel häufiger mit meinem Vater, mal ruft er an, mal rufe ich ihn an. Wir haben mit der Corona-Pandemie ein Thema, über das wir lange und intensiv sprechen können, weil es uns gleichermaßen betrifft und beunruhigt. Und dass wir jetzt wieder so viel miteinander sprechen, zeigt uns beiden, wie wertvoll wir uns gegenseitig sind. Die Anrufe lassen uns unsere Verbundenheit spüren, wir nehmen Anteil daran, wie der andere mit der schwierigen Situation umgeht.

Es muss aber auch nicht immer ein langes, intensives Telefonat sein. Der Schwatz über den Gartenzaun hilft dabei, die eigenen Emotionen mit dem abzugleichen, was andere fühlen. Und trotz des physischen Abstands Nähe zu erleben.